Der Schock sitzt tief
Nach dem ungewöhnlichen Tod ihres Vaters zieht ein Jugendlicher mit seiner kleineren blinden Schwester in ein neues Zuhause bei einer Pflegemutter (genial: Sally Hawkins!), die anfangs nett, aber direkt auch etwas seltsam wirkt. Doch was für grausame Geheimnisse, Vergangenheit und Pläne dort auf die beiden Kinder in ihrer neuen Familie warten, das könnten selbst ihre düstersten Alpträume, Ängste und Traumata nicht andeuten…
Tragisch-trügerische Tauschgeschäfte
Nach „Talk To Me“ war klar, dass der nächste Film der Philippou-Brüder, bei denen ich immer noch kaum ihre YouTube-Wurzeln glauben kann, unter keinem Radar mehr fliegen können würde. Doch „Bring Her Back“ (der nichts mit „Talk To Me“ zu tun hat, wie ich zuvor durch den ähnlichen Look, Trailer und den Titelaufbau vielleicht vermutet hatte) hält diesen enormen Erwartungen und der schrägen Vorfreude stand. Und wie! Es ist ein weiterer Banger! Zwischen Haneke, „Hereditary“ und Del Toro wird hier ein grausames modernes Märchen erzählt, das wirklich unter die Haut geht. Von den essenziellen Kinderdarstellern bis zur einmaligen Hawkins, von fiesen kleinen Details bis zu unausweichlichen Vorausdeutungen, vom Dämonischen wie Menschlichen, von seiner Hochwertigkeit bis zur Gemeinheit - „Bring Her Back“ funktioniert einfach, wie ein bockstarker Horrorfilm funktionieren muss. Er hat die Ruhe weg und doch eine teuflische Energie und Spannung, die immer weiter anzieht und nach vorne geht. Langsamen Schrittes - aber unaufhaltsam! Wie die Philippou-Brüder die Materie bereits vollständig unter Kontrolle haben ist sagenhaft. Ich werde immer einer der ersten in der Reihe sein für ihren nächsten Film. „Bring Her Back“ ist unanständig, verstörend, bitterböse. Und das im besten Sinne. Wenn man ihn aufsaugt und nah an sich, ja vielleicht sogar in sich hineinlässt, dann hat er all das Zeug, das sogar eingefleischtere Horrorheads aufwühlen und ausleiern kann. „Bring Her Back“ ist ein Horrorjahreshighlight. Ein Gourmethappen, der trotzdem nicht nur elitär, verkopft, arthouse oder oldschool ist. Er hat definitiv genug Zugang zur aktuellen Jugend. Und ist somit für meine Einschätzung bereits sehr nah am Status eines zukünftigen, generationenumspannenden Klassikers.
Fazit: wie zwei Mini-Ari Asters steuern die Philippou-Brüder Grauen, Trauer, Terror, Schrecken, Schauer und Schock. Wie zwei junge Meister ihres Fachs. Schmutzig, schmerzhaft, clever, teuflisch. „Bring Her Back“ ist ein direkter, richtig unangenehmer Gänsehautklassiker. Aufrichtig angsteinflössend. Slowburnspitzenklasse. Ich habe mich noch nie fast eingeschissen während derart mein Herz gebrochen wurde… Sonderbar gut. Furchtbar fies. Unterbewusst unbehaglich.