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Danny und Michael Philippou meinen es ernst. Das Regie- und Autorenduo hat bereits in TALK TO ME eine durchgehend bedrückende Atmosphäre verbreitet, die nur ab und an durch extreme Gewaltspitzen durchbrochen wurde. Diesem Prinzip bleiben sie hier treu – und ziehen die emotionale Schraube nochmal weiter an. 

Bereits in den ersten Sekunden des Film sehen wir Schreckliches: Im verrauschten Found Footage-Videostil werden wir Zeugen, wie in einem Gewölbe junge Mädchen misshandelt werden, eines wird vor unseren Augen erhängt, ein anderes scheint bereits tot. Nach diesem Intro geht es im realen Leben nicht weniger deprimierend weiter: Der 17-jährige Andy und seine jüngere blinde Stiefschwester Piper kommen nach dem mysteriösen Tod ihres Vaters bei Pflegemutter Laura unter. Diese hat selbst vor kurzem ihre (ebenfalls blinde!) Tochter verloren. Sie ist ertrunken, im Pool draußen fehlt das Wasser. 

Wer im Genre einigermaßen kundig ist, bzw. eins und zwei zusammenzählen kann, weiß recht schnell, dass Laura die Kinder höchstwahrscheinlich nicht völlig uneigennützig aufgenommen hat. Zumal Sally Hawkins ihre Rolle mit einer perfiden Mischung aus echter Mutterliebe, vordergründiger Aufgekratztheit und gar nicht mal so subtilen scharfen psychologischen Spitzen gestaltet. Doch dem Film geht es gar nicht darum, ein großes Geheimnis um Lauras Beweggründe zu machen. Zu offensichtlich ist ihr erratisches Verhalten und schließlich heißt der Film BRING HER BACK (der französische Verleihtitel ist sogar noch stärker „on the nose“ und soll aus Spoilergründen deshalb hier nicht erwähnt werden). Darüber hinaus trägt das Wissen, beziehungsweise die böse Vorahnung des Zuschauers wesentlich zur beklemmenden Stimmung des Films bei. Hier geht es weniger um das „Was“ als vielmehr um das „Wie“. Und das hat es in sich. 

Man kann BRING HER BACK vorwerfen, dass seine Figuren lediglich auf ihre Funktion angelegt sind und über wenig eigenen Charakter verfügen. Doch die Schauspieler/innen füllen die ihnen zugetragenen Rollen hervorragend aus. Das Stiefgeschwisterpaar bleibt durchgehend sympathisch und im wahrsten Sinne des Wortes be-mitleidenswert, Sally Hawkins trägt den Film mit ihrem plakativen Spiel und liefert die dringend notwendigen Unterhaltungs- und Schauwerte. Für die spektakulärsten Momente des Films sorgt jedoch Jonah Wren Philips als Pflegekind „Oliver“, der Kinderdarsteller durchläuft hier eine wahre Tour de Force. 

Dass BRING HER BACK sich am Ende den erwartbaren Genrekonventionen ein Stück weit entzieht, mag den einen oder anderen frustrieren, im Rahmen dieser Schreckensgeschichte erscheint einem das Ende fast realistisch. 

7.5/10

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