„Is all that we see or seem / But a dream within a dream?“ – die Poe-Rezitation im ersten Viertel des Films ist höchst hilfreich beim Betrachten dieses Werkes, ermöglicht es doch einen einfachen interpretativen Ausweg aus Julia Ducournaus in vielerlei Hinsicht fordernden und überfordernden Filmlabyrinth.
RAW und TITANE waren ungeheuer physisches Kino, Filme, die das Mainstreampublikum mit ihrer expliziten Darstellung von Gewalt und vorher Unvorstellbarem schockierten. ALPHA nun zeigt eine gänzlich andere Facette der Regisseurin und Autorin, weniger offensiv, aber auch deutlich weniger fokussiert.
Die dreizehnjährige Alpha hat auf einer Drogenparty in halb bewusstlosem Zustand ein großes „A“ als Tattoo gestochen bekommen. Ihre Mutter, eine Ärztin, befürchtet das Schlimmste. Grassiert doch gerade ein unerklärliches Virus, das Menschen zu Stein werden lässt. Zeitgleich taucht Onkel Amin auf, ein ausgezehrter Junkie, der von seiner Schwester in Alphas Zimmer auf Cold Turkey sicherheitsverwahrt wird, um einen Rückfall zu vermeiden.
Es dauert einige Zeit, bis man in diesen Film hineinfindet. Das liegt vor allem an den farblich stärker gesättigten Flashbacks (oder sind es Flashforwards, bzw. sogar Flashsideways?), die ihn immer wieder unterbrechen und zur Irritation beitragen: So sieht die Mutter zwar in den „Rückblenden" jünger aus, Onkel Amin scheint jedoch nicht gealtert zu sein. Die Folgen der Seuche hingegen erscheinen mit ihrer Massenpanik in den eingestreuten Szenen deutlich dramatischer als in der „Realität“. Erst als sich gegen Ende die Zeitebenen vermischen, ahnt man, dass man es hier womöglich nicht mit einer klassischen Chronologie zu tun hat, sondern besagter „Traum im Traum“ eine Rolle spielen könnte. Auch Poes „Maske des Roten Todes" hat im Übrigen einen Kurzauftritt im Film. Selbst wenn viele Aspekte des Films durchaus faszinierend sind, macht die hermetische Form es den Zuschauenden nicht leicht, sich emotional einzubringen, geschweige denn, gefesselt zu sein oder überwältigt zu werden, wie dies Ducournau in ihren ersten Filmen gelang.
Während ALPHA formal fordert, bleibt er inhaltlich verhältnismäßig simpel. Die Aids-Allegorie ist mehr als deutlich und wird durch einen Arztbesuch von Alphas Lehrer mit seinem teilweise bereits versteinerten Lebensgefährten quasi personifiziert. Das Bild der marmorierten Menschen ist dennoch stark – die Sterbenden sind wie Statuen im Gedächtnis ihrer Hinterbliebenen, Monumente eines gelebten Lebens.
6.5/10