Review

Vier Generationen, ein Ort und ein Film, über den alle reden. Mascha Schilinski ist mit ihrem erst zweiten Langfilm schier Unglaubliches gelungen: Preis der Jury in Cannes, Oscarbeitrag 2026, zahlreiche bedeutende Nominierungen und Auszeichnungen. Nun gibt es häufig Filme, auf die sich insbesondere die Kritik einigen kann, jedoch gab es noch keinen Film wie diesen. 

IN DIE SONNE SCHAUEN erzählt nicht stringent eine Geschichte, er verwebt Episoden aus vier Jahrzehnten und er tut dies so nahtlos, ohne jegliche konventionelle narrative Unterstützung wie Texteinblendungen oder Off-Kommentare, dass es den Zuschauenden überlassen bleibt, in diesen Film hineinzufinden. Es ist ein wenig wie auf einer Familienfeier, auf die man als Außenstehender eingeladen ist und es liegt an einem selbst, wie schnell man Anschluss findet. Und ob überhaupt. Denn der Film ist beileibe nicht für jedermann/frau gedacht und es ist erstaunlich, dass er – wohl auch dank überschwänglich positiver Presse – derart lange und so erfolgreich im Kino läuft. 

IN DIE SONNE SCHAUEN ist ein eigenständiger und einzigartiger Film. Es gibt nicht viele Referenzen, die einem einfallen, nicht viele Werke mit vergleichbarer Wirkung. Momente, Aspekte und Stimmungen von Michael Haneke, Terence Malik, David Lynch und Andrei Tarkovsky vielleicht, das Frühwerk von Lars von Trier und seine TV-Serie THE KINGDOM, THE ZONE OF INTEREST mit seiner in sich geschlossenen, fremden aber doch bald vertrauten Welt, selbst ein Echo der BLECHTROMMEL lässt sich vernehmen, aber Vergleiche bleiben reine Abstraktion. 

IN DIE SONNE SCHAUEN ist ein Geisterfilm. Manche Aufnahmen sind aus einer undefinierbaren Perspektive gefilmt, sind verwaschen, unscharf, grobkörnig, werden untermalt von einem rauschhaften Kratzen, als würde eine sehr alte Schallplatte auf einem schwer zu emfangenden Radiosender abgespielt. In manchen Augenblicken des Films schauen Kinder direkt in die Kamera, als sähen sie eine Erscheinung. 

Denn IN DIE SONNE SCHAUEN ist auch ein Kinderfilm. Wir erleben alles Geschehen aus der Perspektive der Nachkommen, vom kleinen Mädchen bis zur heranwachsenden Frau. So werden wir als Zuschauende auch mehrmals Zeuge kindlicher Fantasien, die so gar nicht geschehen sind, andererseits: Was ist überhaupt geschehen von dem, was wir sehen? Ist eine Wahrheit realer als eine andere? Was wir herausfinden, ist, dass die Kinder der verschiedenen Generationen eine Todessehnsucht zu teilen scheinen, die sich mal mehr und mal weniger in den Vordergrund spielt. 

IN DIE SONNE SCHAUEN ist ein Frauenfilm, besetzt mit weitgehend noch nicht oder nicht oft gesehen SchauspielerInnen, die allesamt fantastisch authentisch sind und die Illusion des Echten perfekt machen. Das Echte ist auch das Bedrückende in diesem Film, seien es die politischen und die Lebensumstände Anfang des 20. Jahrhunderts, ein Massensuizid während des zweiten Weltkriegs, Missbrauch oder toxische Maskulinität. 

IN DIE SONNE SCHAUEN ist ein Film, der seinen Sog erst nach und nach in seinen zweieinhalb Stunden entwickelt, der aber noch lange nach seinem Ende nachwirkt. 

IN DIE SONNE SCHAUEN ist ein echtes Erlebnis.

Details
Ähnliche Filme