Noch vor Kinostart erhielt [Achtung:Spoiler!] Michael Shanks' "Together" abseits des Marketings zusätzliche Aufmerksamkeit durch eine Klage wegen Urheberrechtsverletzung. Der Film soll sich unrechtmäßig bei Patrick Henry Phelans RomCom "Better Half" (2023) bedient haben, der zuvor eigentlich weitestgehend unbemerkt geblieben war und nun immerhin etwas mehr ins Gespräch gekommen ist. Fernab der Indizien für (und gegen) diese Bezugnahme lässt sich aber erst einmal konstatieren, dass beide – vermeintlich so originelle – Filme letztlich doch sehr naheliegende Angelegenheiten sind. Und der Hinweis, dass beide Filme explizit Bezug auf Platons "Sympósion" (um 380 v. Chr.) nehmen, taugt eigentlich ganz und gar nicht dazu, einen Einfluss von "Better Half" auf "Together" zu untermauern – sondern eher dazu, das Bewusstsein dafür zu wecken, dass beide Filme gleichermaßen wie Motten um dasselbe Licht kreisen.
Die Trailer von "Together" hatten kurz und knapp umrissen, worum es geht: Die zwei Individuen eines Pärchens fühlen sich nicht bloß zueinander hingezogen – sie werden auch physisch zu- und ineinander gezogen. Im Official Trailer #2 rutschen die Buchstaben des Filmtitels über dem Bild der miteinander verschmelzenden Arme der Hauptfiguren infolge einer sich fließend verknappenden Spationierung mehr und mehr an- und ineinander, bis die Lesbarkeit beinahe schon gefährdet erscheint.
Diesem Sinnbild einer negativ konnotierten, destruktiven Verschmelzung begegnet der fertige Film dann mit seinen Opening credits, in denen die Buchstaben zahlreicher Namen und Funktionen verdoppelt, ganz dicht nebeneinander, erscheinen, ehe sich im Akt der Verschmelzung die Lesbarkeit verbessert und die Buchstaben anschließend die Begriffe scharf und klar erkennbar werden lassen: Die Verschmelzung ist letztlich positiv und negativ konnotiert zugleich – wobei der Film mit seiner body horror-Attitüde die negative Komponente stärker betont. (So gesehen ist er im Grunde ein passendes Gegenstück zur RomCom "Better Half", zu der er ein Verhältnis hat wie die jeweiligen Hauptfiguren innerhalb eines jeden Films zueinander.)
Bevor die Hauptfiguren eingeführt werden, lässt "Together" erst einmal zwei Hunde miteinander verschmelzen, nachdem diese in einer Höhle vom dortigen Wasservorkommen getrunken haben. Das bestialische Endprodukt gleicht den Wesen in Szenen aus "The Thing" (1982) oder "The Fly II" (1989), wobei noch ein Hauch von Kopulation in diesem symbiotischen Ein-bis-zwei-Hunde-Wesen zu wirken scheint (nachdem die Stufe des Betrachtens und Beschnüffelns schon passé ist).
Auch bei Tim und Millie, dem vom Pärchen Dave Franco und Alison Brie verkörperten Pärchen, wird die Verschmelzung an psychische Verbundenheit und physische Nähe samt Sexualakt gekoppelt sein; unter anderem mit einer Nahaufnahme von Tims gedehnten, in seiner Partnerin klemmenden oder vielmehr klebenden Sexualorgan. Beide ziehen früh im Film in ein Haus auf dem Land, auch wenn das für Tim, einen eher leidlich erfolgreichen Musiker in der Schaffenskrise, mangels eines Führerscheins ganz direkte Einschränkungen bedeutet. Er hadert sichtbar mit der Intensivierung der gemeinsamen Beziehung; und auch Millie, die mit imaginärem Ehering einen Bund für das ganze Leben anstrebt und einfordert, ist – auch aufgrund von Unkrenrufen der besten Freundin – unsicher, ob sich nicht doch Routine eingeschlichen hat.
Kaum im neuen Haus angekommen, wo Tim über einer Lampe ein Bündel aus an den Schwänzen zusammengebundenen, teils bereits verwesenden Ratten findet, geraten sie auch bald an jene Höhle, in deren Umgebung gerade erst ein anderes Pärchen verschollen ist und in der auch die eingangs präsentierten Hunde ihr Schicksal gefunden haben. Und so zieht man sich fortan beinahe magnetisch an, bleibt aneinander kleben, verwächst miteinander, misstraut sich, geht auf Distanz und verschmilzt dann letztlich doch im gegenseitigen Einverständnis. Und Tims T-Shirts bespiegeln dabei permanent das jeweilige Stadium der Filmhandlung...
Es liegt auf der Hand, dass "Together" Beziehungsdynamiken – großteils ja auch sehr explizit im Dialog – verhandelt: Man gibt Freiheit auf für die andere Hälfte, man muss zurückstecken, was eigene Bedürfnisse betrifft, man wird – ob man will oder nicht – ein(e) andere(r) in seiner Beziehung (wobei man progressiver ergänzen müsste: in generell allen Beziehungen zu anderen). Die vielzitierte, modische Co-Abhängigkeit ist da sicherlich auch betroffen, aber "Together" zielt noch in eine zweite Richtung ab.
Abseits von Platons gespaltenen Kugelmenschen und der Suche nach der passenden Hälfte, die sich als positive Vervollkommnungs- und Verschmelzungsfantasie über das (im Trailer genutzte) "Happy Together" (1967) der Turtles und das (im Film verwendete) "2 Become 1" (1996) der Spice Girls bis heute durch populäre und elitäre Kultur rund ums Thema der Liebe(sbeziehung) zieht, geht es ja auch um den Schrecken des Selbstverlustes, der mit Erschütterungen der vermeintlich so festen Grenze des Ichs einhergeht. Georges Bataille war wohl der einflussreichste und radikalste Denker solcher Grenzüberschreitungen, der angesichts der Sexualität über das diskontinuierliche Wesen, das ein(e) jede(r) ist, in "L'érotisme" (1957) sinnierte: "[D]ie objektive Tatsache der Fortpflanzung setzt auf der inneren Ebene das Selbstgefühl, das ein isoliertes Wesen von sich hat, aufs Spiel. Sie setzt die Diskontinuität, an die das Selbstgefühl notwendig gebunden ist, weil sie seine Grenzen bestimmt, aufs Spiel: das Selbstgefühl, und wäre es noch so vage, ist das Gefühl eines diskontinuierlichen Wesens. Aber die Diskontinuität ist nie vollkommen. Besonders in der Sexualität aktiviert das Gefühl der anderen, jenseits des Selbstgefühls, zwischen zweien oder mehreren die Möglichkeit einer Kontinuität, die der ursprünglichen Diskontinuität entgegengesetzt ist."[1] Bataille, der diese Beschaffenheit der sexuellen Erfahrung ausführlich darlegte, die im petite mort am prägnantesten bezeichnet wird, unterschied zwischen einer Erotik der Herzen, einer Erotik der Körper und einer heiligen Erotik, wobei stets die Überschreitung der eigenen Grenze erhebende wie auch erschreckende Seiten hat (weshalb im Umkehrschritt auch das gemeinhin als erschreckend Wahrgenommene – etwa die fotografischen Abbildungen schmerzhafter, versehrungsreicher Martern – bei Bataille etwas Erhebendes an sich hat).
"Together" zelebriert diese innere Erfahrung als sinnlichen body horror: Mag auch die Handlung ein wenig auf der Stelle treten, so trumpft doch das beängstigende Verschmelzen und mit schmerzhaften Trennungsprozessen voll auf und entschädigt reichlich.
Positiv scheint dabei lange Zeit der Blick auf die christliche Prägung der westlichen Gesellschaften zu sein: Denn dem Christentum kommt eine paradoxe Haltung zu Kontinuität und Diskontinuität zu, wie Bataille attestierte: "Angesichts der unsicheren Diskontinuität der Personalität reagierte der menschliche Geist auf zwei Arten, die sich im Christentum vereinigen. Die erste entspricht dem Verlangen, die verlorene Kontinuität wiederzufinden, die unserem unauslöschlichen Gefühl nach das Wesen des Seins ist. In einem zweiten Impuls versucht die Menschheit, der Begrenzung der persönlichen Diskontinuität, die der Tod bedeutet, zu entgehen; sie stellt sich also eine Diskontinuität vor, die der Tod nicht heimsucht, sie imaginiert die Unsterblichkeit diskontinuierlicher Wesen."[2] Diese Paradoxie einer in die Diskontinuität eintretenden Kontinuität treibt in "Together" bizarre Blüten, wenn sich nicht bloß Körpersäfte vermischen, sondern die Grenzüberschreitung und der erotische Selbstverlust quasi verkörperlicht werden und in Form wahrhafter Verschmelzungen zweier Wesen zu einem neuen Wesen vorgeführt werden.
Doch diese scheinbare Parodie auf christlich geprägte Kontinuitätsfantasien, die von der Diskontinuität nicht lassen mag, kippt gegen Ende leider merklich um. Denn die Höhle mit ihrem beunruhigend wirkenden Wasser steht im Kontext von New Age-Sektierertum mit hinduistischem Einschlag. Und als Bedrohung tritt vor diesem Hintergrund zunächst Millies vermeintlicher Verehrer, der tatsächlich homosexuelle Nachbar und Kollege Jamie auf, der als Sektenmitglied "seine" Verschmelzung bereits hinter sich hat. Denn Jamie agiert im Finale als schwuler, religiöser Fanatiker hinduistischer Prägung, der auch mit Gewalt gegen Millie agiert.
Man sollte in diesem Zusammenhang kurz an Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung" (1819/1844/1859) mit seiner Lektüre der "Upanishaden" (ca. 700-200 v. Chr.) denken: Auch bei Schopenhauer sind (nicht nur) die Menschen einem principium individuationis unterworfen, derweil der Wille selbst als kantsches Ding an sich wirkt; und erst derjenige, der das durchschaut und quasi hinter den – dem Hinuismus entlehnten – Schleier der Maja blickt, wird unweigerlich die Aufgabe des Willens (auch zum Leben) als Weg erkennen, aus einem Teufelskreis aus "einem steten Vergehen, nichtigem Streben, innerm Widerstreit und beständigem Leiden"[3] auszubrechen.
Das wäre zwar nicht die Perspektive, die Jamie einnimmt (und die auch der Film selbst an keiner Stelle einnimmt), aber der New Age-Sektierer hat sich offenbar aus christlicher Prägung und hinduistischen Einflüssen in kruder New Age-Esoterik ein Ideal der Verschmelzung mit dem Lebenspartner zugelegt, das fast über die gesamte Laufzeit hinweg negativ konnotiert bleibt. Erst ganz am Schluss, wenn der bizarre Verschmelzungsprozess abgeschlossen ist und ein androgynes Tim/Millie-Mischlingswesen den (Schwieger-)Eltern die Tür öffnet, blitzt einmal so etwas wie eine positive Seite der Verschmelzung des Pärchens auf, das wohl seinen Frieden gefunden hat.
Hier zeigt der Film dann seine ungeschickten Unwuchten im Konzept: Der christlichen Prägung mit ihrem paradoxen Hang zur (Dis-)Kontinuität wird nicht etwa ein Hinduismus (oder ein Buddhismus) gegenübergestellt, sondern ein New Age-verbrämtes Fantasieprodukt, dessen Ideal weitestgehend negativ konnotiert und nur zum Schluss in Ansätzen positiv konnotiert wird. Dass damit dann auch am Ende Androgynie und Queerness eine minimale positive Konnotation erhalten (gemessen an den vorangegangenen Schrecken des Verschmelzens, jedoch nicht unbedingt gemessen an der ursprünglichen Beschaffenheit das Hetero-Paares), gleicht kaum die negative Konnotation aus, die dem unchristlichen, schwulen, männlichen, manipulativen, fanatischen Gewalttäter zuteil wurde. Vermutlich war keine intendierte Homophobie am Werke: entweder hat Jamie, die Verschmelzung zweier Männer, seinen homosexuellen Background erhalten, weil das gleiche Geschlecht der Partner ihre Ähnlichkeit bereits erhöht hat, die der Verschmelzung vorausgegangen ist; oder es wurde schlicht eine homosexuelle Figur ergänzt, um das Liebesgeschichtendilemma zwischen der Suche nach Verbundenheit und dem Hang zur Freiheit nicht ausschließlich innerhalb der heterosexuellen Matrix anzusiedeln. So oder so bleibt das Endergebnis aber unzufriedenstellend: Die Geschichte über Bindung und Freiheit (in Zweierbeziehungen, die der Film leicht konservativ ins Auge fasst) nimmt billigend und durchaus xenophob die Abwertung des Homosexuellen und Nicht-Christen in Kauf, dem hier die Rolle des verrückt-gemeingefährlichen Fanatikers zugewiesen wird, dessen angepriesene Ideale einen schalen Beigeschmack behalten. (Zumal der Schlund innerhalb der Höhle, in dem sich das verhängnisvolle Wasser sammelt, im wurzeldurchzogenen, organisch wirkenden, geradezu beseelten Inneren der Höhle vage an eine offenstehende Rosette erinnert.)
Zudem wird von der umgesetzten (Dis-)Kontinuität nach christlicher Prägung kaum konsequent Gebrauch gemacht. Mehr noch: Kontinuität überhaupt nur im Rahmen der Kontinuität zu denken, wird letztlich gar nicht einer christlichen Prägung, sondern einer diffus bleibenden New Age-Sekte mit Hinduismus-Einschlag zugeschrieben (deren Beschaffenheit Michael Shanks letztlich aus recht christlicher Warte ersonnen hat).
Zwischen diesen teils doch recht kruden Versäumnissen besteht der große Vorzug von "Together" darin, einem breiten Publikum die schönen und weit mehr noch die gerne ausgesparten schrecklichen Seiten der innigen Verbundenheit sinnlich vor Augen zu führen, um unter die Haut zu gehen. Dabei bestechen die vielen kleinen Details, von Tims T-Shirts über den teilverwesten Rattenkönig bis hin zum Einsatz von Lichtquellen (hinter denen sich der Rattenkönig verbirgt; die ins Bild rücken, wenn Tim ein Licht aufgeht; die ihrerseits sicherlich Rückgriffe auf Platon und sein "Politeia" (390-370 v. Chr.) mit dem Höhlengleichnis zulassen... und die ja schon bei Gaspar Noé in "Enter the Void" (2009) als Moment der Verschmelzung dienten).
In den Fußstapfen von ganz unterschiedlichen Filmen zur Geist-/Körper-/Identitäts-Thematik wie "Freaks" (1932) mit seinen siamesischen Zwillingen, dem Ray-Milland-Vehikel "The Thing with Two Heads" (1972), der Carl-Reiner-Komödie "All of Me" (1984), Brian Yuznas "Society" (1989), David Cronenberg "The Fly" (1986), seinem "Dead Ringers" (1988) und Peter Greenaways Inspirationsquelle "A Zed and Two Noughts" (1985) zählt "Together" sicher zu den ambitionierteren Werken, das mit seiner allegorischen Geschichte tonal leicht entschleunigt im überschaubaren Setting eher die Nähe zu Alex Garlands "Men" (2022) sucht.
7/10
1.) Georges Bataille: Die Erotik. Matthes & Seitz 1994; S. 99.
2.) Ebd. S. 115.
3.) Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Gesamtausgabe. Erster Band. dtv 2002; S. 488.