Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Das galt schon für die Mitglieder der Motorradgang aus der TV-Serie „Sons of Anarchy“, als sie von den Poster-Designern der sechsten Staffel im Stil der Renaissance-Malerei als prügelnder Haufen porträtiert wurden. Zwölf Jahre später wird immer noch geprügelt, aber diesmal besteht der fleischige Knoten von Händen, die sich gegenseitig an die Gurgel wollen, aus den Thunderbolts*, Marvels zweitem Anzug, den Ausgestoßenen und Ungeliebten, die jetzt eingewechselt werden, weil, wenn man mal ehrlich ist, die eigentlichen Helden es auf dem Platz einfach nicht mehr bringen.
Findigen Analysten fiel bereits auf, dass die „Sons of Anarchy“-Designer bessere Arbeit geleistet haben. Beleuchtung und Ränder passen einfach nicht beim neuen Marvel-Plakat; der berühmte Praktikant war mal wieder am Werk und hat die offensichtlich solo posierenden Darsteller unbeholfen zusammengeklebt. Doch diesmal steckt womöglich ein tieferer Sinn hinter der Photoshop-Collage. Die Austragung des Lebens als Solokampf, das einsame Agieren inmitten anderer Menschen, ohne mit ihnen verbunden zu sein, hat sich das Autorenteam schließlich als Leitthema ausgesucht.
Generell scheint es für die Gattung der Comicverfilmung eine der größten Herausforderungen zu sein, die Belange der Superhelden, von denen einige schon nach dem Götterstatus greifen und andere längst welche sind, mit den alltäglichen Problemen des Sterblichen in Einklang zu bringen. Das funktioniert seit jeher über die Projektion ihrer Abenteuer auf das eigene Leben. Populär ist, wessen Kämpfe sich möglichst gut als Parabel auf die normalsten Dinge der Welt lesen lassen. Versagensängste, Schuldgefühle, Verlust, oder wie im vorliegenden Fall die Einsamkeit, sind die Antriebsfedern. Den Rest besorgt das Abstraktionsvermögen.
Es kommt nicht von ungefähr, dass Marvel sich gerade jetzt an die „Thunderbolts*“ wagt. Marktwirtschaftlich ist das natürlich zunächst einmal eine Reaktion auf die „Suicide Squad“ der Konkurrenz von DC, die James Gunns Anarcho-Regie zum Dank vor vier Jahren voll eingeschlagen war. Da wäre man ja schließlich nicht ganz bei Trost, wenn man es nicht mit einem auffällig ähnlichen Konzept probieren würde, zumal das Fundament in einer 1997er Ausgabe des „Unglaublichen Hulk“ bereits gelegt wurde, als die Antiheldentruppe ihr Comic-Debüt feierte.
Darüber hinaus handelt es sich aber auch um ein Eingeständnis, dass man sich mit den Publikumslieblingen um Robert Downey Jr. & Co. in eine Sackgasse verrannt hat. Die immer größere Relevanz der Ereignisse der „Avengers“-Storyline für das Schicksal der Welt implodierte nach Thanos' letztem großen Auftritt im großen Multiversum-Knoten und all die Dramatik war auf einmal nichts mehr wert. Seit Phase IV – und „Thunderbolts*“ schließt nun bereits Phase V ab – geht es nur noch darum, Publikum und Kritiker zu beschwichtigen, um irgendwie wieder die Kurve zu kriegen und etwas Bedeutsames zu erzählen.
Diese beiden Konsumentengruppen zu entwaffnen, indem man ihnen mit der Kritik zuvorkommt, war schon eine Strategie, die sich in „Deadpool & Wolverine“ als erfolgreich erwiesen hat. Demzufolge sind auch die „Thunderbolts*“ fortwährend damit beschäftigt, sich selbst möglichst schlagfertig auf den Arm zu nehmen. Das ist natürlich kalkulierte Strategie. Je niedriger die Erwartungen, desto größer die Überraschung. Der Zuschauer muss die Erwartungen nicht einmal mehr selbst senken, das erledigt schon die Firma, die da allen Ernstes einen 180-Millionen-Dollar-Streifen abliefert, nur um ihn dann als B-Movie zu verkaufen.
Dazu passt es, dass man mit „Robot & Frank“-Regisseur Jake Schreier mal wieder ein eher aus dem Indie-Fach stammendes Talent rekrutiert hat, das womöglich mit einem Blick für das Zwischenmenschliche dienen kann, welches in den Abrissbirnen des MCU üblicherweise unter Schutt und Asche begraben wird. Und es kommt zunächst einmal so, wie es in der alles verschlingenden Endlos-Franchise eben immer kommt: Ein ernster Blick von Hauptfigur Yelena (Florence Pugh) in die Kamera, ein nachdenklicher Off-Kommentar, eine Stealth-Einlage, die den Action-Anteil justiert, und dann hagelt es erst einmal Empfänge und andere Treffen der Mächtigen und Bedeutsamen, angereichert mit Korruption, Journalismus, Politik und Justiz, garniert mit strenger Garderobe und verschlagenen Gesichtsausdrücken. Das Knäuel ist dermaßen verknotet, dass es kaum mehr entwirrt werden kann. Im Gerichtssaal wird mit Verweis auf „Captain America: Brave New World“ dann auch gleich wieder ein Ereignis um einen rot angelaufenen Präsidenten aufgegriffen, und wenn man den letzten Film verpasst hat, bekommt man glatt wieder ein schlechtes Gewissen, weil man nicht up to date ist.
Dann allerdings tut Schreier das, wofür er engagiert wurde: Er entledigt sich der MCU-Wirrfäden und legt sein Augenmerk fortan ausschließlich auf die Thunderbolts*. Kaum hätte er das besser einleiten können als mit dem „Treffpunkt Lagerhalle“: Wie in einem Mexican Standoff geraten die Solisten auf einmal am gleichen Ort zur gleichen Zeit aneinander, immer noch von den Fäden der Politik ferngesteuert, aber drauf und dran, sie zu kappen. Es kommt zu einer geschickt initiierten Auseinandersetzung zwischen den Einzelgängern, in der sich die Parteien ausnahmsweise mal nicht in zwei Gruppen aufteilen, sondern jeder Beteiligte ein anderes Ziel und einen anderen Gegner hat, was zu einer unvorhersehbaren Abfolge von Attacke und Verteidigung im Affekt führt. Damit werden nicht nur die einfach sortierten Gut-gegen-Böse-Konstellationen durcheinandergewürfelt, nebenbei wird auch das übergeordnete Thema des Einzelkämpfertums in On-Screen-Action übersetzt. Als es kurz darauf in einem vertikalen Tunnel auch noch zu einer verrückten Fluchtaktion kommt, die eine äußerst skurrile Art des Teamworks erfordert, wird sogar kurz so etwas wie Spannung freigesetzt; insbesondere Leute mit Höhenangst sollten vorsorglich den Gurt festschnallen. Spätestens jetzt ist „Thunderbolts*“ bei seiner großen Stärke angekommen, der Fähigkeit nämlich, fokussiertes Storytelling zu betreiben und dieses nahtlos in Superhelden-Action zu übersetzen, die bis dahin noch erstaunlich bodenständig und packend daherkommt.
Während man zur Vorbereitung vor der Sichtung am besten noch einmal „Black Widow“ und „Ant-Man and the Wasp“ schauen sollte, um die Mitglieder der Truppe mitsamt ihrer Hintergründe wieder parat zu haben, ist es eigentlich Neuzugang Lewis Pullman, der sich als Pyjama-Schluffi Bob zu einer der wichtigeren Figuren des Films mausert. Pullman und Hauptdarstellerin Florence Pugh entwickeln im Laufe der Handlung eine Art Patienten-Therapeuten-Bindung, derweil der Film in Anwesenheit der anderen Antihelden, die allesamt ihren eigenen Rucksack mit sich herumschleppen, zur Entsprechung einer Selbsthilfegruppe gerät. Den meisten, die da im Kreis sitzen, ist die ganze Situation im Grunde einfach nur unangenehm, aber dann gibt es da ja noch David Harbour, den Elefanten im Porzellanladen, der seine Red-Guardian-Rolle mit allem ausweitet, was Amerikas Verständnis von Komödie zu bieten hat: Peinlicher Dad und peinlicher Buddy in einem, trotz der russischen Verkleidung ein uramerikanisches Original, eine Kreuzung aus Kevin James, Homer Simpson und Adam Sandler mit Rauschebart, die jedweden Anflug von Ernsthaftigkeit mit Lautstärke zum Einsturz bringt – eine Art Comedy-Regulator sozusagen, mit dem sichergestellt wird, dass es trotz aller Anlagen nie zu ernst wird.
Gegen die penetrante Megafon-Attitüde Harbours sieht der Rest kein Land. Sebastian Stan, Hannah John-Kamen und der nur Serienguckern bekannte Wyatt Russell agieren in ihren Anzügen blass wie eh und je; nur weil der Film darauf pocht, dass wir es mit einer zweitklassigen Besetzung zu tun haben, wird eben trotzdem noch keine erste Klasse daraus. Florence Pugh liefert zwar vielleicht schauspielerisch eine Portion mehr als der Rest, taugt aber ebenfalls kaum als echter Lead. Man hat das Gefühl, allesamt stehen sie vollkommen zurecht tief im Schatten der Avengers, und man hat Probleme, sich vorzustellen, wie diese Zweitbesetzung zukünftig die Franchise wieder auf den richtigen Weg bringen soll. Aber dieses Problem hat ja im Grunde längst schon auf den Stammkader abgefärbt, wenn man sich mal Captain America anschaut, oder eben die Lücke, die Robert Downey Jr. hinterlassen hat.
In Sachen Look und Inszenierung leidet „Thunderbolts“ weiter an alten Problemen. Grau und bieder sind die Einsätze gefilmt, wenig originell in Schnitt und Perspektive und aufgeschäumt mit etlichen Schnitt-Gegenschnitt-Dialogszenen, in denen auf dem selbstironischen Humor herumgeritten wird. Eine Sequenz von Reisestationen durch das Unterbewusste sorgt zumindest in einem gewissen Maß für kreative Abwechslung, aber die visuelle Imaginationskraft eines auf solche Szenarien spezialisierten Films wie „The Cell“ (Tarsem Singh, 2000) ist auch hier meilenweit entfernt. Alles in allem kein Vergleich zu der Funken sprühenden Spraydose von Team-Up-Event namens „The Suicide Squad“, die James Gunn für die Konkurrenz angefertigt hat, welches sich abseits der offensichtlichen Parallelen als Vergleichsobjekt aber ohnehin nicht allzu sehr eignet, weil es in den Gedanken einfach viel freier war und nahezu tun und lassen konnte, was es wollte. Zumindest seine „Guardians of the Galaxy“-Trilogie hat aber bewiesen, dass man ernstere Themen durchaus mit bunten Bildern kombinieren kann.
„Thunderbolts*“ hingegen beschränkt sich auf seine nur allzu bekannten militärischen und urbanen Setpieces, lässt zum Finale ein weiteres Mal Hochhäuser einstürzen und jongliert mit Betonblöcken und anderen ungewollten Verweisen aus 15 Jahre Marvel-Geschichte, als hätte man derartige Szenen nicht schon etliche Male gesehen. Überhaupt entgleitet dem Regisseur in der zweiten Hälfte zunehmend auch das Inhaltliche. Nach Vorbild der Star-Wars-Prequel-Trilogie wird eine zwiegespaltene Figur mal wieder zur dunklen Seite der Macht gelockt, ohne dass aber dieser Wandel wirklich begreiflich gemacht wird; dafür ist die disziplinarische Straffung auf zwei Stunden dann wieder zu eng angezogen, so dass sich in der Beziehung zwischen Strippenzieherin Valentina (noch halb im Veep-Modus: Julia Louis-Dreyfus) und dem Antagonisten keine Tiefe einstellt und die Transformation gefühlt im Schnitt zwischen zwei Szenen stattfindet. Darüber hinaus wird schon wieder auf ein Gottwesen nach Art von Dr. Manhattan gesetzt, und das, wo sich ansonsten jede Entscheidung im Film gegen Übermenschlichkeit sträubt. Auch die Nummer-Sicher-Philosophie meldet sich zurück, erweisen sich einige der irreversiblen Taten unter dem Strich doch also nicht so irreversibel, wie sie erscheinen. Der Versuch, aus dem Kleinen heraus noch einmal alles neu aufzubauen, erweist sich als gescheitert: Nun steht da doch wieder nur das große „M“, erbaut nach den architektonischen Plänen, die für dieses Studio immer schon Gültigkeit besaßen.
Man muss Jake Schreier zugute halten, dass er zumindest im Mittelteil dazu in der Lage ist, sich ganz und gar auf seine Figuren einzulassen und ihre Geschichte kompakt und effizient um sie herum aufzubauen, ohne sich allzu sehr von dem Ballast des MCU ablenken zu lassen. Das ist mehr, als man manch anderem Marvel-Erzeugnis der 2020er Jahre nachsagen kann. Das Material, das Marvel ihm zum Arbeiten gibt, ist allerdings nicht gerade die höchste Güteklasse, und diesen Umstand selbstironisch bei jeder Gelegenheit zu deklarieren, ändert nichts an den Fakten. Am Ende ist das Konzept wieder interessanter als das Ergebnis. Sollte man wirklich darauf gespannt sein, wie sich die „Thunderbolts*“ in Zukunft in das Universum eingliedern werden, dann wohl eher deswegen, weil man dabei mit anderthalb Augen doch wieder eher auf die Vereinslegenden schielt, die seit Phase I am Ruder sind... hoffend, dass die Neuzugänge wenigstens dazu taugen, den müden Helden einmal kurz in den Arsch zu treten, auf dass die endlich wieder aus ihrem Winterschlaf erwachen und abliefern.