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Als „Mission: Impossible – Dead Reckoning“ 2023 in die Kinos kam, war er mit dem Zusatz „Teil eins“ bzw. „Part One“ versehen. Vielleicht lag es daran, dass er unter den Erwartungen an der Kinokasse abschnitt, dass die Fortsetzung nun doch als nicht als „Part Two“, sondern als „Mission: Impossible – The Final Reckoning“ in die Kinos kommt.
Seit dem Etappensieg, den Ethan Hunt (Tom Cruise) am Ende des direkten Vorgängers erringen konnte, ist intradiegetisch einige Zeit vergangen. Die Entität, wie der KI-Schurke heißt, hat sich mittlerweile ausgebreitet und in verschiedene Systeme gehackt, darunter auch die Atomwaffenkontrolle mehrerer Nationen. Es gibt sogar einen Kult, der das Vorhaben der Entität unterstützt einen Neuanfang für die Erde mit allen Mitteln durchzusetzen. Hunt besitzt derweil den Schlüssel, mit dem er an den Quellcode der Entität kommen kann, bleibt aber untergetaucht, weil er niemandem die Kontrolle über die Entität geben möchte – und die US-Regierung sucht genau deshalb nach ihm. Es ist ein Einstieg, der auch für Leute, die den direkten Vorgänger nicht gesehen haben, nochmal schnell alle Infos parat hat, doch ohne Kenntnis von „Dead Reckoning“ wird man wohl trotzdem nur Bahnhof verstehen.
Mit Hilfe seines Hacker-Kumpels Luther Stickell (Ving Rhames) arbeitet Ethan an einem Gerät, welches die Entität ein für allemal auslöschen soll. Um an sie heranzukommen, will er sich deren Handlanger Gabriel (Esai Morales) krallen, dem er auf einem Empfang auflauert. Hier trifft Ethan die Diebin Grace (Hayley Atwell) wieder, die ihm kurz aus der Patsche hilft, doch dann werden die beiden wiederum von Gabriel gefangen genommen. Der ist seit seinem Versagen am Ende des Vorgängers bei der Entität selbst in Ungnade gefallen und möchte die KI nun seinerseits kontrollieren. Es ist eine einerseits komplizierte Gemengelage, andrerseits im Grunde genommen total simpel: Fast jede Fraktion im Film will die Entität unter ihre Kontrolle bringen, nur Ethan will den Stecker ziehen und die Entität nebst Anhängerschaft möchte ihren Plan durchführen.

Bis zur Umsetzung besagten Plans ist nicht mehr viel Zeit: In weniger als vier Tagen wird die Entität alle Atomwaffen der Welt unter ihre Kontrolle gebracht haben und kann dann schalten und walten wie sie möchte. Also bricht Ethan zusammen mit seinem Team Richtung Barentssee auf, wo man das U-Boot-Wrack mit dem Quellcode der Entität vermutet…
„Mission: Impossible – The Final Reckoning“ ist in mehrerlei Hinsicht als großes Finale angelegt. Da ist die stattliche Laufzeit von fast drei Stunden, länger als jeder andere Film der Reihe. Da sind zahlreiche Querverweise zu den Vorgängern, die etwas bemüht vorgaukeln sollen, dass einige aktuelle Geschehnisse bereits dort angelegt waren. Aber immerhin ist dies nicht nur für einige Rückblenden und eine etwas forcierte Enthüllung über die Hintergründe von Briggs (Shea Whigham) gut, sondern auch für eine nette, unerwartete Gastrolle einer bestimmten Nebenfigur. Vor allem aber soll ein Gefühl von Endspiel und Endgültigkeit erzeugt werden: Dieses Mal steht das Schicksal der Welt so deutlich wie nie auf dem Spiel, geht es doch um das Überleben großer Teile der Menschheit, und ein herber Verlust zu Beginn soll schon andeuten, dass es hier konsequenter und rabiater als in anderen Filmen der Reihe zugeht. Im späteren Verlauf und vor allem gegen Ende schreckt der Film vor dieser Konsequenz dann allerdings wieder zurück und wie final dieses Reckoning letzten Endes ist, werden wohl die Zuschauerzahlen und der Wille von Hauptdarsteller-Produzent Tom Cruise entscheiden.

Nun gilt es für Regisseur Christopher McQuarrie, der gemeinsam mit Erik Jendresen auch das Drehbuch schrieb, etwas Feintuning zu betreiben, um manche Schwäche des Vorgängers auszumerzen, der mal wieder tolle Set Pieces bot, erzählerisch allerdings zweieinhalb Stunden Stillstand mit rasender Geschwindigkeit. „Mission: Impossible – The Final Reckoning“ kommt mehr vom Fleck, obwohl er auch nicht jeden Makel ausmerzen kann. Gabriel gehört weiterhin zu den weniger charismatischen Schurken der Reihe, die Auflösung seiner gemeinsamen Vergangenheit mit Hunt kommt banal in einem Briefing relativ früh im Film: Gabriel erschoss damals niemanden, der Hunt wichtig war, sondern hängte ihm jenen Mord an, was wiederum zu seiner Aufnahme in die Impossible Mission Force als Wiedergutmachung führte. Auch die Entität als kaum greifbare Bedrohung ist weiterhin kein dankbarer Antagonist, sodass die Gefahr und die Spannung mehr aus den scheinbar unlösbaren Aufgaben ergeben, mit denen Ethan und seine Leute mal wieder konfrontiert werden.
Die haben es mal wieder in sich und sind von je her die Stärke der Reihe. So stehen einige gut choreographierte Fights, Bombenentschärfungen und – bei Tom Cruise obligatorisch – Rennereien für Hunt auf dem Plan, vor allem sind es aber zwei sehr ausladende Doppel-Set-Pieces, die hier für Furore sorgen. In dem einen muss Hunt sich zum Tiefseegrab der Entität herabbegeben, während sein Team Koordinaten auftun muss, sich dabei aber einer Truppe russischer Soldaten gegenübersieht. In dem anderen, finalen Stück steht für das Team ein komplizierter Tech-Job in einem Rechenzentrum auf dem Plan, während Hunt sich mit Schurken in zwei Propellerflugzeugen zoffen muss, wobei er natürlich auf den Maschinen herumklettert. Letzteres ist natürlich eine Leistungsschau der Fähigkeiten und Hingabe von Tom Cruise, der im Abspann nicht nur als Darsteller, sondern auch als Pilot geführt wird und bei den Kraxeleien manchmal wissend in die Kamera guckt. So spektakulär und waghalsig die Stunts im Showdown auch sind, die Mittelpassage des Films ist sogar noch eindrucksvoller: Während das Rest-Team nach einem Ausweg aus der Gefangenschaft suchen muss, sieht sich Hunt mit Extrembedingungen unter Wasser konfrontiert: Ausstieg aus einem U-Boot, das von einem gegnerischen U-Boot verfolgt wird, Tauchen in einem sich bewegenden Wrack mit entsprechenden Konsequenzen (wechselnde Wasserstände, herumkullernde Torpedos, plötzlich verschlossene Wege) und einem Auftauchen unter erschwerten Bedingungen mit deutlicher Wiedergeburtssymbolik.

Zum großen Verdient von McQuarrie gehört es auch, dass sich „Mission: Impossible – The Final Reckoning“ für seine stolze Laufzeit erfreulich kurzweilig anfühlt, obwohl die Geschichte wenig mehr ist als die Hatz nach zwei MacGuffins (Luthers Gerät und der Quellcode). Manche Fraktion (etwa die Kultisten oder die Russen) bleibt etwas unterentwickelt, dafür bekommen quasi alle Teammitglieder ihre markanten Szenen, egal ob es sich Tech-Spezialist Benji Dunn (Simon Pegg), die frühere Gabriel-Handlangerin Paris (Pom Klementieff) oder einige Neuzugänge handelt. Da ist es auch zu verschmerzen, dass Grace zwar eine gute Figur, aber kein Ersatz für Ilsa Faust ist – die angedeutete mögliche Lovestory zwischen ihr und Hunt wirkt etwas unbeholfen. Dafür integriert McQuarrie mit leichter Hand und ohne sichtbare Mühe auch die neuen Figuren, darunter komplette Neuzugänge sowie ein paar Franchise-Rückkehrer.
So ist Angela Bassetts Figur Erika Sloane von der stellvertretenden CIA-Chefin aus „Mission: Impossible – Fallout“ mittlerweile zur Präsidentin aufgestiegen, in deren Einsatzbriefings nur bekannte Darsteller mit Charaktergesichtern sitzen: Holt McCallany, Nick Offerman, Mark Gatiss, Janet McTeer und Charles Parnell. Ebenso prominent sind weitere Nebenfiguren besetzt, etwa Hannah Waddingham als Kommadeurin eines Flugzeugträgers oder Shea Whigham als wiederkehrender Häscher. Ving Rhames und Simon Pegg verkörpern ihre gewohnten Rollen als Teammitglieder gewohnt großartig, Hayley Atwell ist charmant und Pom Klementieff als rachsüchtige Seitenwechslerin überzeugt mehr als im Vorgänger. Esai Morales müht sich nach Kräften, kommt aber nicht dagegen an, dass das Drehbuch im wenig denkwürdiges Material an die Hand gibt, sodass er auf schwerem Fuß steht, gerade mit Blick auf die Hauptrolle. Denn Tom Cruise hängt sich mal wieder voll rein, spielt seine Paraderolle mit Wagemut, Charme, Energie und Einsatz, dass dagegen nur wenige Antagonisten bestehen können – Morales‘ Gabriel gehört nicht dazu.

Man kann der „Mission: Impossible“-Reihe ein konstantes Niveau bescheinigen, mit kleineren Ausschlägen nach oben und nach unten – und „The Final Reckoning“ bricht mit dieser Tradition nicht. Wieder etwas besser als der direkte Vorgänger, aber weniger stark als „Fallout“ oder der (bisherige) Franchise-Höhepunkt „Rogue Nation“ kommt dieser achte Teil daher. Für fast drei Stunden Laufzeit ist die gewohnte MacGuffin-Jagd etwas dünn, die Antagonisten sind eher schwach, doch dafür hat „The Final Reckoning“ viel Tempo und mehrere ausladende Set Pieces mit Schauwerten und Spannungspassagen. Dass sich Tom Cruise mal wieder mit vollem Einsatz ins Getümmel stürzt und viele seiner Stunts selbst macht, trägt natürlich zum Spektakelfaktor des neuesten Eintrags bei. 6,5 Punkte meinerseits.

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