US-Schauspieler und -Regisseur Zach Creggers nach „Barbarian“ zweiter Horrorfilm ist der nach dem „Barbarian“-Erfolg mit einigen Vorschusslorbeeren bedachte „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“, für den er das Drehbuch verfasste, dieses inszenierte und zusammen mit Ryan und Hays Holladay auch den Score komponierte. Als Inspirationsquellen des im August 2025 veröffentlichten Kinofilms werden „Magnolia“ (Film) und „Der größere Teil der Welt“ (Roman) genannt. Mit einer Laufzeit von 129 Minuten weist er Überlänge auf.
Die beschauliche Kleinstadt Maybrook in Pennsylvania: Um Punkt 2:17 Uhr nachts verschwinden plötzlich 17 Grundschulkinder. Überwachungskameraaufnahmen zeigen, dass mit ausgebreiteten Armen schnurstracks davonliefen, als hätten sie ein festes Ziel vor Augen – oder wären ferngesteuert. Polizei, Bürgerinnen und Bürger stehen vor einem Rätsel. Die Stimmung ist angespannt bis aggressiv, was vor allem die junge Lehrerin Justine (Julia Garner, „Wolf Man“) zu spüren bekommt: Alle 17 Kinder gingen in ihre Klasse, von der nur der kleine Alex (Cary Christopher, „Zeit der Sehnsucht“) übrig ist. Insbesondere Bauunternehmer Archer (Josh Brolin, „Planet Terror“), Vater des verschwundenen Mathew, hat Justine auf dem Kieker, setzt aber auch alles daran, auf eigene Faust Licht ins Dunkel zu bringen. Daran hat auch Justine ein Interesse, doch Rektor Marcus (Benedict Wong, „Moon“) suspendiert sie vom Schuldienst und untersagt ihr jegliche außerschulische Kontaktaufnahme zu Alex oder dessen Familie. Dies ignoriert sie jedoch, wenn sie nicht gerade mit ihrem Ex-Freund, dem Polizisten Paul (Alden Ehrenreich, „Oppenheimer“), erst in ihrer Stammbar abhängt und dann mit ihm im Bett landet. Dieser wiederum erwischt Junkie James (Austin Abrams, „Kings of Summer“) bei einem Einbruchsversuch und wird kurze Zeit später erneut auf ihn treffen. Allen gemein ist, dass sie eigenartige Beobachtungen machen oder in bedrohlichen, geradezu lebensgefährliche Situationen geraten. Was zur Hölle geht in Maybrook vor sich?
„Weapons“ ist einer von mehreren erfreulich sehenswerten Horrorfilmen der aktuellen Kinosaison und hat mit dem einen oder anderen von ihnen gemein, dass man besser nicht zu viel über ihn weiß, bevor man ihn sich ansieht. Entsprechend versuche ich hier so wenig wie möglich zu spoilern. Eine Kinderstimme führt als allwissende Erzählinstanz aus dem Off im Präteritum in die Handlung ein, verstummt dann und wird sich erst zum Ende wieder zu Wort melden. Die Geschichte erinnert inhaltlich wie atmosphärisch stark an Stephen King’sche Kleinstadtszenarien. Cregger nimmt sich viel Zeit, sie zu erzählen, und zieht das Publikum mit angenehm-unangenehmer Mystery-Stimmung in seinen Bann. Der Horror spielt zunächst die zweite Geige, einzelnen visualisierten Alpträumen mit Schockklimax zum Trotz. Und Cregger erzählt sie, in Kapitel unterteilt, aus verschiedenen Perspektiven, beginnend mit der der mit Julia Garner prima besetzten Lehrerin. Diese wird abgelöst vom hemdsärmeligen Archer, der den Staffelstab an Polizist Paul übergibt usw. Alle Kapitel münden in unterschiedliche eskalierende Situationen, die nicht sofort aufgelöst werden, sondern als eine Art Cliffhanger fungieren. Das ist sehr geschickt gemacht und ergänzt die erfolgreich provozierte Neugier um Spannung. Die sich in Teilen überschneidenden Erzählstränge werden gerade rechtzeitig zusammengeführt, bevor die Spannungskurve abzufallen droht.
Larkin Seiples Kameraarbeit ist herausragend, lässt die Kleinstadt groß erscheinen, fesselt mit Tracking Shots, fokussiert Gegenstände anstelle der Personen, die sie bewegen, fängt Spiegelungen originell ein usw. Übermäßig grafisch wird der Film in seinen wohldosierten Gewaltspitzen indes nicht und manches unappetitliche Ergebnis wird nur halbscharf eingefangen. Ab einem gewissen Punkt lebt „Weapons“ verstärkt von seinen Kontrasten aus mystischer Atmosphäre gepaart mit klassischem Grusel und wahnsinniger, in puren Terror mündender Raserei. Nicht erst das Finale arbeitet auch mit Humor, wobei man es dort für meinen Geschmack etwas übertreibt und beinahe slapstickhaft albern zu werden droht. Es beantwortet auch nicht alle Fragen, auf das eine oder andere muss man sich selbst einen Reim machen.
Die eingangs erwähnten Einflüsse sind mir unbekannt, für die Make-up-Effekten hat man sich aber u.a. an Heath Ledgers „Joker“-Interpretation bedient und Stephen Kings „Es“ wird in mindestens einer Szene regelrecht zitiert. Dessen Coming-of-age-Aspekte finden sich hier jedoch nicht, dafür aber negative Kleinstadtdynamiken und nicht zuletzt die Manipulierbarkeit und Traurigkeit schutzbefohlener Kinderseelen. Ferner wird ein wenig Kritik am Schulsystem bzw. dessen starren Regeln geübt und Mobbing unter Schülern angerissen, woraus man mehr hätte machen können. Dass das Ende nicht durchweg happy ist, unterstreicht wiederum den Ernst des Films.
Ein Prequel soll bereits in Arbeit sein, das sicherlich die eine oder andere Frage beantworten wird und auf das man sich wohl freuen darf.
Bewertung: 7,5 von 10 Sparschälern!