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Heimatfilm einmal ganz anders: Der Regisseur Hans Steinbichler setzt diesen Film in einer "heilen Welt" in Szene. Hierankl ist ein idyllisch vor der oberbayerischen Alpenkulisse gelegenes Bauerngehöft in der Nähe des Chiemsees - eine heile Welt. Seine Bewohner sind allesamt attraktive, kultivierte Menschen: Der Bauer Lukas (von Josef Bierbichler eindrucksvoll intensiv verkörpert), ein im Gegensatz zu seinem eher vierschrötig-robusten Äußeren sehr gebildeter, schöngeistiger, feinsinniger Mann, zitiert aus dem Gedächtnis Goethe und Rilke und weiß selbst heillos verfahrene Situationen mit verblüffend passenden, literarischen Zitaten zu interpretieren und elegant aufzulösen. Mit seiner attraktiven Frau Rosemarie (Barbara Sukowa) hat er zwei erwachsene Kinder: eine Tochter und einen Sohn.

Die Tochter Lene (Johanna Wokalek spielt die schwierige Rolle mitreißend eindringlich) ist vor 13 Jahren als 17-Jährige nach einem heftigen Streit mit der Mutter von zuhause ausgerissen und lebt seitdem in Berlin. Nach einem Aufenthalt in München entschließt sie sich spontan auf dem Bahnsteig, nicht zurück nach Berlin zu fahren, sondern den Zug Richtung Salzburg zu nehmen: in ihre einst im Streit verlassene Heimat, zum ersten Mal nach 13 Jahren.

Unterwegs steigt in Rosenheim Lukas - ihr Vater - zu. Aber in die stürmische Wiedersehensfreude der beiden mischt sich auch schon Bitterkeit: Lene hat ihren Vater, der an diesem Wochenende seinen 60. Geburtstag feiern wird, auf dem Bahnsteig beim Abschied von einer ihr unbekannten, viel jüngeren Frau beobachtet: mit langen, zärtlichen Umarmungen und Küssen. Noch im Zug berichtet er Lene, dass er und Lenes Mutter sich in Hierankl "ganz langsam, wie zwei große Ozeandampfer", auseinander bewegen: "Man sieht sich noch, aber man spürt einander nicht mehr".

Das Wiedersehen mit der Mutter gestaltet sich merklich kühler: der alte Groll schwelt immer noch unter der Oberfläche, auf beiden Seiten. Lene sucht in der Begegnung weniger die emotionale Nähe ihrer Mutter; sie will wenigstens aufklären und endlich verstehen, warum es damals so kommen mußte. Die schöne, aber gefühlskalte Frau, unter deren Lieblosigkeit Lene schon als Kind sehr gelitten hat, blockt auch das ab.

Zu Lukas' Geburtstagsfeier kommt neben Lenes Bruder Paul überraschend auch Götz Hildebrand: ein alter Freund und Studienkollege, über den Lukas einst seine Frau kennengelernt hat, der aber schon seit 30 Jahren nicht mehr in Hierankl war. Zur Hausgemeinschaft gehört zudem Vincenz, der ehemals beste Freund von Lenes Bruder Paul: er hat ein offenes Verhältnis mit Lenes Mutter und hat sich von ihr praktischerweise als "Hausmeister" anstellen lassen. Er und Paul bekriegen sich.

Vorerst gelingt es Lukas noch, mit seiner feinsinnigen Belesenheit all diese schwelenden Konflikte zu überdecken und eine wenigstens oberflächlich harmonische Geburtstagsfeier zu inszenieren. Aber als sich Lene auf eine ihr selber rätselhafte Weise zu Lukas' altem Freund Götz (Peter Simonischek - mit einer herausragenden, schauspielerischen Leistung) hingezogen fühlt und mit ihm eine Affaire beginnt, reißt damit endgültig der schöngeistige Schleier über einem heillosen Knäuel aus Zerwürfnissen, Verstrickungen und hässlichen Geheimnissen weg. Das sich daraus entwickelnde Eifersuchts- und Inzest-Drama offenbart gnadenlos, dass die vermeintlich so heile Welt in Hierankl in Wirklichkeit noch nie heil war: schon seit jeher fußte sie auf fundamentalen Lügen und ideologischen Illusionen. Lenes insistierende Fragen nach den Ursachen klären sich schließlich auf - auf schrecklichere Weise, als sie es sich je hätte vorstellen können.

Als Zuschauer erlebt man die Tragödie der Reihe nach aus der Sicht aller Hauptbeteiligten; mit der Mehrzahl von ihnen identifiziert man sich dabei auch, man fühlt, hofft und leidet mit ihnen. Das Drama geht unter die Haut, es beschäftigt einen noch tagelang. Es ist kein schöner Film, aber ein lehrreicher: man versteht danach ein Stück weit besser, was und wie Leidenschaft mit Leiden zu tun hat.

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