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The Electric State

Vom Ansatz her charmante, aber insgesamt zu weichgespülte und tempoarme Dystopie für Jugendliche und jung Gebliebene 1980er-Nostalgiker. Weder die Avengers-Regisseure noch ein astronomisches Budget können den anvisierten Spielberg-Vibe erzeugen und so bleibt nur ein weiterer uninspirierter Blockbuster von der blechernen Netflix-Stange.

Die Russo-Brüder sind Jahrgang 1970 und 1971. Das bedeutet sie haben ihre Jugend in den 1980ern verbracht und in den 1990ern abgeschlossen. Beides merkt man ihrem neuesten Werk überdeutlich an. Für die Adaption des dystopischen Bilderromans „The Electric State“ holten die beiden Avengers-Macher die ganz große Nostalgie-Keule raus. Angesiedelt in einer alternativen Realität der frühen 90er inszenierten die beiden Marvel-Helden für den Streamingdienst Netflix ein fluffiges Retro-Bonbon, das in jeder Sekunde lauthals trötet: ich bin ein Spielberg-Film der Pre-Schindler-Ära. Das Kalkül dahinter ist klar, nachdem der größte 80s-Nostalgie-Hit des Hauses 2025 auf die Zielgerade einbiegt - es steht nun endgültig das „Stranger Things“-Finale an - , musste dringend Nachschub für die darbenden Retro-Aficionados her. Und so wurde Serien-Superstar Millie Bobby Brown flugs mit der offenkundigsten 80er-Marvel-Ikone Chris Pratt (Star-Lord in „Guardians of the Galaxy“, 2014) zum Teambuilding rekrutiert, um jung und alt weiterhin auf Nostalgie-Kurs zu halten.

Der nächste Quoten-Superhit schien also bereits eingetütet, vielleicht auch ein Grund für das fast schon unanständige Mega-Budget von kolportiert 320 Millionen Dollar. Gut, die 80er gelten ja auch als Dekade der Dekadenz, des Hedonismus und des Turbo-Kapitalimus. Dass auf den Rausch gern auch mal ein Kater folgt, ist allerdings ebenfalls eine Binsenweisheit und zwar nicht erst seit dem gloriosen Jahrzehnt der Unbeschwertheit. Jedenfalls staunte man im Netflix-Olymp nicht schlecht ob der mauen Zugriffszahlen der so richtungsweisenden ersten Woche. Was war schief gelaufen? Nun, die globale Liebe mindestens der westlichen Hemisphäre zu den goldenen 1980ern ist sicher nach wie vor ungebrochen, aber ein guter Film darf es dennoch sein, wenn man sie so richtig ausleben will. 

Joe und Anthony Russo mögen mit dem momentan zweiterfolgreichsten Film aller Zeiten („Avengers: Endgame“, 2019) aufwarten, aber geben selbst zu, dass die speziellen Umstände (der Ab- und Zusammenschluss einer 20 Jahre und 24 Filme umfassenden Erfolgsphase) eine zukünftige Wiederholung praktisch ausschließen. Böse ausgedrückt könnte man auch sagen, dass sie ihre Regie-Meisterschaft nach wie vor erst noch beweisen müssen. In „The Electric State“ jedenfalls fehlt jedwede individuelle Handschrift, alles wirkt vielmehr wie eine schwärmerische Kopie des Steven Spielberg-Stils und vor allem Contents seiner 80er Hits:

Und so begleiten wir eine jugendliche Protagonistin (Brown), die entdeckt, dass ihr tot geglaubter Bruder vielleicht doch noch am Leben ist, auf ihrer abenteuerlichen Suche durch eine dystopische Parallel-USA der frühen 90er. Ihr zur Seite stehen dabei ein knudelliger Roboter und ein abgehalfterter Schmuggler (Pratt), die beide trotz allerlei Spleens das Herz am rechten Fleck haben. Der Feind wiederum ist ein typischer Wolf im Schafspelz-CEO (Stanley Tucci als Ethan Skate), dessen technologisches Genie die Menschheit gleichermaßen unterhält wie unterdrückt. Die von ihm entworfene Neurocaster-Technolgie sorgte einst via von Gedanken gelenkter Drohnen für den Sieg der Menschheit gegen die Roboter, nun sorgt sie global für ein vermeintlich sorgenfreies, virtuelles Leben. Natürlich spielt der verschollene Bruder eine Hauptrolle in Skates finsterem Spiel und natürlich verbünden sich die von ihm Geschundenen und Benutzten zur Revolte.

Die Filmkritik im In- und Ausland goß eine wahre Flutwelle böser Kommentare über das sündteure Netflix-Produkt aus. So ganz berechtigt ist die Total-Demontage aber nicht. In der ersten Filmhälfte ist das immerhin noch ein charmanter Spaß. Das retrofuturistische Design der zahllosen Roboter war schon in der literarischen Vorlage grandios und kann auch in seinen vornehmlich animierten Film-Versionen vollauf überzeugen. Da werden Spielzeuge, Werbefiguren und allerlei andere Inspirationen genutzt um eine lebendige Robo-Welt zu erschaffen, die wie ein großer Rummelplatz zu permanentem Staunen oder mindestens Grinsen animiert. Bobby Brown ist als jugendliche Identifikationsfigur Michelle sympathisch und ihr Schicksal interessant genug, um ihr weiter folgen zu wollen. Selbst Pratt (Keats) nimmt man noch gerne mit, obwohl sein Smoothie aus sämtlichen Star Lord Auftritten im MCU von Anfang an einen faden Beigeschmack hat. 

"Fad" ist dann leider auch das Stichwort für den Mittelteil. Einmal aufgebrochen, haben Michelle und Keats kaum mehr zu tun als uns mit den vielen lustigen Blech-Piraten bekannt zu machen, die in der Exklusions-Zone vor sich hin vegetieren. Der Weg bis zum Aufstand gegen den finsteren Skate und seine noch finstere Neurocaster-Technologie ist keine Achterbahnfahrt wie in Spielbergs „Indiana Jones“-Abenteuern, sondern eine einschläfernde Schunkelei auf dem havarierten Dystopie-Dampfer. Wenigstens kommt im finalen Befreiungskampf wieder etwas Tempo auf, aber da hat man das Interesse am Schicksal der wenigen menschlichen Figuren längst verloren.

Der weichgespülte Anstrich ist überhaupt ein zentrales Problem. Die finstere, melancholische Zukunftsversion der Vorlage wird zum humorvollen Abenteuer für eine vornehmlich jugendliche Zielgruppe umprogrammiert. Der die gelungendsten filmischen Dystopien (u.a „Terminator“, 1984, „Matrix“, „Mad Max“, 1979) auszeichnende Schlag in die Magengrube weicht einem freundliche Klaps auf den Hinterkopf nach dem Motto: ist doch alles gar nicht so schlimm. Von einer allgemeinen Zukunfstkritik oder auch speziell einer Warnung vor möglichen Schattenseiten technologischen Fortschritts ist kaum etwas zu spüren. Ein im Genre-Kontext mindestens seltsamer Ansatz.

Entscheidet man sich aber dennoch für dieses widersprüchliche Konstrukt einer „Feelgood-Dystopie“, dann müssen das Gaspedal voll durchgetreten und die Empathie-Regler voll aufgedreht werden. Dass Anthony und Joe Russo beides können haben wir in „Avengers: Edgame“ gesehen, aber eben auch nur da. Schon ihre erste Netflix-Großproduktion, der Agenten-Thriller „The Grey Man“ (2022), krankte an seiner „Viel Lärm (und vor allem viel Kohle) um nichts“-DNA. Das schnelle Aufwärmen bekannt schmackhafter Zutaten rechtfertigte weder den vermeintlich großen Ruf der beiden Regie-Köche, noch das dafür bereit gestellte astronomische Spielgeld. Dieser Mirkrowellen-Mief haftet nun auch „The Electric State“ an und sollten sich Repertoire und Expertise der Russo-Brüder nicht bald qualitativ bewegen, dann werden die Regie-Michelin-Sterne weiterhin unerreichbar am Firmament verbleiben.

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