Thunderbolts*
In seiner Fokussierung auf menschliche Empfindungen und praktische Effekte unerwartet effektiver und kompakter Superheldenfilm aus dem zuletzt arg orientierungslos wirkenden Marvel-Universum. Eine klar erkennbare Erdung, eine starke Darstellerriege sowie eine konsequent durchgezogene Düsternis nähren die Hoffnung auf eine erfolgreiche Kursänderung.
Ein Team zusammengewürfelter Antihelden nach einer Highschool Fußballmannschaft zu benennen, die kein einziges Spiel gewinnen konnte, ist mindestens so witzig wie stimmig. Dass man bei Marvel so viel Selbstironie besitzt, damit auch gleich noch den ungeliebten Ist-Zustand auf die Schippe zu nehmen, darf zwar bezweifelt werden, ein lustiges Gedankenspiel ist es aber allemal. So richtig viele Spiele im Sinne lupenreiner Blockbuster konnte man in der stotternden und holprigen Phase 4 des MCU jedenfalls nicht gewinnen. Seit dem gloriosen Finale mit „Avengers: Endgame“ (2019) stottert der erfolgsverwöhnte Superhelden-Motor ganz gewaltig. Die unglückliche Mutiverse-Idee und wenig interessante neue Helden führten erst zu Orientierungs- und dann zu Ratlosigkeit. Wer könnte da besser als Bindeglied zwischen dem Abschluss der trüben Phase-3-Vergangenheit und dem erhofften Aufbruch zu neuen Erfolgsufern taugen, als eine wüste Truppe zwielichtiger Gestalten, die ungewollt und unverhofft den Tag retten?
Zunächst stehen die Zeichen natürlich so gar nicht auf Teambuilding und Heroismus, ganz im Gegenteil. Black Widow Yelena Belova (Florence Pugh) ist des Auftragskillens überdrüssig und ihr Gemütszustand mit depressiver Verstimmung mehr als euphemistisch umschrieben. Da ist es nicht gerade hilfreich, dass sie auf Geheiß ihrer dubiosen Chefin Valentina Allegra de Fontaine (Julia-Louis-Dreyfus) in einer abgelegenen Einrichtung auf ein ähnlich gestimmtes Trio trifft. Da hätten wir zunächst John Walker (Wyatt Russell), der für fünf Minuten Steve Rogers als Captain America ablöste, bis er im Rachedurst kaltblütig mordete. Ava Starr alias „Ghost“ (Hannah John-Kamen) gehört als Nemesis Ant-Mans auch nicht unbedingt an die Tafelrunde, genausowenig wie die Assassine Taskmaster (Olga Kurylenko). Bleibt noch der verschüchterte Bob (Lewis Pullman), bei dessen seelischer Abwrackung ebenfalls Valentina ihre Finger im Spiel hatte. Dieses sieht vor, dass sich das Quartett gegenseitig umbringt um dann im Anschluss mit sämtlichen Beweisen für Miss Fontaines zahllose Schandtaten in Rauch aufzugehen. Natürlich merkt die so schamlos getäuschte Ausschussware, dass die entlegene Lagerhalle lediglich ein Krematorium verschleiert, rauft sich zumindest für den brenzligen Augenblick zusammen und entkommt gerade noch so der unfreiwilligen Feuerbestattung.
Bei solch geballter Finsternis und Tristesse braucht es unbedingt ein paar Humor- und Coolness-Farbtupfer. Glücklicherweise gibt es mit „Winter Soldier“ Bucky Barnes (Sebastian Stan) und „Red Guardian“ Alexei Shostakov (David Harbour) gleich zwei alte Bekannte, die den gewünschten Anforderungsprofilen ideal entsprechen. Alexei kompensiert seine Doppel-Trauer um den Verlust alter Sowjet-Helden-Glorie und einer intakten Beziehung zu seiner Tochter Yelena durch großspurige Jovialität und lautstarke Gefühlsbekundungen. David Harbour gibt diesen sympathischen Sprücheklopfer mit einer knuddeligen Brummbären-Aura, der sich weder die übellaunige Blitz-Combo und schon gar nicht das Publikum entziehen kann.
Bucky Barnes hat ebenfalls ein Ventil für seine Probleme gefunden. Als aufrechter Kongressabgeordneter und zupackender Deus ex machina arbeitet Steve Rogers Weltkriegs-Buddy seine Auftragskiller-Vergangenheit als „Winter Soldier“ sukzessive und proaktiv auf. Wenn Alexei das Herz der Thunderbolts ist, so ist Bucky ihr moralischer Anker. Gestählt durch 5 Kinofilme und eine Serie („The Falcon and the Winter Soldier“) weiß Sebastian Stan wie echte Helden auszusehen und zu agieren haben. Seine Initiation ins Thunderbolts-Team ist dann auch ein Bravourstück in Sachen Coolness und ein heißer Anwärter den Szenen-Applaus-Award des Jahres. Im Detail heißt das: Bucky tauscht den spießigen Abgeordneten-Anzug gegen schwarze Lederkluft und Wayfarer, schwingt sich auf die todschicke Harley Fan America 1250 ST und befreit die Thunderbolts in bester Terminator 2-Manier via Riesenwumme und Stahlseil von ihren lästigen Verfolgern.
Diese Szene steht auch für die größte Stärke des Films im Vergleich zum Gros der letzten Marvel-Produktionen. Der Crash des Verfolger-Humvees mitsamt Überschlag ist ebenso lupenreine Stuntarbeit wie Bucks halsbrecherische Verfolgung durch einen Convoy mitsamt „Handstand“-Stopp auf den Vorderrädern. Das gilt auch für Elenas Sprung vom zweithöchsten Gebäude der Welt (Merdeka in Kuala Lumpur) sowie die vielen Kampfszenen Mann gegen Mann bzw. Frau gegen Mann. Auch wenn Thunderbolts nicht den einzigartigen Wow-Charakter der Mission: Impossible-Reihe egalisieren kann, so setzt er dennoch sehr erfolgreich auf dieselbe Karte. Wo bei den handelsüblichen Comic-Verfilmungen der überbordende Einsatz von CGI längst nur noch ein müdes Achselzucken und Konsolen-Langeweile evozieren, fühlt sich die Action in Thunderbolts* echt und aufregend an.
Echt und wahrhaftig wirken auch die Figuren, womit man sich ebenfalls von der Genre-eigenen Stangenware abhebt. Die traumatisierten, mit allerlei psychischen und physischen Narben versehrten Antihelden fühlen sich nicht nur aufgrund fehlender Superkräfte wie Menschen aus Fleisch und Blut an. Vor allem bei Bob und Yelena nimmt sich der Film erstaunlich viel Zeit für ihr dysfunktionales Seelenleben. Dieser durchweg düstere Anstrich hat Seltenheitswert im vornehmlich bunten Marvel-Kosmos und erinnert an einige der besten Marvel-Filme wie „Captain America: The Winter Soldier“ (2014) oder „Avengers: Endgame“. Denn bleiben die Schicksale der Helden egal, dann verpuffen auch das noch so lärmige Getöse und das noch so pompöse Spektakel im schalen Rauch der Belanglosigkeit.
Ob all die beherzte Erdung der Thunderbolts* für die dringend nötige Kurskorrektur im ziellos umherirrenden MCU sorgen kann und wird, bleibt abzuwarten. Auch wie die Fusion mit den bereits in den Startlöchern stehenden, neu formierten „Fantastic 4“ und vor allem den vielen bisher unter Fans nicht gerade heiß geliebten Avengers-Epigonen gelingen soll. Aber diese Franchise-Sorgen können und müssen sich Kevin Feige und Co machen, für den immer noch positiv gestimmten Freund unterhaltsamer Superhelden-Abenteuer gibt es endlich mal wieder Grund zum Anstoßen. Die Loser-Truppe der Thunderbolts fahren einen nicht mehr erwarteten (Etappen-)Sieg für Team Marvel ein und dürfen gerne weitere Wettkämpfe bestreiten.