Review
von Alex Kiensch
Der Arzt Alex (Trevor Howard) und die Hausfrau Laura (Celia Johnson) begegnen sich zufällig an einer Bahnstation. Beide sind verheiratet und haben Kinder - und beide fühlen sofort große Sympathien füreinander. Als sie beginnen, sich regelmäßig am Bahnhof zu treffen, wird daraus bald die große Liebe. Doch ihre Familien zu verlassen und ihre bisherigen Leben aufzugeben - das kommt für sie nicht in Frage. So quälen sie sich mit ihren Gefühlen füreinander und suchen verzweifelt nach einer Lösung für ihre Situation.
Das britische Liebes-Drama, ein Frühwerk von David Lean, besticht durch eine bei aller Alltäglichkeit packende Story und überaus glaubwürdige Charaktere. Auch wenn manche Szenen ein wenig zum Melodramatischen neigen, gefällt „Begegnung" mit einer insgesamt zurückhaltenden Inszenierung, die die Ereignisse sich ganz natürlich und entspannt entwickeln lässt und in der sich die Figuren voll und ganz entfalten können. Das dialoglastige Drehbuch gibt Einblicke in den Alltag zweier gewöhnlicher Menschen, deren Leben völlig unverschuldet durcheinander gerät. Die überaus sympathischen Charaktere ziehen den Zuschauer dabei schnell in ihren Bann und sorgen für eine erstaunliche Intensität, die den ereignisarmen Film durchgehend spannend werden lässt.
Interessant ist dabei vor allem die Darstellung der Nebenfiguren, die das zentrale unglückliche Pärchen umgeben. Vom enorm verständnisvollen Ehemann, der Laura nicht einen Moment verdächtigt oder ihre Erklärungen und Ausreden in Frage stellt (und den zu betrügen dadurch umso schmerzhafter wird), über leicht zu belügende Klatschbasen bis hin zum frivolen Bahnhofspersonal, dem das Treiben der Gäste völlig egal ist - hier wird ein vielschichtiges Milieu der englischen Arbeiterklasse und Oberschicht gezeichnet, das mit naturalistisch agierenden Darstellern und gut gezeichneten Figuren zu überzeugen weiß. Auch die Hauptfiguren selbst wirken sehr realistisch in ihrem Bemühen, zwischen ihrem moralischen Pflichtgefühl und ihren Emotionen einen Ausweg zu finden. So enthält sich der Film jeglicher Bewertung seiner Charaktere, sondern zeigt ganz einfach das Dilemma, das entsteht, wenn die eigenen Gefühle dazu führen, geliebten Menschen wehzutun. Bürgerliche Moral und Anstand werden zwar immer wieder thematisiert, sind aber, wie die Handlungen der Agierenden wiederholt zeigen, nicht das zentrale Motiv - die Aufrichtigkeit den langjährigen Ehepartnern gegenüber ist das eigentliche Problem. So bringt „Begegnung" den Konflikt einer Liebesaffäre auf die rein individuelle, emotionale Ebene - ein eleganter Weg, den Anstandsforderungen der Gesellschaft zu widersprechen.
Die Kamera bleibt dabei meistenteils ruhig und zurückhaltend, fängt das Geschehen in schön ausgeleuchteten Schwarz-Weiß-Bildern ein und wird nur in einer emotionalen Extremsituation mit schrägen Winkeln und Zooms regelrecht entfesselt. Auch der angenehm zurückgefahrene Score trägt zu einer getragenen, aber keinesfalls langweiligen Atmosphäre bei. Vielleicht sind die aus dem Off eingesprochenen Gedankengänge Lauras mitunter etwas zu schwülstig, andererseits erweisen sie sich durchaus als notwendig, um einige Entwicklungen und emotionale Probleme darstellen zu können. Insgesamt ist „Begegnung" ein kleines, aber feines Werk Leans, das mit seiner realitätsnahen, emotional fesselnden Geschichte ein Feingespür für zwischenmenschliche Konflikte bezeugt, das man noch in vielen späteren (deutlich ausladenderen) seiner Werke sehen sollte. Für Romantiker ein definitiv empfehlenswerter Liebesfilm.