Review

Im Laufe ihrer durchaus achtbaren Filmkarriere wurde die am 2. Januar 1957 in Tomaszów Lubelski geborene Joanna Pacula einige Male von Monstern und artverwandtem Gesindel drangsaliert. Man denke nur an so unterschiedliche Werke wie Warlock: The Armageddon (1993), Last Gasp (1995), The Haunted Sea (1997), Virus (1999) oder Dinocroc (2004). In ihrem allerersten Horrorfilm jedoch - Pen Denshams The Kiss (1988) - war die gebürtige Polin, die 1977 ihr Film- und 1983 mit Gorky Park ihr US-Debut gab, im Prinzip sogar das Monster! Und man kann den Verantwortlichen zu dieser Entscheidung nur gratulieren, denn das Casting ist perfekt (*). Pacula spielt das erfolgreiche Model Felice, die nach dem gräßlichen Unfalltod ihrer Schwester Hilary (Pamela Collyer) aus Europa in die Staaten zurückkehrt und im Haus von Schwager Jack (Nicholas Kilbertus) und Nichte Amy (Meredith Salenger) in Albany, New York, unterkommt. Das sechzehnjährige Mädchen hat instinktiv eine Abneigung gegen ihre Tante, welche sich etwas zu auffallend freundlich um sie bemüht.

Und ihr Instinkt trügt Amy nicht. Denn wie bereits im atmosphärischen Prolog zu sehen ist, trägt Felice ein schreckliches Geheimnis mit sich herum. Dieses wurde ihr in ihrer in Afrika verbrachten Kindheit während einer Zugfahrt von ihrer Tante mittels eines aufgezwungenen Kusses übertragen. Felice ging danach ihrer Wege, die Tante blieb mausetot und furchtbar entstellt im Zug zurück. Die Motive, mit denen die Autoren Stephen Volk und Tom Ropelewski jonglieren (Hexerei, Tierhorror, Besessenheit, Voodoo, Unsterblichkeit, Körperhorror), sind keinesfalls neu, doch durch die Art der Zusammensetzung wirkt das Ganze frisch und irgendwie fast schon wieder originell. Hinzu kommt, daß die Geschichte im Herz ein Coming-of-Age-Drama ist, in das sich das Grauen langsam aber unaufhaltsam hineinschleicht. Amy ist ein hübsches, unsicheres Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, glaubhaft und sehr sympathisch portraitiert von Meredith Salenger (Lake Placid), was von großer Bedeutung ist, schließlich ist sie die Protagonistin, mit der es mitzufiebern gilt.

Um eines gleich vorwegzunehmen: The Kiss ist ein Film, bei dem Geduld gefragt ist. Die Handlung baut sich langsam und bedächtig auf, der Regisseur legt Wert auf die Figuren und ihre Beziehungen zueinander, die Erzählweise ist vorwiegend ruhig und unspektakulär. Die recht dichte Stimmung ist mysteriös, leicht beunruhigend, aber erstmal weder schauderhaft noch angsteinflößend. Trotz einiger ansprechend in Szene gesetzter Set-Pieces, die dank der generell unaufgeregten (und erfreulich ernsten) Herangehensweise weit mehr Kraft und Wucht entwickeln als bei hektischen Filmen, die ihr Heil im Spektakel suchen, dauert es geraume Zeit, bis sich das Geschehen zuzuspitzen beginnt. Dann allerdings gewinnt der Film rasch an Momentum, was sowohl der Spannung, als auch der Dramatik sehr zugute kommt. Und wenn es endlich ans Eingemachte geht, sind sich die Macher nicht zu schade, auch die schwereren Geschütze aufzufahren. Vor allem die letzte halbe Stunde hat es diesbezüglich in sich und bietet genügend Schauwerte auf, um selbst eingefleischte Genrefans zufrieden zu stellen.

Überhaupt empfand ich das letzte Drittel ungeheuer packend; ich habe mich einige Male dabei ertappt, daß ich unruhig auf der Couch herumgerutscht bin und das eine oder andere Mal sogar kurz davor war, vor lauter Anspannung aufzuspringen. Da zieht Densham wirklich alle Register, um das Publikum mitzureißen. Der denkwürdige Showdown im und um den Pool im Besonderen ist an Dramatik kaum zu überbieten. Auffallend (und etwas irritierend) sind die nicht zu übersehenden Parallelen zu Richard Donners Horrorklassiker The Omen (1976) bzw. dessen Sequel Damien: Omen II (1978, Regie: Don Taylor). Das beginnt bei den imposant in Szene gesetzten "Unfällen" (herausragend: die fiese Rolltreppenszene!), die erstaunlich viel der Vorstellungskraft des Zuschauers überlassen, reicht über die lautstarke Reaktion der Affen, welche die Bedrohung spüren, und endet beim mörderischen "Wächter" (eine häßliche Katzenbestie anstelle der Hunde), der seiner Herrin zur Seite steht. Dennoch wirken diese Elemente nicht aufgesetzt und fügen sich gut in den Handlungsfluß ein.

Für die Spezialeffekte zeichneten Chris Walas (The Fly) und Charles Carter (Scanners II: The New Order) verantwortlich, und ihre Kreationen können sich durchaus sehen lassen. Es sind gewiß keine FX-Sternstunden, aber Fans von Creature- und Body-Horror (das abgetrennte Bein etwa hat mich kalt erwischt und hat dementsprechend eingeschlagen) sollten das Gebotene mit Freude goutieren, insbesondere, wenn ein Faible für 80er-Jahre-Horror vorhanden ist. Daß auf die Hintergründe des teuflischen Geschehens überhaupt nicht eingegangen wird, finde ich sehr in Ordnung; es muß ja nun wirklich nicht alles zu Tode erklärt werden. Technisch gesehen gibt es an dem geschätzte sechs Millionen Dollar teuren Streifen, der über einen Zeitraum von sieben Wochen in Kanada gedreht wurde, kaum etwas auszusetzen. Kamera, Schnitt, Sound, Score, das ist alles mehr als nur passabel. Nach seiner von mäßigem Erfolg gekrönten Veröffentlichung ist The Kiss dann mehr oder minder in der Versenkung verschwunden. Zu Unrecht, wie ich meine.

Denn auch wenn es für die Champions League im Achtziger-Jahre-Horror-Bereich nicht gereicht hat, so macht der Streifen in der B-Liga darunter trotz einiger weniger Längen, trotz so mancher unvermeidlicher Klischees, trotz etwas aufdringlicher Symbolik und trotz diverser Anleihen bei der Konkurrenz (Paul Schraders Cat People (1982), Jack Sholders The Hidden (1987), die bereits erwähnten Omen-Filme) eine verdammt gute Figur.

(*) Mit ihrer kühlen Schönheit, den faszinierenden Gesichtszügen, den blau-grünen Augen, der erotischen Ausstrahlung und der animalischen, ein wenig katzenhaften Aura ist die Aktrice für diese Rolle einfach prädestiniert.

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