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„Gib ihnen Brot und Spiele, und sie werden niemals revoltieren!“ – das Konzept von „panem et circenses“, über das sich schon im 1. Jahrhundert nach Christi der Römer Juvenal lustig machte, wurde seit dem römischen Reich immer wieder eingesetzt und sowohl in der Litaratur als auch in der Filmgeschichte gerne umgesetzt. 

Dabei haben sich vor allem zwei Prinzipien als Erfolgsformeln etabliert: Zum einen die Menschenjagd, erstmals wohl 1932 in THE MOST DANGEROUS GAME verfilmt und seither von zahllosen Epigonen kopiert und variiert, für uns Deutsche am eindrucksvollsten wohl 1970 in Wolfgang Menges und Tom Toelles DAS MILLIONENSPIEL, dessen Grundidee sich auch in Stephen Kings/Richard Bachmans THE RUNNING MAN (1982) wiederfindet. Wobei man auch den Einfluss von Robert Sheckleys Kurzgeschichten „The Seventh Victim“ (1953) und „The Prize of Peril“ (1960) nicht ignorieren darf, erstere 1965 mit Ursula Andress poppig verfilmt. 

Das zweite Prinzip ist das der wirklichen „Spiele“, wobei es auch hierbei meist um Überlebensaufgaben geht. Als Ur-Inspiration darf hier vermutlich William Goldings „Lord of the Flies“ gelten, nicht umsonst sind es meist Kinder und Jugendliche, die in diesen Spielen auf Leben und Tod gegeneinander antreten – von BATTLE ROYALE (2000) über THE HUNGER GAMES (seit 2012) bis SQUID GAME (2021-2025). Oftmals spielt auch das Losverfahren bei der Auswahl der KandidatInnen eine Rolle. 

THE LONG WALK ist konzeptionell irgendwo dazwischen angesiedelt: 50 Teenagerjungs wurden per Bewerbung und Auslosung für den titelgebenden Gang bestimmt, am Ende winkt eine Wunscherfüllung und potenziell jede Menge Geld, die Zeiten sind derart desolat, dass der „Walk“ für viele die einzige Überlebenschance zu sein scheint. Der Knackpunkt: Es gibt kein Ziel und es kann nur einen Gewinner geben, wer zurückbleibt oder die Dauergeschwindigkeit von knapp 5 Stundenkilometern nicht durchhält, wird nach drei Verwarnungen von dem begleitenden Soldatentrupp erschossen. 

„The long Walk“ gilt als Stephen Kings erster Roman, bereits zu Schulzeiten geschrieben, jedoch erst 1979, nach seinen ersten Erfolgen, veröffentlicht, als zweiter Roman unter dem Richard Bachman-Pseudonym. Die Story ist von daher zeitlich klar als Antikriegsgeschichte einzusortieren, der bis 1975 andauerte und zahlreiche anfangs zum Teil hoch motivierte junge Männer in den sicheren Tod beorderte. In seiner schockierenden und auch heute noch unbedingt sehenswerten und gnadenlosen Pseudo-Dokumentation PUNISHMENT PARK ließ Peter Watkins 1971 eine Handvoll Vietnamkriegsgegner auf Geheiß Richard Nixons ohne Wasser drei Tage durch die kalifornische Wüste laufen, die Nationalgarde mit Schusswaffen im Nacken. Gut möglich, dass der junge King diesen Film damals gesehen hatte. Die Kriegsallegorie ist heute noch so aktuell wie damals, allerdings spielt der Film sie nie wirklich aus. 

THE LONG WALK deutet eine dystopische Zukunft nach einem großen Krieg an, die jedoch optisch eher in der Vergangenheit angesiedelt scheint, sieht man mal vom einzig modernistischen Gimmick der "Applewatch-Vorgänger" mit Meilenzähler ab. In der Schilderung dieser Dystopie bleibt der Film sehr vage, was das Worldbuilding letztlich sehr beliebig macht, offenbar gelten bestimmte kulturelle Werke als staatsfeindlich, fürs Geschichtenerzählen kann man hingerichtet werden. Lesbar ist das natürlich als Bezug auf Literaturzensur an amerikanischen Schulen, gegen die sich ja auch Trump-Feind Stephen King laut gemacht hat. 

War der Lauf im Roman noch ein ähnliches Medienspektakel wie in den obengenannten Werken, so reduziert der Film das Szenario auf ein dialoglastiges Kammerspiel mit einem Dutzend handlungstragenden Personen. Das verschärft den Fokus auf die Menschen und den Lauf und erzeugt darüber hinaus schaurig-schöne Bilder eines verlassenen Amerika. Hier drängen sich auch Vergleiche zu Alex Garlands CIVIL WAR auf, THE LONG WALK könnte eine inoffizielle Fortsetzung sein. 

Die Charaktere sind, wie bei einer Kingverfilmung nicht anders zu erwarten, eher stereotyp angelegt, werden jedoch insbesondere von Cooper Hoffman (LICORICE PIZZA, WARFARE) und David Jonsson (ALIEN ROMULUS) schön mit Leben gefüllt. Die Dialoge sind so Stephen King-amerikanisch, wie man sie aus seinen Romanen kennt (und liebt oder auch nicht): etwas Lebensweisheit, etwas Belanglosigkeit, etwas Humanismus, etwas Kitsch. 

Francis Lawrence, der aus der bisweilen brutalen und bitteren HUNGER GAMES-Vorlage ein sehr glattes, blutarmes und mainstreamtaugliches Blockbuster-Produkt machte, inszeniert hier überraschend explizit. Manchmal vielleicht sogar etwas zu explizit – manche Brutalität hätte als Beiläufigkeit im Off sicher mehr Impact gehabt. So aber wird in Nahaufnahme geschossen und geschissen, dass man immer weniger versteht, wie sich Freiwillige für diese entwürdigende und höchstwahrscheinlich tödliche Veranstaltung finden lassen. Hier macht dann der Kriegsbezug am meisten Sinn. 

Auch wenn das Setting an sich wenig Abwechslung bietet („Höhepunkt“ der Strecke ist eine kurze Steigung), schafft es der Film, durch die ständige Bedrohung und das gute Schauspiel, die Aufmerksamkeit bis zum Ende zu halten. Das (vom Buch abweichende) Ende und damit wohl die beabsichtige Botschaft des Films, muss man allerdings als problematisch bezeichnen. Die Motivation eines unserer „Hauptläufer“, den Walk zu gewinnen, ist nämlich ein ebenso gewalttätiges Wunschdenken wie das der Welt, in der dieser „Long Walk“ erst möglich wurde. Vor dem Hintergrund der jüngsten Attentate gegen rechtsextreme Politiker wie Donald Trump und Charlie Kirk, die womöglich komplett gegenteilige Wirkung hatten als beabsichtigt, zeigt sich ganz deutlich: Gewalt ist vielleicht eine einfache, aber niemals eine sinnvolle Lösung.

6.5/10

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