Filme schauen ist immer ein wenig so wie Bingo spielen: da versucht man möglichst, alle Werke auf seiner Tanzkarte abzuarbeiten, sei es das Werk eines Regisseurs, eines Autors, einer Figur oder eines Untergenres. Man kann das relativ zwanghaft angehen – wie ich letztes Jahr rund um die Charlie-Chan-Filme, man kann aber auch die relative Liste ganz locker in der Brieftasche mit sich rumtragen und immer mal wieder einen Strich machen, so geht mir das mit den Video Nasties.
Wir Deutschen haben zwar unsere eigene Zensur-Story und freuen uns immer noch über absurde Gerichts- und Beschlagnahmungsbeschlüsse aus Berlin oder Bayern anno 1983, aber die freundliche Hysterie-Video-Nasty-Liste, die durch Greater Britain geisterte, die ist so schön kompakt – und manchmal läuft einem dann so ein Film nach Jahren über den Weg und man begrüßt ihn wie einen alten Kriegskameraden (sogar ich, als Zivi!).
„The Slayer“ aus dem Jahr 1982 ist einer dieser Filme und was vielleicht um 2000 herum noch galt, entlockte mir dann 2021 doch ein zartes Schmunzeln, dass dieser Film auf der roten Liste war.
Ich meine, da wurde in Italien mit Schweineinnereien simuliert und geschmoddert und Tabus gebrochen, von Inzest und Nekrophilie das Bettdeckchen gezogen und hier haben wir tatsächlih einen mit sicherem Händchen und visuellem Einfallsreichtum gestalteten Horrorthriller, der mehr auf Suspense denn auf Gore setzt. Ein Verbrechen für alle filmischen Gleichstellungsbeauftragten!
J.S. Cardone war sicher kein Meister der Cineastik, doch sein Debüt hier beweist ein gewisses Gespür, was aus so einer Geschichte herauszuholen ist. Im Zentrum steht eine Künstlerin, die ihren Alpträumen auf der Leinwand Ausdruck gibt, was sie aber dennoch solange mit Todesängsten belastet, dass man am besten zu viert einen Inselurlaub macht. Doch oh weh, die Insel und ihre Bauwerke erscheinen wie aus ihren Träumen heraus konstruiert und das dräuende Unheil lässt sich auch mit viel Wein nicht so recht wegsüffeln. Dann ist da noch ihr Pilot, der ebenfalls wegen des ankommenden Hurricanes nicht wieder abheben kann und der sich alsbald als erster Verdächtiger unter sonst niemandem qualifiziert.
Daher ist die Zahl möglicher Meuchelopfer auch drastisch reduziert, denn man darf solide davon ausgehen, dass Protagonistin Kay hier das „final girl“ ist. So geschieht es dann auch nach allerlei atmosphärischen Bildern und klassischem Suspense-Arsenal macht sich der zu 95 Prozent des Films komplett ungesehene Killer an die Arbeit und greift eben zu allerlei spitzen Sachen, die der Zensur Freude machen. Derlei Schnitt- und Stichtechnik sorgt dann auch für etwas mehr Blut und Gore, setzt aber keine Effektlawine in Gang.
Das erzählerische Fragezeichen reduziert sich am Ende geschickt auf Kay, den Piloten und einen Unbekannten als möglichen Täter, der dann zum feurig-demolierenden Finale persönlich vorstellig wird.
Man mag hier nicht zuviel verraten, doch falls man sich schon durch Screenshots auf einschlägigen DVD-Covern oder Ähnliches gefressen hat, kriegt man ggf. doch ungewollt einen gewaltigen Spoiler mit auf den Weg – oder glaubt an visuelle Wunderdinge, die in der Endabrechnung optisch wirklich nur relativ sparsam ausfallen, womit wir wieder bei der Rätselhaftigkeit der Videonasties wären.
Was „The Slayer“ jedoch hat, ist wirklich so etwas wie eine Meta-Pointe, die das Thema Trauma mal gehörig auf den Kopf stellt. Allerdings sollte man bei den Dialogen vorher schon zugehört haben, sonst rätselt man da etwas hinterher.
Warum der Film, trotz etwas Blut, nun auf der „Nasty“-Liste landete, ist relativ unverständlich. Ja, es ist ein Slasher, aber kaum mit einer Handvoll Toten und nun auch keiner explizit dargebotenen Grausamkeit, Misognyie oder auch nur dem Hauch eines Tabubruchs – heute hat er lediglich den Vorteil, weitestgehend zu den unbekannteren Slashern dieser Phase zu gehören. Und für alle, die sich etwa durch „The Wind“ gequält haben: hier lohnt sich das Stöbern mal. (6/10)