Review

Menschen in Haien und Haie unter Menschen 

„The Secret Agent“ ist vom Titel etwas irreführend und allgemein sehr ambivalent, intelligent, unterschwellig. In jedem Fall einer von Udo Kiers letzten Kinoauftritten (RIP!) und Brasiliens selbstbewusste Einreichung für die kommenden Oscars. Ein absoluter Darling der arthousigeren Festivals dieser Saison. Über einen Technologieexperten, Flüchtling und Vater mit nebulöser Herkunft, der zurück in seine Heimat Recife im Brasilien der wilden, undurchsichtigen und gefährlichen 70er kommt - und auf den scheinbar ein Kopfgeld ausgesetzt ist… 

Wagner Moura („Tropa de Elite 1+2“) ist zurück in seiner bisher vielleicht anspruchsvollsten Rolle. In einem durchaus anspruchsvollen Film. Über Brasilien und seine sozialen Sümpfe. Über Kino im Kino. Über Krisen und Fliesen. Über Metaphern und nationale Metastasen. Über's Fressen und Gefressenwerden. Über Familie und Vergangenheit. Über Söhne, Sonne, Samba und Sünden. Karneval und Kronzeugen. Mafiöse Strukturen und fragwürdiges Pacing. Sehr klassisch, sehr verzwickt, lange Zeit für mich weder zu durchblicken noch zu betreten als Zuschauer. Trotz etlicher einzelner Highlightszenen. Am Ende klickt dann aber doch noch alles an seinen Platz. Und der Hype macht für mich Sinn. Moura ist stark. Das ganze Ensemble scheint. Bei Kier hatte ich Gänsehaut. Ihn nochmal feiern zu sehen tat gut. Das Zeitkolorit und die Details sind rigoros toll. Und ja, das Ganze ist verdammt lang und fühlt sich auch so an. Aber es kann wirken, einziehen und sich lohnen! 

Fazit: Schwacher Thriller. Gar kein wirklicher Agentenkrimi. Aber starke Tapete. Und irgendwie ein wachsender „Ebenenfilm“. Ein „Grower“. Ein Denker. Eher Gefühl, Retrospektive und Kinoinzest mit brasilianischem Blut. Ein Kritikerliebling. Mainstreamüberforderung vorprogrammiert. 

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