Review

Ein Familienerbstück

Spätestens mit „Der schlechteste Mensch der Welt“ hat sich Joachim Trier auf alle filmischen Karten gesetzt, dabei hatte er schon weit vorher einige absolut herausragende Arbeiten abgeliefert. Doch nun kommt er mit „Sentimental Value“ mit seinem bisherigen Magnum Opus um die Ecke, seiner reifsten und vollendetesten Stunde. Und sicherlich auch einem heißen Kandidaten in mehreren Kategorien bei den nächsten Oscars. Erzählt wird auf dem Papier etwas hochtrabend, in echt aber emotional höchst zugänglich von einer Familie (u.a. bestehend aus einer Theaterschauspielerin mit Angststörungen und einem etwas egozentrischen Vater und Starregisseur), deren Vergangenheit, Trauer und Traumata ihrem wahren Glück und ihrer familiären Kommunikation, auch dem Verständnis füreinander im Weg stehen…  

Spätestens jetzt der Bergman unserer Zeit?

„Sentimental Value“ ist ein spürbar zutiefst persönlicher und intimer und sensibler Film. Trier geht hier wirklich tief rein. Mutig, ungeschönt, filterlos. Absolut auf den Spuren von Ingmar Bergman. Einer der feinsten Filme des Kinojahres für mich. Wie Kunst, Vergangenheit, Traumata und Familie sich mit Wechselwirkung gegenseitig beeinflussen. Wie man Zugang findet. Wie man ohne Worte miteinander spricht. Wie man sich versteht. Oder es zumindest versucht. Mit zwei bis drei der besten Schauspielleistungen des Jahres. Jeder Blick entscheidend, jede Geste mit Wirkung, jedes feuchte Auge verdient. Ganz ohne Kitsch. Verschachtelt und doch ein offenes Buch. Elle Fanning habe ich z.B. nie besser gesehen. Renate Reinsve ist wieder mal bezaubernd. Stellan Skarsgard zeigt einmal mehr, warum er das Oberhaupt einer ganzen Schauspieldynastie ist. Und Trier schafft es einfach einen zu berühren und alle Schutzschichten abzuziehen - mit Alltäglichem, mit Details, mit Kleinigkeiten, mit Ehrlichkeit. Mit Vibes, die sonst heutzutage kaum ein anderer Regisseur so hinbekommt. Ohne dick aufzutragen. Obendrauf mit zwei der schönsten Songs, die ich dieses Jahr im Kino gehört habe. Mit einer glasklaren Bildsprache. Und einem Thema (generationenübergreifende Traumata und Konflikte), das mich gerade zurzeit unmöglich kalt lassen kann und das ich selten so nuanciert erlebt habe… Und als Bonus gab’s von mir auch noch den vielleicht lautesten Lacher des Jahres bei den besten Geschenken, die ein Siebenjähriger je in einem Film bekommen hat. 

Der Klang des Fallen

Fazit: Wundervoll ruhig, nuanciert, hübsch und familiär. Wie eine weise und zeitlose Klavierpartitur. Wahrscheinlich Triers bisheriges Meisterwerk und die vorläufige Kulmination seines Schaffens, seiner Themen, seines Stils. Superb! 

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