„Grapefruit?“
Mitten im Sommer ist plötzlich Horrorsaison im Kino: Auf den mediokren neuen dritten „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“-Teil folgten mit „Together – Unzertrennlich“ und „Weapons“ zwei sehr sehenswerte Genre-Beiträge, die von „Bring Her Back“, dem nach „Talk to Me“ zweiten Spielfilm der australischen Brüder Danny und Michael Philippou, noch getoppt werden. „Talk to Me“ hatte ich im Kino verpasst (und dummerweise bis heute nicht gesehen), für das Horror-Melodram „Bring Her Back“ aber fand ich die Zeit.
„Respektier meine Privatsphäre!“
Der 17-jährige Andy (Billy Barratt, „Kraven the Hunter“) kümmert sich im Alltag liebevoll um seine jüngere blinde Stiefschwester Rowdy Roddy Piper (Sora Wong). Beide wachsen zusammen mit ihrem alleinerziehenden (Stief-)Vater auf, der eines Tages zu Hause beim Duschen stirbt. Das Jugendamt gibt die beiden in die Obhut von Pflegemutter Laura (Sally Hawkins, „Wonka“), einer ehemaligen Therapeutin, die ihre eigene Tochter Cathy auf tragische Weise verlor, als diese im Pool des Grundstücks ertrank. Sie betreut bereits ein anderes Pflegekind namens Oliver (Jonah Wren Phillips, „Human Error“), das eine psychische Behinderung aufweist und kein Wort spricht. Laura war in erster Linie an Piper interessiert, doch die Geschwister wollten sich nicht trennen lassen. Andy wird in drei Monaten volljährig und möchte dann ohnehin die Vormundschaft für Piper beantragen. Bis dahin muss er bei Laura jedoch einen positiven Eindruck hinterlassen. Dies fällt nicht immer leicht, denn Laura schwankt zwischen aufgeschlossener und verständnisvoller Pflegemutter auf der einen und autoritärem, übergriffigem Drachen auf der anderen Seite. Zudem scheint ihr Engagement in Bezug auf Piper alles andere als uneigennützig zu sein…
„Sie wird sterben im Regen...“
Eigentlich ist von vornherein klar, wohin die Reise geht: Eine übergriffige Pflegemutter, die die Privatsphäre ihrer Pflegekinder nicht respektiert und aus Piper einen Ersatz für ihre Tochter, über deren Verlust sie nie hinweggekommen ist, zu machen versucht. Es stellt sich allerdings die Frage, was das irgendein befremdliches und brutales Ritual zeigende Snuff-Video aus dem Prolog damit zu tun hat – und weshalb Laura, die es nicht dabei belassen wird, Piper Cathys Klamotten anzuziehen und ihr die Haare zum Zopf zu binden, es sich zusammen mit dem an einen jungen Jason Voorhees erinnernden Oliver immer wieder anschaut. Die Handlung ist nicht nur mit einigen Rätseln und Überraschungen gespickt, sondern verstört sowohl mit besagten Videoausschnitten als auch mit Szenen herber Gewalt und (Selbst-)Verstümmelungen sowie der generellen, mit Sicherheit starkes Triggerpotenzial aufweisenden Thematik einer systematischen Manipulation und Misshandlung Schutzbefohlener. Zwar wirkt die eine oder andere besonders exponierte Szene eher selbstzweckhaft denn narrativ motiviert, verfehlt nicht zuletzt aufgrund ihrer perfekten Umsetzung ihre Schockwirkung aber keineswegs.
Interessanterweise weist die Geschichte die eine oder andere Parallele zu „Weapons“ auf, was dem Zufall geschuldet sein dürfte. Wong, die tatsächlich blind ist, spielt ihre Rolle sehr eindrucksvoll und weckt Beschützerinstinkte, während Hawkins als toxisch positive, damit jedoch ihre inneren Abgründe überspielende und überaus verschlagene Laura meist verdammt wütend macht, in manchen Momenten aber auch beinahe Mitleid erregt. Barratt wiederum muss, allein schon für seine Stiefschwester, stets die Contenance zu wahren versuchen, wirkt dabei als Billy für einen 17-Jährigen schon (vielleicht etwas zu) sehr erwachsen, lässt das Filmpublikum an den Konflikten seiner Figur aber emotional teilhaben. Das ist alles toll gespielt und dürfte dem Ensemble einiges abverlangt haben.
Atmosphärisch wird „Bring Her Back“ immer schwermütiger; es regnet ständig – je mehr sich die Ereignisse zuspitzen, desto stärker. Auf der erzählerischen Ebene wird nicht alles haarklein erklärt, womit sich auch dieser Film Pre- oder Sequeloptionen bewahrt. Als sonderlich störend erweist sich dies nicht; der Film wirkt nicht unvollständig, sondern im Gegenteil mit seiner Schlusseinstellung von seltsam morbider Schönheit sogar sehr rund. „Bring Her Back“ hält unterschiedliche menschliche Emotionen auf verschiedenen Ebenen unter Dauerbeschuss, ist nicht zuletzt tottraurig und bei alldem nicht so leicht zu bewältigen wie manch anderes Genreprodukt.
Bewertung: 8 von 10 Melonenscheiben