"Letztjährig erster Beitrag und damit auch Startschuss zu einer Reihe von Katastrophenfilmen aus der Volksrepublik China, die 2019 anders als eingangs gedacht und wohl auch gewünscht das Jahr nicht zum Aufbruch der Science Fiction, sondern zum Wiederbeleben (meist) wahrer Geschichten als menschliche Dramen im Verbunden mit Desasterspektakeln werden ließen. Während der Gang in die Zukunft und den Fortschritt schon beizeiten stockte (und die Fantasy als vorheriges Zugpferd beim zahlenden Publikum nahezu gänzlich ausblieb), oblag es dem Blick zurück auf jüngere Ereignisse und Bewährungsproben und Heldentaten der chinesischen Bevölkerung, sich als Blockbuster zu installieren; die Adaption von Baoerji Yuanyes Reportage "Tears Are The Deepest Water: The Report on the Suppression of the July 16 Oil-burst Fire in Dalian" und Explosions- und Brandereignis The Bravest mit 237 Mio. USD dabei als furioser Beginn, welcher von dem Flugzeugdrama The Captain und dessen 412 Mio. USD im Einspiel zwar noch übertrumpft wurde, aber bspw. The Climbers und vor allem auch Skyfire hinter sich ließ. Eigen ist allen Filmen – The Rescue hätte zum Chinesischen Neujahr 2020 den großen Abschluss machen sollen, wurde aber aus aktuellen Anlass auf unbestimmte Zeit verschoben – , dass sie aufgrund ihrer narrativen Annäherung an das amerikanische Katastrophenkino aus den frühen 70er Jahren im Grunde auch für das westliche Publikum interessanter bzw. zugänglicher als das übliche chinesische Programm und entsprechend relativ schnell auch für diesen Markt distribuiert worden sind. Blut, Schweiß und Tränen für die VRC."
~ Einleitung zu The Bravest (2019)
"Etwa zwei Monate nach dem Konkurrenzprodukt Out of Inferno erschienenes Katastrophendrama, welches abermals den Beruf des Feuerwehrmannes in seiner Aufopferung für das Leben Anderer in den Mittelpunkt seiner Handlung stellt, diesmal allerdings nicht das ganz traditionelle Schema der Erinnerung an Klassiker wie The Towering Inferno (1974), sondern eine persönlichere Herangehensweise wählt. Interessanterweise ist der Aufbau, sonst oft die zähe Einführung all der später um ihr Leben im Desaster kämpfenden Personen hier der gelungene, und das spätere Actionszenarium der eher nachteilige Schritt, zumal von der Dramaturgie und der metaphorischen Inszenierung her der folgende Brandherd und seine Gefahren teils wie im Horrorfilm dämonisiert, mit gar kleineren Ausflügen in das Reich des Übernatürlichen oder zumindest Mysteriösen formuliert wird. The epic spectacular...:"
~ Einleitung zu As the Light Goes Out (2014)
"Weitere Kollaboration zwischen China und Hongkong, in der die Einen die finanziellen Mittel und die Anderen die Talente vor und hinter der Kamera bereitstellen, wobei (Out of) Inferno in dem Fall nicht nur ein ungewohntes Werk für die Regisseure, sondern auch generell die Filmländer bedeutet. Gedreht und mitgeschrieben von den Brüdern Oxide & Danny Pang, die sich ihre Karriere mit Werken im Horrorgenre aufgebaut und da trotz mancherlei wenig beachteten Ausbrüchen auch fundamentiert und den Stempel von Genrefilmern behalten haben, wird mit dem als "Escape" übersetzten sowohl das ungewohnte Milieu des Katastrophen- als auch das weitere Subgenre des Feuerwehrfilmes betreten; der Schwerpunkt eindeutig auf dem ersten Bereich, wenn auch der Bezug zum Zweiten die Prämisse der Figurenkonstellation ergibt. Ein Novum durchaus mit Erfolg der Idee, die den Bogen vom eigentlich wirklich vorhandenen anderen Exemplar Lifeline (1997) über den koreanischen The Tower (2012) bis hin zum aktuell verspäteten Konkurrenten As The Light Goes Out (2014), einem weiteren Actiondrama gleicher Gesinnung und Herkunft schlägt."
~ Einleitung zu Out of Inferno (2013)
Cesium Fallout extra von Produzent Bill Kong als Antwort auf die Misere im Filmgeschäft initiiert, als Projekt, welches neue Wege gehen soll und eher untypisch für das HK-Kino ist, das wieder Aufmerksamkeit erwecken möchte und ein Zeichen setzen, dass man noch vorhanden ist. Hier im Exempel des Katastrophenfilmes, welches einzeln oder im Verbunde mit der VRC schon behandelt wurde, von HKer Seite aus oft als Feuerwehrfilm, bspw. in Lifeline (1997), in Out of Inferno (2013) oder As the Lights Goes Out (2014), gerne auch in TV-Serien benutzt, Burning Flame kam ab 1998 auf mehrere Staffeln, China selber hat sich erst zuletzt mit dem Thema in Flash Over (2023) oder The Bravest (2019) bedient, jeweils mit lokaler Unterstützung im Team. Hier geht es zwar speziell um eine nukleare Strahlenkatastrophe, einem versehentlichen radioaktiven Leck, die Behandlung ist aber die gleiche, und auch hier ist die Feuerwehr aktiv vor Ort zum Schutz vor Ausbreitung und dem Wohle der Bevölkerung eingesetzt. Dabei hat man am Budget nicht geknausert und sich extra einen Star geholt, der bislang auch im Mutterland ein Garant für Blockbuster war, der Stern zuletzt ein wenig am Sinken, vielleicht eine Übersättigung, Andy Lau war in den letzten Jahren nun wirklich oft zu sehen; hier allerdings mit Karen Mok (als Art Rückkehr) in einer Paarung, die nun wahrhaftig schon fast zwei Jahrzehnte her ist. Anreiz wurde jedenfalls genug geboten, das Ergebnis selber ist:
Im Jahr 1996 lockert Finanzminister Simon Fan [ Andy Lau ] die Vorschriften für die Containerinspektion und ermöglicht es skrupellosen Händlern wie Peter Cowen [ Michael Wong ], Vorsitzender der DOE Corporation, und Roger Fong [ Michael Chow ], Ehemann der Finanzsekretärin und amtierenden Regierungschefin von Hongkong, Cecilia Fong [ Karen Mok ]. Schlupflöcher auszunutzen, um gefährliche Güter zu importieren. So bricht an den Kwai Chung Container Terminals ein Feuer aus, bei dem mehrere Feuerwehrleute ums Leben kommen, darunter auch May Fan [ Tong Yao ], die Frau von Simon Fan, und Schwester von Lai Kit-fung [ Bai Yung ], einem Stationsoffizier der Hongkonger Feuerwehr. Nach dieser Tragödie verlässt Simon Fan die Politik, macht ein Studium und wird Experte für Abfallwirtschaft. Im Jahr 2007 tritt plötzlich ein hochintensives radioaktives Material, Cäsium-137, auf dem "Hung Lik Recycling Yard" in Queen's Hill, Fanling, aus. Von den Philippinen kommend zeichnet sich zusätzlich der tropische Sturm "Murphy" ab, was bedeutet, dass sich die Strahlung innerhalb von 24 Stunden über Hongkong ausbreiten und sieben Millionen Menschen in große Gefahr bringen könnte. Um keine Panik in der Öffentlichkeit auszulösen, beschließen die Hongkonger Regierungsbeamten, Informationen über die Strahlung zurückzuhalten. Der Feuerwehrkoordinator der Einheit, Lau Siu-keung [ Kenny Wong ], wird ebenso im Unklaren gelassen wie der Direktor der Feuerwehr [ Bowie Lam ].
Dabei ist man natürlich Co-finanziert mit Shanghai und Peking, alleine auch nicht zu stemmen, das Budget von 100 Mio. HKD auch überzogen, dies auch freiwillig zugegeben, wie als Zeichen für größtmögliches Bemühen. Der Regisseur selber ist mit Anthony Pun eher eine seltsame Wahl, er führte Co-Regie bei Extraordinary Mission (2017), einem Undercoverthriller, und das alleinige Debüt mit dem Drama One More Chance (2023), keinerlei Erfahrungen im Big Budget und anderweitig im Genre. Eine Einleitung wird hier geboten, per Texttafel bereitgestellt, dazu ein Rückblick auf 1996, ein Jahr vor der Rückgabe an China, den Briten wieder genommen, das 'Asian Financial Forum' im Blickfeld, der Star gleich in den Mittelpunkt gerückt. Noch wird applaudiert, auf das Geschäft angestoßen, die Gläser erhoben, der Schampus geschlürft, noch ist alles gut, bald das Gegenteil davon. Bald dröhnen die Sirenen, erstmal nur ein 'normaler' Autounfall, die Verletzten müssen befreit werden, die Fensterscheiben eingeschlagen, die Kettensägen dröhnen; eine Übung war das nur, der Ernstfall vor der Tür, er kommt noch früh genug. Um Kameradschaft geht es natürlich, um Freundschaft, um Zusammenhalt auch und vor allem auch in der Gefahr, um Perfektion in den Abläufen und der Kooperation in der Teamarbeit, alles ist bald gefragt. Von unten nach oben in der Hierarchie, in der Nahrungskette werden die Leute vorgestellt, erst vor und dann zurück, manche erkennt man augenblicklich, manche eher nicht, es geht sowieso um das große Ganze, es ist ein Disasterfilm, die kleinen Taten und die großen Effekte zählen, man erwartet nicht wirklich Neuheiten im Erzählen, wir haben nicht den Anfang der Siebziger mehr. Rückblenden werden eingespeist, Traumata, ein Großfeuer im Hafen, ein unbekanntes Material in Brand gesetzt, ein riesiges Szenario, auch effekttechnisch gut umgesetzt. Container bersten und fliegen den Einsatzkräften um die Ohren, Verluste werden gemacht, sie werden nicht vergessen, man erinnert sich an sie heute wie gestern, und das jeden Tag. Konflikte schwelen und liegen über Jahre hinweg vor, Krach innerhalb einer Familie, ein Unglück geschehen, keine Entschuldigung ausgesprochen und auch keine Entschuldigung, die das wiedergutmachen könnte; ein Dilemma, das mit Träger es Filmes ist, auf emotionaler Ebene, persönlicher Natur.
Schuld an der anderen Misere sind natürlich die ausländischen Arbeitskräfte, die wahrscheinlich illegal Eingewanderten und ebenso Beschäftigten, wird unachtsam auf den New Territories mit dem entsprechenden Material umgegangen, aus Gier auch, aus Ahnungslosigkeit, aus Fahrlässigkeit, bald sind 7 Mio. Menschen in tödlicher Gefahr. Im Tai Tong Village bricht die Gefahr aus, die Feuerwehr mitten im Training, an einem Sonntag zum Ernstfall gerufen, binnen Sekunden rückt man aus, Qualm und Rauch schon über dem gesamten abgelegenen Gebiet, die Alarmstufe wird gleich von 1 auf 3 erhöht. Ein Neuling ist dabei, und einer, der kurz vor der Pension steht, die Personenkonstellation soweit klar, zumindest im Fokus der Aufmerksamkeit, Pun hat die Szenerie durchaus im Bilde, er hat sie im Blick. Ein brennender Mann rennt durch die Gegend, ein Tanklaster explodiert, die Kanalisation darunter, bald das gesamte Areal und das umher liegende Gebiet, hier werden der Tricktechnik einige Grenzen gesetzt; man gibt sich sichtlich Mühe, kann aber nicht alles digital visualisieren, es ist schon gehobener Standard, aber dennoch auszumachen, was real ist und was nicht, was handwerklich machbar ist und wo es aufhört, weil auch zu gefährlich. Eine Evakuierung wird ausgerufen, ein Rückzug, eine Konferenz wird einberufen, ein Zusammenziehen der Experten, der Politiker, der Chief Executive weilt in Europa, er wird vertreten, er bleibt am besten dorrt für die nächsten Monate, es kann alles passieren hier. Die Schnitte werden schneller, die Montage strammer, der Aufwand deutlich, auch die Stuntleute eingesetzt, es gibt Autocrashs auf einer nahegelegenen Brücke, die Einzelteile weit in die Winde verstreut, durch die Druckwelle meilenweit geflogen, erste Opfer gezählt. Ein Krisenzentrum vor Ort, ein Triagenpunkt, im Hauptquartier selber weine hitzige Diskussion, man ist unterschiedlicher Meinung, man ist unterschiedlicher Expertise, man will die Zahl der Verletzten und Toten klein halten, man will aber auch nicht in die negativen Schlagzeilen; man kann nicht in die Zukunft sehen und (natürlich) ist auch noch ein Taifun am Herantreten, der alles verändern würde, und zwar zum Schlechteren, der das Material verbreiten würde. Noch ist die Gefahr außerhalb der Metropole, bald wäre sie mittendrin, ein Verhindern dann nicht mehr machbar, und die Zeit verrinnt.
Darstellerisch gut aufgestellt und aufgelegt, mehrere bekannte Gesichter, manche auch mehrdeutig gehalten, manche länger nicht auf der Leinwand zu sehen gewesen wie eben Karen Mok oder auch Bowie Lam, manche in einer ungewohnt ernsten Rolle wie Ivana Wong, dazu ein paar Neulinge, die sich alle Mühe geben; zuweilen wird vom Regisseur auch auf überdeutliche 'Bösewichter' in der Handlung gesetzt, schon von weitem zu erkennen und an den Gesten noch viel mehr. Die politische Gemengelage gehört zum Genre dazu, wird hier aber tatsächlich erst im Notfall selber abgespult, nicht schon vorher, den Absatz mit den ungehörten Warnungen etc., es ist jetzt Not am Mann und es ist jetzt die Phase für das Handeln, es wird bereits im ersten Viertel die Katastrophe und ihre Kenntnis und Auswirkungen auch angegangen. Die Dialogführung ist unauffällig, aber auf Druck gehalten, ein Hin und Her, eine Debatte über die 'Battlezone' vor Ort, zudem wird dem Zuschauer eine zeitliche und eine örtliche Orientierung geboten, er wird nicht alleine gelassen wie die Eingeschlossenen, sondern hilfreich mit eingebunden. Aufnahmen aus der Vogelperspektive zeigen das Ausmaß des Geschehens und die Geografie, dazu gibt es auch Vorstellungen der Personen mit Namen und Funktionen, etwas Kitsch kommt natürlich auch dazu, das bleibt nicht aus, hätte man aber ignorieren können. Durch wildes Waldgebiet zum Zielort geht es teilweise, über eine Art voluminösen Schrotthandel, der Regisseur hatte im Interview bemängelt, das wenig freies Gelände zum Dreh in HK vorhanden sei, er hat schließlich an vier verschiedenen Schauplätzen gefilmt und die Ausstattung aus Chaos und Zerstörung an jedem Seit aufrechterhalten; der Film lebt auch von Handwerklichkeit, es wird nicht einfach nur so getan als ob, es wird sich physisch angestrengt, was man durchaus bemerkt und würdigt, es ist nicht bloß ein großer Pixelbrei, es ist schon Filmemachen. Zwischendurch stürzen Hubschrauber ab und fliegen in Stromleitungen, es gibt Heldentode, es wird sich durch Berge von Müll, Metall, Draht gekämpft, ein Labyrinth aus den Überbleibseln der Zivilisation, der Abfall vom Konsum. Es werden Vorhersagen und Prophezeiungen gemacht, apokalyptische Visionen eingespeist, Dystopien, eine verseuchte, ausgestorbene Stadt. Vorher schon kommen Panikattacken der Bevölkerung, Stromausfälle, Hamsterkäufe, Randale und selbständige Evakuierungsversuche, ein kollabierendes Gesundheitssystem, manchmal auch Zeichen der Menschlichkeit, dann ein Nachrichten-Leak, politisches und wirtschaftliches Gemauschel und Geklüngel; die Handhabe von Massenszenen eindrücklich, gerade auf der dicht bevölkerten Sonderverwaltungszone, zumal Pun, der ehemaliger Kameramann ist, hier auch als Director of Photography agiert, unterstützt sicherlich durch den Actionchoreografen Jack Wong, der bei As the Lights Goes Out Action Designer war und bei The Rescue Action Choreograph.