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Marvels frischer Neustart mit Antihelden-Power

Manchmal braucht es einen kleinen Stromschlag, um einen müden Riesen wieder aufzuwecken. Marvel hat sich in den letzten Jahren ein bisschen wie ein Marathonläufer angefühlt, der kurz vor dem Zielstrich ins Stolpern gerät: ambitioniert, aber müde; laut, aber ohne Nachhall; groß, aber nicht unbedingt großartig. Nach einigen eher ernüchternden Beiträgen ins MCU – sowohl qualitativ als auch an den Kinokassen – war die Luft draußen, die Magie verflogen, der Glanz matt. Doch dann drückt Marvel auf den Reset-Button und schickt eine Bande von Außenseitern ins Rennen: die Thunderbolts. Antihelden, Underdogs, Figuren aus der zweiten Reihe, denen man bislang kaum die große Bühne zutraute. Marvels Pendant zu DCs Suicide Squad - und doch weit mehr als das. Denn im Gegensatz zum chaotischen Cousin aus dem Nachbaruniversum fühlt sich Thunderbolts* wie eine Frischzellenkur an. Ja, es lebt! Und wie. Jake Schreiers Film ist dabei kein quietschbunter Blockbuster von der Stange, sondern wirkt wie ein beherzter Faustschlag ins Gesicht all der MCU-Müdigkeit, die sich in den letzten Jahren angesammelt hat. Und es tut erstaunlich gut.

Im Zentrum steht diesmal keine drohende Multiversums-Katastrophe, kein apokalyptisches Szenario, das den Kosmos in Scherben legt. Stattdessen eine Mission, die deutlich schmutziger, kleiner und persönlicher ist. Denn Thunderbolts* erzählt von Figuren, die nicht als Helden geboren sind und es wohl auch nie werden. Sie sind gebrochene Existenzen, Gefallene, Glücksritter, die sich nolens volens zusammentun. Diese Perspektive bringt eine wohltuende Erdung ins Spiel. Das Drehbuch macht den klugen Schritt, diese Patchwork-Familie nicht in glatter Teamharmonie aufgehen zu lassen. Im Gegenteil: Es sind die Risse, die Widersprüche, die kleinen Bosheiten, die das Ensemble lebendig machen. Jeder Charakter trägt seine Narben, seine Schuld, sein eigenes Gewicht. Die Thunderbolts wirken nicht wie glattpolierte Überhelden, sondern wie Menschen aus Fleisch und Blut. Mit Fehlern, Zweifeln, Abgründen. Und aus diesen Lasten wächst Spannung, Reibung, ja sogar eine Form von Authentizität, die man dem MCU zuletzt abgesprochen hätte.

Jake Schreier bringt eine Handschrift mit, die man im MCU so noch nicht oft gesehen hat: weniger klinische Perfektion, mehr Schmutz unter den Fingernägeln. Man könnte fast sagen: Er zieht den Hochglanzteppich unter den Füßen des MCU weg – und siehe da, darunter liegt Beton. Thunderbolts* fühlt sich an wie eine Mischung aus Spionagethriller, Heist-Movie und dreckigem Actionfilm – gewürzt mit einer Prise schwarzem Humor. Die Atmosphäre ist rau, die Welt dreht sich ein Stück langsamer, und genau darin liegt die Stärke. Im Gegensatz zu den oft steril wirkenden Welten anderer Marvel-Filme sind die Settings hier greifbar, fast taktil. Diese Bodenhaftung gibt dem Film Gewicht und Intensität.

Bei der Action knallt es ordentlich – und zwar im besten Sinne. Statt bombastischer, aber austauschbarer CGI-Schlachten setzt Schreier auf handgemachte, wuchtige Fights und Schießereien. Jeder Schlag, jeder Tritt, jeder Schuss sitzt. Besonders die Schießereien sind bemerkenswert inszeniert: schnörkellos, dynamisch, von bedrückender Unmittelbarkeit. Schreier gönnt den Szenen Raum, verzichtet auf Schnittgewitter – und erreicht gerade dadurch Intensität. Man merkt, dass das Stuntwork hier nicht nur Beiwerk ist, sondern Herz und Seele der Action-Szenen. Die Choreografien sind kraftvoll, mitreißend und klar inszeniert – man sieht, was passiert, man spürt die Wucht. Kein hektisches Schnittgewitter, kein Effekt-Overkill, sondern ehrliche, schwitzige, mitunter brutale Auseinandersetzungen. Die Kameraarbeit unterstreicht diesen bodenständigen Ansatz. Viel Handkamera, viel Nähe, viel Direktheit. Man fühlt sich mitten im Geschehen, spürt die Hektik, das Chaos, die Gefahr. Gleichzeitig gibt es immer wieder kunstvoll komponierte Einstellungen, die das Ensemble in Szene setzen. Gerade die Gruppenaufnahmen schaffen es, die Dynamik der Truppe visuell einzufangen. Der Score schließlich bricht mit der gewohnten Marvel-Ästhetik. Keine standardisierten Heldenfanfaren, sondern düstere Beats, treibende Gitarren, elektronische Fragmente. Musik, die nicht so sehr erhöht, sondern antreibt, fast jagt. So klingt ein Film, der den Heldenthron verweigert und sich doch an die Spitze setzt. Was aber die Thunderbolts am stärksten trägt, ist ihr Ensemble. Bemerkenswert ist, dass keine Figur verloren geht. Jeder bekommt Raum, jeder darf Profil entwickeln, niemand wirkt zur Staffage degradiert.

Fazit

Thunderbolts* ist, in einem Wort, ein Befreiungsschlag. Er ist rauer, ehrlicher, frecher als das, was Marvel in den letzten Jahren abgeliefert hat. Nach den kreativen und finanziellen Durchhängern, wirkt dieser Film wie ein längst überfälliger Neustart. Er setzt nicht auf die größte Explosion oder die wildeste Multiversum-Verstrickung, sondern auf Figuren, Atmosphäre und handgemachte Action. Dass Thunderbolts* obendrein deutlich besser ausfällt als der durchwachsene Captain America: Brave New World, sei hier nur als ironische Randnotiz vermerkt. Entscheidend ist: Marvels Antihelden-Truppe beweist, dass das MCU noch lebt und dass man keine glattpolierte Heldengalerie braucht, um zu fesseln – manchmal reichen Außenseiter mit Ecken und Kanten.

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