Godspeed You...
Audiovisuell, inhaltlich und inszenatorisch einmalig, eigenartig und eigenwillig. Manchmal auch schief, stolpernd und schräg, witzig und albern, dann und wann unfassbar ergreifend und mitreißend.
28 Years Later macht nach so vielen Jahren so viel anders als seine Vorgänger, die sich auch schon nicht zu ähnlich sind. In einer gewissen Kontinuität stehen aber alle drei Filme gleichermaßen beieinander. Vom ganz und gar wilden Ende her, dachte ich nicht, dass des hier länger hängen bleiben würde, aber seit einiger Zeit denke ich sehr oft und sehr viel über diesen durchaus episodisch angelegten Film nach. Frontaler und harter Survival, eine zerrüttete Familien- und Entzweiungsgeschichte, Aufbruch und Drang, Stille und Ruhe. 28 Years Later bricht nach mehreren Richtungswechseln auch noch weiter auf, verlässt sich aber nie um sein reißendes Gesamtbild wegen. Ich mag das sehr, denn der Film bietet Stoff für einige Folgen einer Serienstaffel. Autor Alex Garland und Regisseur Danny Boyle wissen um Stärken und Schwächen, und packen alles in einen zwei Stunden langen Film, der sich zwar alle halbe Stunde so anfühlt, als gehe jetzt was ganz neues los, sich mir am Ende aber mit einem packenden Schock zerriss.
Wie? Vorbei? Und nun?
Darin liegt etwas Unvorhersehbares, was mir lange nicht begegnet ist, denn so kurzweilig und interessant war wirklich lange nichts. Die Verrücktheiten in diesem Film sind eine neue Neigung, die es in 28 Days Later und 28 Weeks Later noch nicht in dieser Ausprägung gab. Das komplett verballerte Ende von 28 Years Later, oh je, oder die rupfende Episode mit dem schwedischen Soldaten Erik (Edvin Ryding), wirklich absurd. Man muss schon ein wenig aushalten, doch da ist viel zu entdecken. Manches bleibt auch unaufgelöst und vage, Fragen reichern sich immer wieder an. Wunderbar unzeitgemäß.
Ansonsten ist die bedrückende Reise des jungen Spike (Alfie Williams) und seiner kranken Mama Isla (Jodie Comer) aber auch durch geschickte platzierte Standards geprägt. Zunächst erstmal scheint es, als würde Papa Jamie (Aaron Taylor-Johnson) Hauptfigur, der Epilog ist wirklich flirrend und typisch für das, was die letzten Jahre im Fach Endzeit Mode war. Was nach The Last of Us und A quiet Place schmult, blickt nach und nach doch wo ganz anders hin. 28 Years Later ist in seiner sensiblen wie spontanen Sprunghaftigkeit eine leichte Herausforderung für Fans alter Tage, neue Zuschauer dürften sich spätestens dann wundern, wenn sie die beiden Vorgänger nachholen. Das ist ein Film, der keinen Erwartungen standhält. Letztlich geht es in allen Filmen aber um sehr ähnliche Themen. Vaterfiguren, Überleben, auch ein Hauch Hoffnung.
Filmisch wird höchste Kunstfertigkeit geboten. Boyle kehrt zum Gedanken des Originals zurück und lässt alles etwas schäbiger, schwammiger und fahler ausschauen. 28 Weeks Later, der nicht von Boyle war, sieht innerhalb der Reihe viel zu hübsch und zu sehr nach großen Kino aus. Gedreht wurde diesmal mit iPhones der 15. Generation. Das sieht auf jeden Fall schärfer aus, als die wahnwitzigen Mini-DV-Aufnahmen des ersten Films. Wenn man das aber nicht weiß, spielt es eigentlich keine Rolle, denn 28 Years Later bricht über die technische Grundierung äußerst schön wie schrammelig daher und erklingt umso druckvoller. Urwüchsige und malerische Landschaften, dunkel dichtes Blattwerk, gleißendes, echtes Nachtlicht. Gerade das natürlich anmutende Licht bei Nacht ist so schön, so dermaßen schön. Bei einer blutig treibenden Fluchtsequenz am Anfang des Films hat mich das richtig in den Sitz gepresst, so magisch ist der Film an ganz vielen kleinen Stellen. Die klaffenden Zeitlupeneffekte in den Actionsequenzen sind erstmal gewöhnungsbedürftig, genau wie der kantige und polternde Score samt komischer Rück- und Einblendungen, aber die Nachwirkungen dieser Spitzen in Bild und Ton sitzen. 28 Years Later ist famos, ich mag den Film sehr für etliche Eigenheiten, auch weil die Weltenbildung erweitert wird. Der wütende Infizierte tritt diesmal in mehreren Varianten auf, das hat was. Ja, selbst die Band Godspeed You! Black Emporer ist wieder zu hören. Ein wenig Gänsehaut für die, die das noch wissen und fühlen.
Es gab ja die tolle Szene im ersten Film, als Jim (Cillian Murphy) durchs verlassene London lief und ein Teil von East Hastings der Band lief, ja, das war, musikalisch gesehen, einer der wichtigsten Augenblicke in meinem Leben. Für viele Stunden habe ich diese Band seitdem geliebt, auch wenn ich sagen muss, dass andere Songs der Band besser gepasst hätten und auch den Charakter einer Fortsetzung besser geprägt hätten. Im Sinne altehrwürdiger Zelebrierung finde ich es aber gut genug. Ob der eine Zombie, den man auch im Trailer sehen konnte, wirklich Cillian Murphy ist, oder ob das eine täuschende Homage ist, nun, das bleibt offen. Gut gemacht ist der eine Untote, der dem Oscarpreisträger recht ähnlich sieht, in jedem Fall.
Die Schauspieler überzeugen, Jodie Comer und Aaron Taylor-Johnson habe ich erstmal nicht als solche erkannt, aber beide sind super. Auch Alfie Williams ist, als eigentlicher Hauptdarsteller, großartig. Erst wollten mich ein zwei Sachen nerven, wie die leicht nölige Synchro des Jungen, aber nach und nach ließ mich das los. Vor allem der Teil mit dem fantastisch aufspielenden Ralph Fiennes, der einen sehr merkwürdigen Doktor spielt, ist in darstellerischer Hinsicht ganz großes Gold, vielleicht sogar Platin. Nicht nur, dass das Treffen nach langem Fußmarsch zwischen Sohn, Mama und Doktor einen beißend humorvollen Einstand hat, die Dynamik in den endlich brennenden Szene zwischen den drei Akteuren hat mich zu Tränen gerührt. Das halbe Kino hat in diesem Kapitel Tränen verdrückt, das war deutlich zu vernehmen, weil es von Regie und Skript auch so gut vorgefühlt ist.
Boyle und Garland spitzen sich über die tragischen Versatzstücke so schön und traurig zu, es hat mich wirklich im Herzen getroffen, wie spirituell geerdet, liebevoll und ehrlich das alles gemacht ist. 28 Years Later hat seinen unzweifelhaften Höhepunkt dann, nachdem es kurz zuvor extrem makaber war. Werdende Mütter und so. Einen starken Magen haben Fans des Zombiefilms ohnehin, so richtige Untiefen werden aber eigentlich auch nicht ausgehoben, doch 28 Years Later ist nicht zimperlich und geht hier und da spratzelnd, krachend und blutüberströmt auf. Das ganze ist saftig knorpelig, keine Frage.
Dieser insgesamt süffige Kinoabend wird sich nur schwer toppen lassen, auch wenn ich nicht ganz sicher bin, wie ernst das Ende so gedacht ist. Ich weiß, da gab es diese Szene am Anfang, als der junge Spike seine Actionfigur so ein bisschen zurücklässt, aber dafür muss ich den Film nochmal sehen, um das wirklich verarbeiten zu können.
Innerhalb der Film- und Serienwelt sprengt 28 Years Later den Rahmen nie so sehr, wie es der erste Film seinerzeit getan hat. Als spielerische Wohltat innerhalb der Fortsetzungskultur ist das aber spitze.
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Spoiler
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Ich muss schon sagen, dass mich die zutiefst bewegenden Szenen zwischen dem Sohn, der Mutter und dem Doktor sehr gegriffen und an sich gezogen haben, obwohl ich mich mittlerweile bei sowas immer erfolgreich auf Halbdistanz zu wehr setze. Ich versuchte diese Szenen als platten Kitsch zu enttarnen, auch um mich so ein bisschen zu schützen, doch das sind sie nicht. 28 Years Later ist vor allem unausgesprochene Liebe, die man zulassen kann und darf. Ich sah mich mit diesen Momenten im Film um Jahre zurückversetzt. Und wenn die eigene Mutter nach einem langen Kampf stirbt, ist man in der brüchig fallenden Erinnerung immer Kind, hilfloser Junge oder schluchzendes Mädchen. Ich schloss nur ganz kurz die Augen, als der Film gipfelte. Ich kann eigentlich gar nicht erwachsen gewesen sein, als sie starb. Doch ich war es, dieser Film unterstreicht die Endlichkeit.
Der Tod der Mutter in diesem Film drückt einen vermeintlich nieder, doch die Szene, als Spike seiner Mutter auf eine sicher etwas seltsame Weise gedenkt und durch diese Tragik erwächst, das ist wirklich dermaßen ausgefallen und rührend. Die Memento-Mori-Monologe von Dr. Kelson können innerhalb vom brachialen Rest trivial wirken, sie sind es aber nicht. Am Ende ein Junge, der sich erstmal finden muss. Gute Reise.