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Dinos gehen immer? Nicht so ganz: Während drei von vier „Jurassic World“-Filmen beim Einspiel die Milliarde knackten (nur „Rebirth“ musste sich mit „lediglich“ rund 870 Millionen Dollar begnügen), sorgten andere Genrefilme wie „65“ oder „Primitive War“ nicht für ganz so volle Kassen. Mit 7 Millionen Dollar Budget war „Primitive War“ zwar beinahe ein B-Movie, das es zumindest in den USA ins Kino schaffte, dort aber (als Limited Release) nur 1,2 Millionen einspielte.
Doch der Film von Luke Sparke zielt eh mehr auf den Heimkinomarkt ab, den er unter anderem mit seinen „Occupation“-Filmen bediente. Anstelle von Aliens sehen sich die schwer bewaffneten Menschen hier Dinosauriern gegenüber, und zwar im Vietnamkrieg anno 1968. Dort werden ein paar Green Berets in der Auftaktsequenz von schemenhaft zu sehenden Urzeitechsen gekillt, danach etabliert Sparke Setting und Stimmung weiter. Beim Hubschrauberanflug von Soldaten läuft die Anti-Vietnamkrieg-Hymne „Fortunate Son“ von Creedence Clearwater Revival, im Hintergrund fallen Napalm und Bomben, während Colonel Jericho (Jeremy Piven) über das Verschwinden der Green Berets aufgeklärt. In der Bildsprache ist Regisseur und Co-Autor Luke Sparke von den großen Klassikern des Vietnamkriegsfilms wie „Full Metal Jacket“, „Apocalypse Now“ und „Platoon“ inspiriert, lehnen sich manche Einstellungen und Bildkompositionen doch merklich daran an.
Kurz darauf lernt man die Vulture Squad kennen, die von Sergeant First Class Ryan Baker (Ryan Kwanten) angeführt wird. Dass es sich dabei toughe Frontschweine handelt, stellen sie gleich bei ihrem ersten Auftritt unter Beweis, bei dem sie eine Horde von Vietcong-Soldaten auslöschen, um Gefangene zu befreien, auch wenn es für einen Teil von diesen zu spät ist. In bester Actionfilmtradition ist es natürlich diese mit allen Wassern gewaschene Einheit, der Jericho die Suche nach den verschwundenen Green Berets in Auftrag gibt. Ein halbseidener Geheimdienstmann springt im G.I. Camp herum, Jericho selbst erzählt oft etwas von Geheiminformationen und Dingen, welche die Soldaten nicht über die Mission wissen müssen, sodass auch das Misstrauen gegenüber der Obrigkeit mitschwimmt, die viele Kriegs- und Actionfilme auszeichnet.

Schon kurz nach ihrer Ankunft stößt die Vulture Squad nicht nur auf die Überreste der Green Berets, sondern auch auf die Dinos. Als die Einheit nach einem Angriff getrennt wird, trifft Baker außerdem auf die sowjetische Wissenschaftlerin Sofia Wagner (Tricia Helfer), die ihm mehr über die Herkunft der Urzeitechsen berichten kann – und über einen finsteren Plan, den der schurkische General Grigory Borodin (Jeremy Lindsay Taylor) verfolgt…
„Primitive War“ ist reines Genrekino mit B-Faktor, das sich aber erfrischend ernst nimmt. Sicherlich mag die Background-Prämisse um fehlgeschlagene Wurmloch-Experimente, durch welche die Dinos in die Gegenwart kamen, aus dem Reich des Kokolores stammen, wird aber mit dem Versuch von Glaubwürdigkeit, ohne Augenzwinkern und ohne forcierten Trash-Faktor erzählt. Wie ein Mix aus „Jurassic Park“, „Predator“ und „Kong – Skull Island“ kommt „Primitive War“ daher, offensichtlich inspiriert von gewissen Genres und Strömungen. So erkennt man gerade in den Soldatenfiguren und ihren Sprüchen die DNA des Actionkinos der 1980er, nicht zuletzt dann, wenn Baker der morphiumsüchtigen Sofia eine Packung Zigaretten gibt und erklärt, sie solle damit ihre Nerven beruhigen, das sei der American Way. Gleichzeitig trägt der Film das Misstrauen gegenüber dem Vietnamkrieg und der amerikanischen Kriegsführung in jenem Konflikt im Blut, wie der Großteil der Vietnamfilme. Der Geheimdienstler ist durchweg unsympathisch, Jericho traut man auch nicht so recht über den Weg und auch die amerikanischen Verbrechen im Vietnamkrieg werden zumindest ansatzweise angesprochen. So kämpft auch Seiten der Russen auch die Vietcong-Fährtenleserin Con Nhen (Ana Thu Nguyen), deren Familie bei einem Massaker der US Army getötet wurde und die Rache nehmen will. Freilich muss man sagen, dass diese Szenen dünn gesät sind, aber „Primitive War“ will auch keine kritische Abhandlung über den Vietnamkrieg sein, sondern knalliges Genrekino.

Da wirkt die Laufzeit von gut 130 Minuten etwas überdimensioniert und überambitioniert, ein paar Straffungen hätte „Primitive War“ vielleicht auch vertragen können, trägt sich insgesamt aber doch recht gut. Die Handlung läuft in erwartbaren Genrebahnen: Erste Kontakte mit der unbekannten Bedrohung, Überlebenskampf, neue Erkenntnisse über die Hintergründe und schließlich die heroische Mission, um Schlimmeres zu verhindern. Auf dem Weg wird die Einheit dezimiert, einige Heldenopfer dürfen auch nicht fehlen, darunter natürlich auch die obligatorische Szene, in der ein Sterbender mit einer Granate noch möglichst viele Viecher mitnimmt, so wie in „Aliens – Die Rückkehr“, einem weiteren offensichtlichen Vorbild. Sparke geht dabei nie die Puste aus, er sorgt in schöner Regelmäßigkeit für Schauwerte und setzt selbst die altbekannten Genrestereotypen eher als archetypische Elemente statt als müde Klischees um.

Archetypisch sind auch die Figuren, die bisweilen etwas mehr Profil vertragen könnten. Am meisten Charaktertiefe erhält Sofia, die nicht ganz freiwillig an den Experimenten teilnahm, ein Gewissen besitzt und einiges durchmachte. Baker wird immerhin sauber als Kommandeur, der sich um seine Jungs schert, eingeführt, besagte Soldaten dagegen werden anfangs nur grob umrissen: Gerald Keyes (Anthony Ingruber) ist der gutmütig-derbe Kerl, der die anderen mit Pornoheftchen und Süßigkeiten versorgt, Funker Leon Verne (Charles Sanson) ist der Rookie, der seinen Platz in der Hackordnung noch nicht kennt, und der Scharfschütze Logan Stovall (Aaron Glenane) leidet mächtig an PTSD. Bei den anderen erfährt man im weiteren Verlauf beispielsweise, dass einer gottesfürchtig ist, aber mit mehr Persönlichkeit auf Seiten der Helden würde „Primitive War“ sein Publikum noch mehr abholen. Bei der Gegenseite sieht allerdings ähnlich aus: Borodin ist ein durchgedrehter Megalomane, die meisten seiner Handlanger nur Kanonen- bzw. Dinofutter und Con Nhen hat zwar den besagten Background, wird aber nicht als zentrale Figur verankert.
Darstellerisch geht „Primitive War“ dafür durch und durch in Ordnung. Ryan Kwanten mag zwar nicht ganz die Muckis und das Charisma der großen Actionstars mitbringen, schlägt sich aber wacker als Squad-Leader zwischen Pflichterfüllung und Misstrauen gegenüber der Obrigkeit. Tricia Helfer als gepeinigte Sowjet-Wissenschaftlerin ist recht gut, Jeremy Piven als bärbeißiger Kommandant überträgt seine Ari-Gold-Attitüden aus „Entourage“ einfach auf eine Soldatenfigur, macht damit aber Eindruck. Unter den Nebendarstellern setzen in erster Linie Anthony Ingruber und Aaron Glenane Akzente, Oberschurke Jeremy Lindsay Taylor fehlt noch ein Stück zur Oberklasse der Bösewichte, dank fieser Fresse macht er aber auch einen brauchbaren Job.

Doch die Hauptattraktion in diesem Film ist natürlich nicht menschlich, sondern entstammt der Urzeit. Das Budget von „Primitive War“ betrug weniger als ein Zwanzigstel der Summe, die „Jurassic World: Rebirth“ verschlang, doch aus dem Geld holt Sparke das Maximum raus. Er selbst ist Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Editor, Szenenbildner und VFX-Supervisor bei dem Film, weitere Schlüsselpositionen sind mit weiteren Mitgliedern der Sparke-Familie besetzt. Zu Anfang sieht man die Dinos oft bei Dunkelheit, wackelnder Kamera und schnellem Schnitt, was vielleicht dem Kostenfaktor geschuldet ist, vielleicht aber auch die alte „Alien“- und „Der weiße Hai“-Taktik ist, dass man seine Kreaturen nicht zu früh enthüllt. Im weiteren Verlauf tauchen die Biester jedenfalls zunehmend bei Tag und in längeren Einstellungen auf, inklusive einer großen Artenvielfalt: T-Rex (hier sogar im Familienverbund) und Raptor sind seit „Jurassic Park“ Standard im Dinofilm, hier kommen unter anderem Pterodactylus, Deinonychus und Spinosaurier zu größeren Auftritten, plus jede Menge weitere Arten im Hintergrund. Das Design und die Vielfalt können sich sehen lassen, die Effektqualität ist (gerade am Budget und der Häufigkeit der Dinoauftritte gemessen) recht überzeugend, auch wenn es immer wieder Passagen gibt, die unschön künstlich aussehen. Das trifft auf manchen Dinoauftritt zu, vor allem aber auf die Animation von Feuer. Interessant ist jedoch, wie Sparke die Dinos inhaltlich inszeniert: Setzen die „Jurassic World“-Filme mit neuen Klonkreaturen immer mehr auf den Monsterfaktor, so setzt „Primitve War“ seine Saurier eher als Tiere in Szene, die ihr Revier und ihre Jungen verteidigen oder Beute jagen.
Vor allem sorgen die Dinobegegnungen für ordentlich Action, die natürlich das Herz des Genrefans höher schlagen lassen, wenn amerikanische und russische Soldaten mit Maschinengewehren, Handgranaten, Panzern oder Hubschraubern gegen die Urzeitechsen antreten. Gerade das Finale eskaliert so richtig, lässt Unmengen von Soldaten und Sauriern los und endet genregerecht mit einer gigantischen Explosion. Die Action ist temporeich und fetzig in Szene gesetzt, bietet ordentlich Munitionsverbrauch und einige nette Stunts, etwa einen Sprung von einer hohen Klippe ins Wasser bei der Flucht vor einem T-Rex. Dass „Primitive War“ aufs R-Rating ging, sieht man dann auch, wenn Soldaten von Krallen aufgeschlitzt werden, sich ein T-Rex-Paar ein Opfer teilt oder ein Flugsaurier die Gedärme eines Mannes zutzelt. Besonders gory ist „Primitve War“ dabei zwar nicht, geht aber doch mehr in Richtung der Eighties-Action-Horror-Unterhaltung, die hier offensichtlich Pate stand.

„Primitive War“ mag das Rad nicht neu erfinden, setzt seine B-Prämisse von Soldaten contra Dinosaurier im Vietnamkrieg aber erfreulich ernsthaft um. Der Plot mag Standard sein, der Film ein bisschen zu lang und die Soldatencharaktere etwas zu wenig entwickelt, um in der gleichen Liga wie manche der Vorbilder mitzuspielen, doch die Action ist fetzig, das Tempo hoch und die Figuren immer noch sympathisch genug, dass „Primitive War“ über die volle Laufzeit. Die Effekte sind zwar nicht ohne Schwächen, gemessen am Budget aber schon ziemlich beeindruckend, von der Attitüde her ist „Primitve War“ außerdem ein angenehmer Throwback zu früheren Genrereißern.

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