Wer seinen Tag emotional ausgeglichen ausklingen lassen möchte, sollte sich für diesen Zweck vielleicht nicht ausgerechnet die zweite Regiearbeit der australischen Zwillingsbrüder Danny und Michael Philippou vornehmen. Denn nach ihrem Überraschungshit „Talk to Me“ tauchen sie erneut in menschliche Abgründe ein.
Die Stiefgeschwister Andy (Billy Barratt) und Piper (Sora Wong) haben nach dem Tod ihres Vaters rasch eine Pflegemutter gefunden. Die exzentrische Laura (Sally Hawkins) kümmert sich liebevoll um die beiden, doch der siebzehnjährige Andy, der stets ein Auge auf seine sehbehinderte Schwester hat, ahnt früh, dass mit Laura und ihrem zweiten Ziehkind Oliver (Jonah Wren Phillips) etwas ganz und gar nicht stimmt…
Der relativ wegweisende Titel legt bereits nah, worauf die Chose hinauslaufen könnte, obgleich einigen Aspekten deutliche Fragen anhaften. Es gibt ein okkultes Ritual auf VHS, dazu mehrere Bannkreise und selbst die genauen Umstände über den Tod des Vaters scheinen nicht ganz eindeutig. Aufgrund der überschaubaren Figurenkonstellation wird ein erahnbarer Weg eingeschlagen, der auf dramaturgischer Ebene nur wenige Überraschungen parat hält, auf menschlicher jedoch früh in seinen Bann zieht.
Denn die vier wesentlichen Figuren tragen erheblichen emotionalen Ballast mit sich herum, aufgrund diverser Schicksale wurde ihnen teils mehrfach der Boden unter den Füßen weggezogen, was sich nun im Fall der Geschwister zu wiederholen droht. Während Laura noch hart am Verlust ihrer Tochter knabbert, erscheint die Figur des augenscheinlich mental völlig derangierten Oliver lange Zeit nebulös. Zumindest reiht er sich auf den ersten Blick problemlos in jene der Dämonenkinder ein, denen man nicht einmal bei Tage begegnen möchte.
Während das Setting mit abgelegenem Haus und verwaistem Pool eine latent düstere Atmosphäre schürt, hängt über allem eine Spannung der unheilvollen Unberechenbarkeit. Wie verarbeiten Menschen herbe Verluste, wo endet der schmale Grat zwischen Fürsorge und Besessenheit und ab wann kann das Vertrauen in eine nahe stehende Person zu sehr erschüttert werden? All dies steht eher im Vordergrund als der visualisierte Horror, der speziell im Mittelteil allenfalls sporadisch eingebunden wird, bevor es in der zweiten Hälfte auch mal etwas graphischer zur Sache geht.
Die Macher können sich in erster Linie auf ihre treffsichere Besetzung und die teils exzellenten Performances verlassen, allen voran Sally Hawkins, die eine hingebungsvolle Darbietung stets kurz vorm Overacting abliefert. Aber auch stilistisch besticht das Werk mit einigen symbolischen Elementen, einer souveränen Kamera und soliden, praktischen Effekten.
Jedoch haften der Geschichte einige Fragen an, die nicht schlüssig beantwortet werden können. Während sich im finalen Akt einige Vorhersehbarkeiten tummeln, schleichen sich gleichermaßen einige Begebenheiten ein, die Widersprüche hervorrufen.
Allerdings fügen sich die letzten Einstellungen der generellen Stimmung, wobei die Brüder ursprünglich einen anderen Ausgang im Sinn hatten.
Letztlich überwiegen die positiven Aspekte des Streifens, der tendenziell eher ruhig erzählt wird und weniger auf Erschreckmomente denn auf psychische Abgründe und emotionale Tiefschläge setzt. Mit Erfolg, wie man nach teils 100 intensiv anmutenden Minuten konstatieren kann.
7 von 10