Review

ʻOhana light - Mehr Planschbecken als Wellenritt

Disney hat’s schon wieder getan. Kaum ist eine geliebte Zeichentrickfigur alt genug, um nostalgische Gefühle auszulösen, wird sie ins Realfilm-Korsett gezwängt. Diesmal trifft es also Lilo & Stitch. Ein Film, der einst für anarchisches Chaos, hawaiianisches Lebensgefühl und herzzerreißende Familienmomente stand – und nun im Jahr 2025 als Realverfilmung zurückkehrt. Das Ergebnis ist ein Film, der vor allem zeigt, wie schwer es ist, aus einer chaotisch-liebenswerten Animation eine lebendige Realwelt zu bauen. Die Zutaten sind zwar alle da: Alien, ʻOhana, Hawaii. Aber das Endprodukt schmeckt eher nach aufgewärmter Mikrowellenkost als nach frisch gegrilltem Ahi-Steak am Strand. Kein Totalausfall, aber eben auch weit weg vom ungestümen Charme des Originals. Vielmehr ein Paradebeispiel für das, was passiert, wenn Disney die Schablone der „Live-Action-Remakes“ noch einmal über den Kopierer jagt – und dabei vergisst, dass Geschichten wie diese nicht nur Oberflächen, sondern auch Tiefgang brauchen.

Surfen im seichten Wasser

Die Grundgeschichte bleibt nah am Original: Lilo, ein einsames Mädchen auf Hawaii, adoptiert das vermeintliche „Haustier“ Stitch, das in Wahrheit ein außerirdisches Experiment ist. Dazu gesellen sich ein paar Nebenhandlungsstränge – etwa mit der CIA, die Stitch aufspüren will –, ein paar Konflikte, die Beziehung zwischen Lilo und ihrer Schwester, die Schwierigkeiten, Freundschaft zu finden, und das allumfassende Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Chaos, Herz, Familie – fertig ist die Disney-Magie. Zumindest theoretisch.

In der Praxis wirkt der neue Film, als hätte man die altbekannte Storyline durch einen Fleischwolf gedreht und die Reste mit buntem Zuckerguss überzogen. Er kommt von Anfang an nie wirklich in die Gänge, es fehlt an Rhythmus, an innerem Takt. Szenen plätschern nebeneinander her, ohne dass sich ein echter Erzählfluss entwickelt. Besonders der Versuch, die CIA-Storyline stärker zu betonen, wirkt wie ein Fremdkörper. In einem Film, der sich anfühlt, als wäre er zu 90 % für Kinder unter zehn zugeschnitten, ist der Plot um zwielichtige Geheimagenten so deplatziert wie ein Anzugträger beim Hula-Tanz.

Das Drehbuch ist brav, bieder, vorhersehbar. Viele Szenen wirken wie auf einer Checkliste abgearbeitet: „Hier lachen! Hier rühren! Hier Action!“ Doch echtes Feuer, echte Kreativität? Fehlanzeige. Stattdessen zieht der Film die sichere Karte, bleibt an der Oberfläche und vertraut blind auf die Nostalgie des Publikums. Doch Nostalgie ist ein zweischneidiges Schwert: Sie kann wärmen, aber auch gnadenlos aufzeigen, wenn etwas nicht mithalten kann. Gerade die emotionale Tiefe, die das Original so besonders machte – Lilos Außenseiterrolle, die brüchige Schwester-Beziehung, der stille Schmerz über den Verlust der Eltern – wirkt in der Realverfilmung zu sehr runtergedimmt. Alles wird in kindgerechte Häppchen verpackt, ohne dass es je wirklich weh tun darf.

Komik im Kinderbecken

Humor ist bekanntermaßen schwerer zu fassen als ein Alien im Tierheim. Leider zeigt Lilo & Stitch hier seine größte Schwäche. Die Witze sind selten pointiert, oft platt, manchmal schlichtweg peinlich. Man spürt, dass die Gags vor allem für ein sehr junges Publikum geschrieben wurden – was völlig legitim wäre, wenn der Film nicht zugleich so tut, als wolle er auch die älteren Fans abholen. Die wenigen Lichtblicke findet man in der Situationskomik zwischen Zach Galifianakis und Billy Magnussen. Diese beiden schaffen es tatsächlich, ein paar originelle, schräge Momente zu erzeugen, die an den anarchischen Humor des Originals erinnern. Aber eben nur in homöopathischen Dosen. Der Rest wirkt wie ein aufgekochter Kindergeburtstag mit Zwangslachen.

Visuell bemüht sich der Film redlich, Hawaii in all seiner Pracht einzufangen. Palmen, Strände, Sonnenuntergänge – alles da. Doch so schön die Kulisse auch ist, die Inszenierung bleibt erstaunlich unaufgeregt. Es fehlt das gewisse Etwas, das Funkeln, das den Zuschauer mitreißt. Stattdessen reiht sich eine Szene an die nächste, als hätte der Regisseur auf Autopilot geschaltet. Was allerdings gelungen ist: Stitch selbst. Die Animation ist flüssig, charmant und erstaunlich lebendig. Er sieht nicht wie ein Fremdkörper aus, sondern fügt sich organisch ins Realfilm-Setting ein. Ein kleines Wunder, wenn man bedenkt, wie oft CGI-Figuren wie Fremdkörper wirken. Stitch ist – keine Überraschung – der heimliche Star des Films.

Wenn Schauspiel die Ukulele stimmt

Die wahre Überraschung des Films ist Maia Kealoha als Lilo. Sie bringt eine Natürlichkeit mit, die man nicht spielen kann und hat diesen ungekünstelten Blick auf die Welt, der dafür sorgt, dass man ihr jedes trotzig gemurmelte „ʻOhana heißt Familie“ sofort abnimmt. Sie wirkt nie nur als „süßes Kind mit Alienfreund“, sondern hat Momente, in denen man ihr glaubt, dass ihr Verlust, ihre Einsamkeit, ihr Wunsch nach Familie echt sind. An ihrer Seite: Sydney Agudong als Nani. Auch sie überzeugt, weil sie das Kunststück schafft, zugleich stark und überfordert zu wirken – eine große Schwester, die mit der Verantwortung ringt und dennoch Herz zeigt. Man spürt die Last, die sie trägt, und auch die Angst zu versagen, vor allem in der Balance zwischen Pflicht und Fürsorge. Zusammen entwickeln die beiden eine Dynamik, die den Film trägt. Man glaubt ihnen, dass hier echte Schwestern streiten, lachen, sich anschweigen und trotzdem nicht voneinander lassen können. Ihre Chemie ist echt, ihr Zusammenspiel berührt.

Der Rest des Casts bleibt eher Randnotiz. Zach Galifianakis und Billy Magnussen bringen immerhin ein paar schräge Glanzlichter, aber die emotionale Erdung des Films liegt klar bei Kealoha und Agudong. Ohne sie würde der Film endgültig im Mittelmaß versinken.

Fazit

Im größeren Kontext der Disney-Realverfilmungen bleibt er unterm Strich ein Werk am unteren Ende der Skala – oberflächlich, erzählerisch fahrig und zu sehr auf Nummer sicher bedacht. Der Film ist nett anzusehen und für ein sehr junges Publikum sicher unterhaltsam – doch wer gehofft hatte, die Magie des Originals in neuer Form zu erleben, wird mit einem lauwarmen Remake abgespeist. Ein Werk, das zwar seine charmanten Momente hat – vor allem dank Stitchs Animation und dem Spiel von Maia Kealoha und Sydney Agudong – aber ansonsten kaum mehr als ein laues Lüftchen ist. Unterm Strich: ein Film wie ein Postkartenmotiv aus Hawaii. Hübsch anzusehen, freundlich, harmlos. Doch wer die echte Wärme, den echten Zauber sucht, der wird enttäuscht feststellen: Dieses Bild ist nur ein Abziehbild.

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