Die schleichenden Zombies sind zurück! 23 Jahre, nachdem Danny Boyle und Alex Garland aus Romeros bedrohlich langsamen Untoten rasende Infizierte machten und damit einerseits das Genre beschleunigten, andererseits aber auch jede Menge Zombiepuristen gegen sich aufbrachten, haben sie für dieses zweite Sequel wohl festgestellt, dass etwas Varianz nicht schaden kann. So haben sie ihren hysterischen blutgeilen Rasern diesmal zwei neue Spezies zur Seite gestellt, von denen die eine – wohl aufgrund der Leibesfülle – sich nur am Boden kriechend fortbewegt.
Und damit ist der höchste Innovationsgrad des Films auch schon erreicht: 28 YEARS LATER ist in vielerlei Hinsicht eher eine Rückbesinnung als ein Fortschritt im Genre. Das beginnt bei Prämisse und Plot: Großbritannien ist komplett dem Virus zum Opfer gefallen und, hallo Brexit, von der Welt isoliert. Eine Handvoll Überlebender hat sich auf eine Gezeiteninsel vor Schottland gerettet, wo die Menschen einem einfachen Leben nachgehen, ohne Elektrizität und Technologie. Der 12-jährige Spike wird im Rahmen eines etwas frühen Initiationsritus mit aufs Festland genommen – für seinen ersten „Kill“. Sein Vater (Aaron Taylor-Johnson) ist ein bisschen ein „Dick“, seine Mutter (Jodie Comer) ist schwer krank, sie ist nicht infiziert, hat aber mentale Aussetzer, keiner weiß, was man dagegen tun kann. Auf ihrem Jagdausflug sichtet Spike in weiter Ferne ein großes Feuer. Der Großvater tippt auf Dr. Kelson (Ralph Fiennes), einen verrückt gewordenen Arzt, den seit 13 Jahren niemand zu Gesicht bekommen hat. Es kommt, wie es kommen muss und die Geschichte entwickelt sich auf naheliegendste Weise.
Wer jedoch nun mit dem großen „running and screaming“ rechnet, sitzt im falschen Film. Sicher, es gibt die eine oder andere Verfolgungsjagd und Spannungsszene, doch der Fokus der Macher liegt eher auf Spikes Coming of Age-Story als auf einer atemlosen Infiziertenhatz, wie man sie aus den ersten beiden Teilen kennt. 28 YEARS LATER verhält sich zum ersten Film der Reihe in etwa so wie TRAINSPOTTING 2 zu TRAINSPOTTING: Es ist die selbe Welt, doch ihre Geschichten werden nicht mehr mit denselben Mitteln erzählt. Die bewusste Entscheidung gegen konventionelle State of the Art-Kameratechnik zu Gunsten eines reinen iPhone 15 Pro Max-Drehs ist quasi die Entsprechung der auf Pfeil und Bogen reduzierten Bewaffnung der Überlebenden. Ein wenig scheint es jedoch so, als hätten Danny Boyle und sein langjähriger Kameramann Anthony Dodd Mantle sich hier einfach mal wieder ausprobieren wollten, wobei sie sich jedoch, man muss es einfach so sagen, etwas verkünsteln. Dass die zwischengeschnittenen Clips der Bogenschützen aus Laurence Oliviers Henry V Verfilmung und die wehende Flagge St. Georges Parallelen zur mittelalterlichen Geschichte Englands zeigen sollen, ist ein nettes Stilmittel, nur wird es hier einfach zu oft eingesetzt, der Schnitt erinnert ungut an die Videoclip-Ästhetik der 90er, innovativ oder interessant ist das leider gar nicht und eine frische Perspektive auf das Zombie…Entschuldigung…Infiziertengenre bringt die etwas affektiert wirkende Machart auch nicht.
Das – sagen wir mal vorsichtig – „irritierende“ Ende mag das Sequel THE BONE TEMPLE sinnvoll einläuten, als Abschluss dieser Geschichte wirkt es jedoch vollkommen deplatziert.
Was bleibt, ist ein solider und kurzweiliger Coming of Age-Horror mit guten schauspielerischen Leistungen und ein paar sehenswerten Szenen. Ob damit die Filmreihe in eine vielversprechende Richtung gesteuert wird, bleibt abzuwarten.
6.5/7