Review

G20

„Die hard“-Klon von der Streaming-Stange, der mit all den üblichen Stärken aufwartet: namhafte Darsteller in Knallchargen-Rollen, banale Dialoge und lahme Story sowie Abwesenheit von Kernkompetenzen in Sachen Action-Inszenierung, Spannungs-Dramaturgie und optischer Gestaltung.

Inzwischen hat man sich daran gewöhnt. Die Streaming-Giganten Netflix und Amazon werfen in schöner Regelmäßigkeit hoch budgetierte und namhaft besetzte Action-Abenteuer auf den hauseigenen Markt. Die Strategie dahinter ist so simpel wie effektiv. Bestands-Kunden sollen gehalten, Neu-Kunden generiert werden und die Marke selbst im Gespräch bleiben. Der entscheidende Trick dabei ist es, die Ware wie Hochglanz-Kino aussehen zu lassen, obwohl sie nur von der TV-Stange kommt. Diese Täuschung bleibt den Zuschauern zwar nicht verborgen, aber nachdem sie aus alter Gepflogenheit und neuerer Tradition beim Couch-Watching weniger anspruchsvoll sind, hält sich die Entrüstung in Grenzen. In jedem Falle hört man die ersten Tage nach Veröffentlichung von allen Seiten dieselbe Leier: „Im Kino wäre ich enttäuscht gewesen“, oder auch gern genommen: „Für umsonst war’s schon ok“. 

Dass die Streamingportale kein Wohlfahrtsverein sind, wollen wir mal außen vor lassen, aber die Message bleibt davon unberührt: Das Ganze sieht wertig aus, ein paar bekannte Gesichter sind auch immer dufte, aber wenn sich dazwischen mal der Sitznachbar, das Smartphone oder ganz profan nur das Bedürfnis nach Nahrung bzw. deren Entsorgung meldet, dann hat man nicht viel verpasst. Schließlich schnitzen die Streamer ihre Produkte auch noch dankenswerterweise nach dem Baukastenprinzip, indem sie zentrale Ingredienzien in Sachen Plot, Figuren und Schauwerten einfach recyceln, so dass man als halbwegs filmaffiner Konsument vor sämtlichen Überraschungen sicher ist.

Ein solcher Blockbuster-Klon ist auch „G20“. Als Blaupause diente mal wieder die „Die hard“-Serie mit Stehauf-Cop John McClane. Die auffälligste Veränderung findet sich beim Protagonisten. So wurde der weiße Staßenbulle durch eine schwarze Spitzenpolitikern ersetzt, womit auch das weiße Feinripp ausgedient hatte und einem roten Abendkleid weichen musste. Ansonsten ist alles Malen nach Zahlen. Soll heißen, finstere Terroristen mit noch finstereren Absichten bringen einen abgeriegelten Komplex mitsamt einer illustren Geiselschar in ihre Gewalt. Der ausgeklügelte Plan der hochmotivierten und hochgerüsteten Söldnertruppe hätte so schön sein können, wäre da nicht ein lästiger Störenfried, der Ihnen so unerwartet wie unerhört die Suppe versalzt.

Man muss zugeben, Viola Davis macht eine gute Figur als schlagkräftige US-Präsidentin mit Army-Vergangenheit, aber gegen das banale Kupfer-Skript und die lahme Regie geht ihr schnell die Munition aus. Dass aus der politisch interessanten Prämisse diverse Staatschefs auf dem in der Vergangenheit häufiger bedrohten G20-Gipfel in Geiselhaft geraten zu lassen, lediglich ein paar platte Gags auf Kosten des britischen Premierministers rausspringen, ist schon ein ärgerliches Armutszeugnis. Was aber noch schwerer wiegt, zumal angesichts zahlloser relativ gelungener Epigonen, ist die fröhliche Absenz jeglicher Spannung und Action-Expertise.

Ob die heillos zerschnittenen Kampfszenen und Schießereien lediglich die Unfähigkeit der beteiligten Darsteller kaschieren sollten, oder die entsprechenden Inszenierungsdefizite des Regisseurs offen legen, ist dabei nicht von Belang. Deutlich wird jedenfalls, dass Stuntarbeit und Action-Choreographie durchaus Disziplinen sind, die einiges an Know-How und Erfahrung erfordern. Vielleicht hätte sich Regisseurin Patricia Riggen ein paar Jungs und Mädels schnappen sollen, die ihr bei den drei Episoden der „Jack Ryan“-Serie geholfen hatten, jedenfalls war die in dieser Hinsicht weniger defizitär.

Auch das Erzählen einer fesselnden Geschichte, die im Idealfall von interessanten Figuren nicht nur bevölkert, sondern auch getragen wird, ist eine Kern-Kompetenz im Filmschaffen, was man immer dann schmerzlich erkennt, wenn sie mit Abwesenheit glänzt. Jedenfalls ist es fast schon ein Kunststück, den Zusammenprall der Schwergewichte Viola Davis und Antony Starr (brillant als psychopathischer Superheld in „The Boys“) als Knallchargen-Duell zu schreiben, bei dem man ständig rätselt was mehr nervt, die banalen Dialoge, oder die nichtssagenden Charaktere.

Um es kurz zu machen, weder der Gang zum Kühlschrank, noch der Griff zum Smartphone und auch nicht das Gespräch über die Höhepunkte des Arbeitstages führen zu bedauernswerten Versäumnissen beim Konsum von „G20“. Im Gegenteil. So übersieht man vielleicht eine der zahlreichen schlechten Greenscreen-Aufnahmen, wird nicht gewahr, dass hier garantiert niemand on Location und Südafrika gedreht hat und verpasst den ein oder anderen blöden Spruch der auftretenden Pappkameraden. Vielleicht, und das müsste man dann definitiv auf die Haben-Liste setzen, verspürt man aber auch Lust, endlich mal wieder einen „Die hard“-Film zu schauen. Der, und das ist ein Versprechen, fühlt sich selbst auf der Couch wie Kino an.

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