Paranoia, Propaganda, Panik, Pandemie und Popelbremsen
Ari Aster hat als neues Regiewunderkind nach "Hereditary" sehr schnell getönt, dass er sein komplettes bisheriges Leben Scripts, Ideen, Geschichten geschrieben plus Filme studiert hat, die halbe Schreibtischschublade mit nahezu fertigen Drehbüchern dieses Kalibers hätte. Das ließ mehr als nur aufhorchen - und mit "Midsommar" und "Beau Is Afraid" hat er dem auch zumindest ein paar eindringliche (polarisierende) Taten folgen lassen (selbst wenn der Hype um ihn längst drastisch nachgelassen hat). Nun muss er aber eine Pause von diesem beeindruckenden Stapel gemacht haben, wenn er in "Eddington" die Coronapandemie, gesellschaftliche Spaltung wie Ängste auf die gefährlich-gute Spitze treibt und einen massiven Genremix abliefert, der weh tut, verstört, nachdenklich stimmt und Spaß macht gleichermaßen... Vielleicht der bisher ultimative "Coronafilm"?
Western trifft Gesellschaftshorror trifft Wahnsinn
Bei "Eddington" bleibt einem mehr als nur einmal die Spucke weg, das Lachen im Hals stecken. Eine amerikanisch-staubige Satire auf eine Zeit, die noch viel zu nah scheint und in der wir teilweise noch immer leben. Kann man darüber überhaupt schon lachen? Nein, man kann nicht. Man muss! Bei "Eddington" ist Verwunderung (übrigens über beide Seiten der Medaille!) an der Tagesordnung. Kopfschütteln, Angst und Wut sind's ebenso. Ein enorm gewagter Film - oder doch nicht, wenn man überlegt, dass er eh allem und jedem auf den Schlips tritt? Wie man's sehen will. Ich kam jedoch auf meine Kosten - und das weit über zwei Stunden lang! Phoenix, Stone und Pascal machen das erwartbar famos. Aber auch einige Nebenrollen sind das Salz in der prekären Suppe. Und gerade weil diese spaltende, spezielle und aufregende Coronaepoche noch so nah und für jeden sicher sehr komisch, vage, persönlich bleibt - bei mir z.B. geprägt von Stille, Home Office, gesundheitlicher wie psychischer Unsicherheit, Panikattacken, Depressionen, Hochzeit und ein paar der schönsten wie schrecklichsten Momenten in meinem bisherigen Leben! - kommt "Eddington" von hinten durch die Brust extra hart. Manchmal mehr Coens als Aster. Na klar, als Filmfan hätte ich mir von einem nun auch schon etwas erfahreneren Aster sicher etwas mehr Stringenz, Klarheit und ja, auch Horror, Anspannung, Schocks gewünscht. "Eddington" hatte ich in seiner querschlägigen Art von Aster nicht erwartet. Als Mensch und Betroffener (wie wir alle!) hat mich "Eddington" aber positiv angefasst, bitter entertaint und in seiner Absurdität nochmal durchgerüttelt. Eine bizarre Zeitkapsel.
Und die Maske rutscht mal wieder unter die Nase...
Fazit: Mutig, weird, akut, köstlich und schockierend, bissig und messerscharf... "Eddington" ist vielleicht nicht der neue "Aster-Horrorfilm", den ich mir gewünscht hätte. Ganz und gar nicht. Und trotzdem ist's einer der interessantesten und intensivsten Filme des Jahres - und das atmosphärisch, schauspielerisch, technisch sowie thematisch!