Keine Ahnung, was vor 28 Jahren los war: Meine MitschülerInnen haben es mir zwar immer wieder im feinsten Prollsprech vorgebetet, aber ab irgendeinem Punkt meiner Jugend waren diese sozial verwahrlosten DVD - und Konsolen - Dauerparker, die elterliche Zuneigung nur in Form absurd voller Heimmediatheken kannten, auch nicht mehr cool und was die toll fanden mir zuwider - die Segnungen von Fußball, Aggro Berlin und Wodka Red Bull als Hauptnahrungsquelle erschließen sich mir beispielsweise bis heute nicht und selbst die Erzählungen eines äußerst coolen Arbeitskollegen - Ende 50, Punkrocker erster Stunde und einziger Individualist in einer gruppe voller Retortenpädagogen - vermochten es danach nicht, mir "28 Days later" als potenziellen Genuss zu verkaufen: Die unreflektierten Gorebauern hatten schon damals ihren Schaden an mir hinterlassen, ohne dass ich es damals wusste: Die Nacherzählungen auf dem Schulhof oder zwischen den Stunden beschränkten sich rein auf Gore, Mackersprüche und die Schilderungen ADHS - artiger Schnittgewitter. "Die Nacht der lebenden Ritalin - Toten"? nein, danke: meine bisher einzige SIchtung endete nach circa 20 Sekunden.
"28 Years later" kam dann vor kurzem ins Kino und weckte doch meine Neugier, war das Gesabbel der Deppen von damals schon längst verhallt und auch ich bin mittlerweile ein reiferer Zuschauer. Auch, wenn mein Motiv für den Kinobesuch merklich unreif war: "Horrorfilm in unserem Provinzkino? Geil - Rein da!" Ich nahm den Film also mit zwei Freunden in Angriff und freute mich auf einen splattrigen Zombieabend mit meinen Begleitern - und bekam einen Film, der mich positiv an die Gedankenspiele George Romeros erinnerte.
Nachdem in einem heftigen Prolog ein Haufen Frühpubertierender seine Familien an den Ragevirus und seine Träger verliert geht die eigentliche Handlung auf der schottischen Insel Lindisfarne los: Dort hat man sich in einer altertümlich anmutenden Dorfgemeinschaft mit veralteten Werten und Gesellschaftsvorstellungen ein kleines, konservatives Paradies und ein Bollwerk vor der Seuche und deren hochaggressiven Wirten errichtet. Zu Beginn des Filmes bricht dort der große Tag des jungen Spike an, der als angehender Kundschafter heute in väterlicher Begleitung seinen ersten Landgang wagen und auf Infiziertenjagd gehen soll - je mehr desto besser, da es laut dem Vater das notwendige Töten leichter mache.
Nach der Rückkehr auf die Insel zweifelt Spike jedoch an der Erwachsenengesellschaft, die sich dank der frisierten Erzählungen seines Vaters sowie dessen Fremdgang gegenüber seiner schwer kranken Mutter Isla als verlogen entpuppt. Hinzu kommt, dass sein Großvater Spike von einem als wahnsinnig verschrienem Arzt erzählt, von dem er sich die Heilung seiner Mutter erhofft. Schließlich kommt es zum Bruch mit der scheinbar heilen Inselwelt: Nach einem Konflikt mit seinem übergriffigen Vater verlässt Spike mit der verwirrten Isla die Insel und sucht nach dem ausgestoßenen Dr. Kelson, in der Hoffnung, dass dieser seine Mutter heilen könne.
Wie angedeutet hatte ich einen einfachen, aber unterhaltsamen Splatterfilm erwartet. Aber das ist zum Glück nicht Fokus des Filmes: Der schöne Schein der Klassengesellschaft, Geschlechterrollen und zunehmende Entmenschlichung nicht nur unter den Infizierten, die hier fast volkssportartig per Pfeil und Bogen erschossen werden demontiert der Film genau so wie meine Erwartungshaltung. Der Humanismus des sympathischen Dr. Kelson wird leider für meinen Geschmack etwas zu esotherisch geschildert: dessen selbsterrichtetes Knochenheiligtum aus den Gebeinen Gefallener - Infizierte wie Gesunde, wie er stets betont - ist ein optisches Highlight, aber das und ein gelegentlich eingeworfenes Memento mori zählen nicht als tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Thema Tod, geschweige denn als Lektion in Sachen Menschlichkeit. Der gute Wille des Menschenfreundes Kelson und dessen Philosophie auch nichts an der Tatsache, dass sowohl Spike als auch Isla töten müssen, um einander das Überleben zu sichern, was die beiden im Gegensatz zu Vater Jamie jedoch zumindest nicht selbstgerecht zelebrieren. Ein anderer moralischer Konflikt, den ich hier nicht spoilern möchte, erwies sich da bei Sichtung als wesentlich effektiver. Das Ende wiederum - nun, da scheiden sich die Geister. Ich fand die Entscheidung, die Geschichte mit einem absurd - komischen Konterpunkt zu beenden durchaus interessant (komisch ebenfalls), kann aber auch die Abneigung anderer Zuschauer dagegen nachvollziehen. Wie im Film immer wieder nebensächlich auf diesen Aspekt hingearbeitet wird empfand ich allerdings als durchaus clever.
Teil 3 hat es geschafft, meine Neugier auf den Rest der Reihe zu wecken: Die Mischung aus Endzeithorror, Coming of Age und Systemkritik ist eine interessante Kombination und weiß zu gefallen. Die interessanten Charaktere und kritischen Gedanken mag es damals auch schon gegeben haben, gingen aber in den Erzählungen meiner MitschülerInnen immer in den Beschreibungen wackliger Gewaltbilder und dem Wiederkäuen von Horrorklischees gnadenlos unter. Ich bin gespannt, was die Vorgänger zu bieten haben.