Zwei Stunden flüchtige Patientin aus geschlossener Anstalt bitte!
Ohne jegliches Vorwissen wirkt ein Film doch am ehrlichsten. Daher wird auch inhaltlich nicht detailliert gespoilert.
Zu sehen ist:
Eine schon zu Zeiten der Schwangerschaft psychisch auffällige Grace (Jennifer Lawrence).
Eigentlich in so ziemlich allen Zeitebenen handelt sie infantil, retardiert und wie in ihrer eigenen Welt.
Was nicht zu sehen ist, aber häufig als Grundmotiv unterstellt wird:
Die besonderen Herausforderungen durch das Mutterwerden.
Grace wirkt aber durchgehend psychisch gestört.
Nicht das Schreien ihres Babys strengt sie an, nicht das Stillen wirkt überfordernd, es gibt keine Freundinnen, die nun ohne sie ein wildes Partyleben weiterführen können.
Kein anstrengendes Füttern ist zu sehen, kein Windelwechseln, nichts ist zu sehen, was in irgendeiner Form als eine Anstrengung durch das Muttersein interpretiert werden könnte.
Ganz im Gegenteil bringt sich der Vater plötzlich einen Hund mit, dessen Gebelle sie nervt - natürlich ist der auch eine Konkurrenz zum gemeinsamen Kind.
Lässt Grace vielleicht den Vater dem Baby nicht nah genug, sodass er sich sein eigenes "Baby" besorgen muss, um sich auch verantwortlich für etwas Lebendiges zu fühlen?
Er scheint fremd zu gehen, was aber nicht klar als Realität zu sehen ist.
Die deutsche Synchro ist da auch u.U. etwas fehlleitend: Da sagt eine Bedienung im Hintergrund "Schatz, hier ist die Rechnung". In den USA ist der Begriff "Honey" aber auch bei Bedienungen und Kassiererinnen häufig genutzt und daher ist nicht die Wortwahl an sich ein verstärkender Indikator.
Wäre eine tatsächliche Affäre unbedingt eine Reaktion darauf, dass sie sich körperlich verändert haben könnte (auch von einer körperlichen Veränderung ist nichts zu sehen), er sie sexuell nicht mehr anziehend findet, oder ist es eigentlich sie, die ihm durch dauerndes Masturbieren vermittelt, er "bringe es nicht mehr", er sei eine "Schwuchtel"?
Unklar.
Eine echte Eskalation ihrer Verhaltensweisen im Kontext des Mutterseins ist - für mich - in keiner Weise zu sehen.
Dafür ist das Kind viel zu unproblematisch, es quengelt nicht, es beansprucht Nullkommanull Aufmerksamkeit, nichts. Im Gegenteil, es läßt sich sogar an wildfremde Mädels "abgeben".
Das hat schon eher etwas 68er-mäßiges - Selbstverwirklichung um jeden Preis, Muter, Vater, wer gehört zu wem, völlig egal. Das Kind wird schon, die Kommune ist besser als das Establishment.
Verengter Blick:
Zu guter Letzt: Es wird ja immer schlimmer. Nachdem nun immer mehr pseudointellektuelle "Künstler" meinen, Vistavision sei mit einem belichtbaren Breiten-Höhen-Bereich von 1.44:1 auch genau dazu gedacht (was eben gerade nicht der Fall war, sondern es sollte Breitbild mit besserer "Auflösung" ermöglicht werden), so wird uns hier das volle 4:3-Format aus den Kindheitstagen des Kinos kredenzt, das schon in den 1950er Jahren langsam abgelöst wurde und sich nur noch im TV bis Mitte der 2000er hartnäckig gehalten hat.
Nun kommen Filmschaffende daher und graben so einen Murks wieder aus und meinen, damit besonders zu sein - umso dämlicher, wenn dann der Abspann plötzlich doch in 1.85:1 abläuft und damit zeigt, dass nichtmal hinsichtlich Auflösung (-> Werbesynonym für Bildqualität) etwas bezweckt wurde, sondern für die Projektion einfach links und rechts schwarze Balken eingeblendet wurden.
Kurzum:
Deprimierend und nicht greifbar, weil schlicht keinerlei Perspektive nachvollziehbar gezeigt wird, sondern ausschließlich irrationales Handeln der Protagonistin.
Dazu das unnütze und wichtigtuerische Bildformat.
Einzig positiv: die Wahl der Musikstücke, wobei die durch die Texte für Englischmuttersprachige teils wieder zu sehr in-your-face sein könnten.
5/10