Review

Nicht nur Dario Argento ist in der Lage, sehr gute Gialli abzuliefern, sondern auch ein gewisser Sergio Martino. Zwar geht Martino nicht an die berühmten Grenzen eines Argento, dennoch ist dieser Film aus den Anfängen der 70er ein sowohl optisch als auch inhaltlich klassischer und hervorragender Giallo.


Julie Wardh (Edwige Fenech) reist mit ihrem Mann Neil zurück nach Wien. Schon am Flughafen muss Neil schon wieder zu einem Termin und lässt seine hübsche Frau mal wieder allein zurück. Im Hotel bekommt diese einen Blumenstrauß. Schnell ahnt sie, dass nur ihr Ex Jean (Ivan Rassimov) dahinterstecken kann. Jean ist nicht gerade ein angenehmer Zeitgenosse und vielleicht sogar ein wenig verrückt. Durch ihre Freundin Carol lernt sie dessen Cousin George (George Hilton) kennen, mit dem sie kurze Zeit später eine Affäre hat. Doch jemand beobachtet Julie und erpresst sie mit dem Wissen. Sie soll mit einer Tasche Geld in einem Park warten, doch ihre Freundin Carol will unbedingt gehen. Carol wird von einem mysteriösen Unbekannten umgebracht, der schon einige Frauen in Wien auf dem Gewissen hat. Nun ist er auch hinter Julie her. Sie ist sich sicher, es kann nur Jean sein, doch ist er es wirklich, denn er hat ein Alibi...


Das Giallo-Genre ist schon eine Kunst für sich. Es steht nicht wirklich die Logik im Vordergrund, sondern mehr das künstlerische Element, gepaart mit einer großen Portion Spannung. Sergio Martini ist genau dies gelungen, denn „Der Killer von Wien“ (wieder mal ein etwas eigenartiger dt. Titel) ist besser als so mancher Schundfilm, der uns aus dem Sektor präsentiert wird.

Schon zu Begin sieht man, Sergio Martino versteht es mit der Kamera umzugehen. Es gibt hervorragende Einstellungen, dann fast wieder virtuose Momente und er nutzt Flashbacks mit Julie, die eigentlich nur von Musik und einzelnen Tönen (Schläge ins Gesicht z.B.) unterlegt sind. Ich würde fast sagen, genau diese Falshback hat sich zumindest Dario Argento für seinen ebenfalls hervorragenden Giallo „Tenebre“ abgeschaut.
Was natürlich auch nicht fehlen darf, ist eine passende Musik. Und da sind die Italiener nun mal einsame Spitze. Ist man sonst eher Musik von Goblin gewöhnt, gerade wenn die Filme von Dario Argento sind, so stammt sie diesmal von der Komponistin Nora Orlandi, ein recht sympathische Frau, wenn man sich das Interview auf der Koch-DVD von ihr anschaut. Das Theme klingt sehr schräg und merkwürdig, ist aber sofort ein Ohrwurm und passt 100%ig zum Film. Meistens wird diese Musik bei den Flashbacks von Julie eingespielt, in der man sie mit Jean sieht, in recht merkwürdigen Praktiken, daher auch der viel bessere Originaltitel, denn merkwürdige Laster sind das allemal. Und eben genau diese Filmmusik wurde später von Quentin Tarantino in Kill Bill Vol. 2 benutzt. Dies sollte doch nun der endgültige Ritterschlag für Frau Orlandi sein, oder?

Bei den Schauspielern setze man auf bekannte Gesichter der damaligen Zeit. George Hilton der Schönling, Ivan Rassimov mal wieder als böser Bube und natürlich Edwige Fenech.
Der Film entstand in einer Zeit, wo es langsam Mode war, ein wenig mehr Pep in die Filme zu bringen. Da war Edwige Fenech natürlich genau die Richtige. Sie war sehr hübsch, jung und hatte eine Figur, die noch nicht dem Schlankheitswahn unterworfen war, den wir heute kennen. So ließ es sich Martino auch nicht nehmen, Madame Fenech öfters unbekleidet zu zeigen, was vor allem den männlichen Zuschauern gefallen wird, denn Madame Fenech hat einiges zu bieten. Auch als Schauspielerin überzeugt sie in diesem ersten Giallo von Martino, sicherlich keine Selbstverständlichkeit.

Jeder Giallo lebt von seinen Morden. Anfang der 70er war man natürlich noch nicht so weit, Szenen à la Argento zu zeigen, der ja praktisch der Erste war, der meist weibliche Opfer vor der Kamera geradezu abschlachten ließ. In „Der Killer von Wien“ geht es noch moderater zu. Aber sonst werden die grundlegenden Regeln eingehalten. Der Killer ist nicht zu erkennen, schwarz gekleidet, dazu die schwarzen Handschuhe und das blitzende Rasiermesser. Blut fließt natürlich, doch dies ist alles recht schnell geschnitten.
Eine nette Hommage von Martino gibt es auch bezüglich Alfred Hitchcock, denn ein Mord unter der Dusche erinnert natürlich sofort an Hitchcocks „Psycho“. Nur hat Martino kein Problem damit, mehr Blut und viel mehr nackte Haut zu zeigen, was bei Hitchcock ja nicht denkbar war.

Verdächtige im Film gibt es viele, wie in jedem Giallo. Doch irgendwie findet man als Zuschauer keinen richtigen Täter, denn eigentlich hat jeder ein Alibi. So wird man vielleicht am Ende sagen können, der Plot ist sehr unrealistisch. Aber wen stört das bitte bei einem Giallo? Wer hier strenge Logik will, soll sich „Columbo“ oder „Miss Marple“ angucken, wobei diese Filme auch nicht wirklich immer logisch sind, denn kann man das wirklich alles wissen? „Der Killer von Wien“ ist ein exzellenter Giallo aus den 70ern, basta.


Fazit: Sergio Martino zeigt mit „Der Killer von Wien“, dass er ein Talent hat, genau dieses Genre zu drehen. Der Film überzeugt mit einer hervorragenden Kameraarbeit, passablen Schauspielern und einer Menge Ideen. Die Regeln des Giallo werden eingehalten und so wird man 96 Minuten wirklich unterhalten. Fans des Genre werden an diesem Film nicht vorbeikommen, auch wenn der Giallo hier noch nicht die Intensität erreicht hat, die ihm Dario Argento später noch geben sollte. Dennoch ein Muss für alle Fans.

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