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Sirât, das ist im Islamischen die haardünne Brücke ins Paradies und sie führt über die Hölle, so informiert ein Text zu Beginn. SIRÂT, der Film, wandelt, nein, fährt und humpelt fast zwei Stunden auf diesem schmalen Grat, ohne allerdings, so viel sei verraten, je am Ziel anzukommen. 

Luis und sein kleiner Sohn Esteban suchen die Tochter, die Schwester, auf einem Rave in der marokkanischen Wüste, wo sie unter den dort zahlreich versammelten Außenseitern wie noch extremere Fremdkörper wirken. Sie schließen sich einer Truppe an, die aussieht, als wäre sie zum „Burning Man“ nicht zugelassen worden, eine traurige interkulturelle MAD MAX Cosplay-Gang, verkrüppelt, verhärmt, tätowiert, dauerhaft zugedröhnt, aber herzlich. Gemeinsam wollen sie zu einem weiteren Rave an einem noch unwirtlicheren Wüstenort, dort könnte die Tochter sein. Luis lässt sich von den Warnungen nicht abhalten, fährt mit dem Kleintransporter im Convoy der Wüstenfahrzeuge mit, das Abenteuer ist von Anfang an zu groß für ihn. 

Ein Hauch von Clouzots THE WAGES OF FEAR, bzw. Friedkins Remake SORCERER, durchzieht das Roadmovie. Zur Bedrohung durch die Wegstrecken und Elemente kommt eine zusätzliche Beklemmung durch Militärmobilmachungen und Radiomeldungen. Ein Krieg scheint sich anzubahnen, ist womöglich bereits ausgebrochen, vielleicht der letzte. Doch das ist Hintergrundrauschen, wird übertönt vom eindringlichen, hypnotischen Soundtrack des Films. 

Über weite Strecken ist SIRÂT so ereignisarm, dass man ihn als meditativ, ja, auch als langatmig bezeichnen kann. Dann jedoch geschehen gänzlich unvorbereitet solch schockierende Dinge, dass einem komplett der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Man verliert das Vertrauen in den Film, ist zutiefst verunsichert. Wie kann es jetzt noch weitergehen? Mit Musik, natürlich. Im Moment der höchsten Not stellen wir die Boxen in der Wüste auf und tanzen. Der treibende Electro-Trance des französischen DJs Kangding Ray trägt den ganzen Film. Er hallt auch nach dem Ende noch nach, so wie manche unvergessliche Bilder und Momente und die Frage, was man denn da jetzt gesehen hat und ob es eine tiefere Bedeutung hat oder einfach nur ist, wie das Leben.

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