Die neue französische Härte ist zwar schon länger kein aktueller Begriff mehr und kleine Genreperlen wie „High Tension“ liegen inzwischen ein paar Jahre zurück, doch mit seinem Langfilmdebüt untermauert Saïd Belktibia, dass jener Einfluss offenbar doch ein wenig nachhallt.
In einer Pariser Banlieue kämpfen sich die allein erziehende Mutter Nous (Golshifteh Farahani) und ihr 13jähriger Sohn Amine (Amine Zariouhi) mit halbseidenen Machenschaften durch. Mit illegalen Exporten und einer neuen App tritt sie als eine Art Wunderheilerin auf, während der gewalttätige Ex das alleinige Sorgerecht anstrebt. Als einer von Nous Klienten auf tragische Weise umkommt, wird eine sprichwörtliche Hexenjagd entfacht…
Die eigenwillige Mischung lässt sich irgendwo zwischen Sozialdrama, Action, Thriller und Horror einordnen und versucht vieles abzudecken, was im Verlauf der 96 Minuten etwas überfrachtet wirkt. Eingeführt wird Nous als dubiose Geschäftsfrau, die in einem illegalen Apartmentkomplex agiert und ein gutes Verhältnis mit ihrem Sohn pflegt. Die Exposition mit Archivbildern über Hexen lässt hingegen aufhorchen: Ist Nous etwa eine moderne Hexe oder Schamanin oder schlicht eine manipulative Geschäftsfrau, die das Leid in der wenig privilegierten Umgebung auszunutzen versucht?
Bis es so richtig losgeht, ist zwar bereits eine halbe Stunde vergangen, doch dann gestaltet sich der Stoff teilweise recht unerbittlich und temporeich. Die Allegorie funktioniert erstaunlich gut, wenn phasenweise sogar Feuer im Spiel ist und der Mob, wie seinerzeit bei der klassischen Hexenjagd offenbar keine Grenzen zu kennen scheint. Über all dem schwebt natürlich immer noch die Frage, ob Nous eventuell doch übersinnliche Fähigkeiten besitzt oder sich nur an das klammert, was die Leute glauben wollen, denn schließlich geht die Chose in der Umgebung sogleich viral, was die Sache in dieser Phase recht intensiv gestaltet.
Letztlich geht es auch um religiöse Extreme und welche Spiralen sich in Gang setzen können, wenn mal wieder ein Sündenbock gesucht wird, weil etwas schief gelaufen ist. Oder warum man unter bestimmten Umständen auf medizinische Hilfe verzichtet, da man meint, alles in der eigenen Community lösen zu können. Dramaturgisch läuft die Sache gegen Finale zwar nicht ganz rund, doch darstellerisch bügelt die exzellente Performance von Farahani locker derartige Schwachstellen aus.
Zuweilen überraschend, manchmal nachdenklich stimmend, hebt sich der Stoff angenehm vom Einheitsbrei ab.
7,5 von 10