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Manchmal ist nicht ganz durchschaubar, was bei Netflix zur Franchise-Ware taugt und was nicht. Dass erfolgreiche Titel wie „Tyler Rake: Extraction“ und „Red Notice“ versequelt werden, ist verständlich, aber über „Enola Holmes 2“ oder aktuell „The Old Guard 2“ wundert man sich dann doch ein wenig, da die Vorgänger gefühlt eine Woche nach Release kein Gesprächsthema mehr waren.
Im Falle von „The Old Guard 2“ gibt es immerhin eine Comic- bzw. Graphic-Novel-Vorlage, zumal der Erstling das Sequel ja auch schon massiv angeteasert hatte. Andy (Charlize Theron) alias Andromache of Scythia ist mittlerweile sterblich, aber erledigt mit ihrem Unsterblichen-Team aus Joe (Marwan Kenzari), Nicky (Luca Marinelli) und Nile (KiKi Layne) immer noch Missionen, unterstützt von ihrem CIA-Kontaktmann James Copley (Chiwetel Eijofor). Das erfährt man nicht nur im Dialog, sondern sieht es auch anschaulich, wenn die Crew das Anwesen eines Waffenschiebers stürmt und mit den Übelwichten kurzen Prozess macht. Das sorgt für genretypische Auftakt-Action, verweist außerdem nochmal auf Selbstheilungskräfte der Unsterblichen, wenn abgeschnittene Finger wieder anwachsen oder gebrochene Füße sich wieder richten, während der Besitzer noch von einem Auto mitgeschleift werden.
Derweil wird noch mehr Kontext zu dem gegeben, was die Mid-Credit-Sequenz von „The Old Guard“ schon angeteasert hatte: Die Befreiung von Andys früherer Gefährtin Quynh (Veronica Ngo) aus ihrem Gefängnissarg im Meer. Fünf Jahrhunderte hat die Unsterbliche dort verbracht, ehe sie von Discord (Uma Thurman) und deren Team geborgen wird. Quynh hat einen Rochus auf die Menschheit, weil diese sie so behandelte, und einen auf Andy, weil diese die Suche irgendwann abbrach. Dicord, selbst eine Unsterbliche, hat etwas dagegen, dass die Unsterblichen im Lauf der Geschichte rumwurschteln, so die ebenso lahmen und generischen Motive des Antagonistinnenduos, was schon keine gute Voraussetzung ist, um die Kiste in Gang zu bekommen. Achja, außerdem ist Discord auch noch Waffenschieberin und Drahtzieherin hinter den Schurken, weil das halt so ist – mehr Begründungen liefert das Drehbuch auch nicht.

Discord und Quynh entführen Booker (Matthias Schoenaerts), das verstoßene Mitglied von Andys Team, um deren Aufmerksamkeit zu bekommen. Andy ist geschockt ihre frühere Gefährtin wieder zu treffen, will sie aber dennoch von ihren schurkischen Plänen abhalten…
Es war im Vorfeld nicht angekündigt, aber „The Old Guard 2“ hat sich ganz offensichtlich Filme wie „Das Imperium schlägt zurück“, „Fluch der Karibik 2“, „Avengers: Infinity War“, „Mission: Impossible – Dead Reckoning“ usw. usf. als Vorbild genommen. Will heißen: Das Ganze endet mit einem fetten Cliffhanger für den nächsten Film. Und der ist sogar richtig dreist, endet das Ganze doch mit einem Zwischenstand, der für Andy und Verbündete alles andere als okay ist, sodass sich das Ende fürs Publikum maximal unbefriedigend anfühlt, wenn auch eher aus simplen Dramaturgiegründen. Denn es ist nicht so, als ob „The Old Guard 2“ in Sachen Charakterzeichnung oder Geschichte eine Wurst vom Teller ziehen würde. Aber vielleicht war da auch das falsche Personal am Drücker: Drehbuchautor Greg Rucka schrieb Comics (u.a. die Graphic-Novel-Vorlage) und Videospiele, im Filmbereich aber nur den mauen „Heart of Stone“, Drehbuchautorin Sarah L. Walker kommt ebenso aus dem Serienbereich wie Regisseurin Victoria Mahoney – vielleicht fühlt sich „The Old Guard 2“ auch nur wie eine beliebige Folge einer TV-Serie an.

Das Ganze ist 20 Minuten kürzer als der gut zweistündige Vorgänger, hat allerdings so wenig Substanz, dass der Rahmen einer 40-minütigen Serienepisode vielleicht treffender für die Handlung gewesen wäre. Quynh und Discord sorgen für Stress mit einem Simpelplan, der viel zu lange braucht, um irgendwann einmal Form anzunehmen und minimal Schwung in die Handlung zu bringen. Zwischendurch werden noch einige ungelenke Erklärungen zur Hintergrundmystik eingeflochten, sogar ein Unsterblichen-Archivar namens Tuah (Henry Golding) eingeführt, der als ganz offensichtlicher Erklärbär durch den Film stolpert und eher pflichtschuldig an der Action teilnimmt. Dummerweise wirkt der ganze Background immer noch semi-ausgearbeitet und reichlich beliebig, die Erklärungen zum Verlust der Unsterblichkeit wie ein fadenscheiniger Plotmotor. Für Figuren wie Copley hat der Film so gut wie gar nichts Sinnvolles zu tun, der Verlust eines bestimmten Charakters ist total egal, zigfach (und zigfach besser) gesehene Heldentodroutine. Auch eine Enthüllung zur Motivation einer bestimmten Figur ist keine Überraschung, sondern absolut vorhersehbarer Genrestandard, weshalb diese ähnlich egal ist wie der Heldentod.
Was natürlich auch an den schlappen Versuchen von Charakterzeichnung liegt. Über Joe und Nicky erfährt man nichts Neues, ihre Beziehung wird quasi nur als Parallele zur Andy-Quynh-Verbindung genannt, denn als Unsterblicher kann es ganz schön einsam werden, wenn die Normalo-Lover irgendwann altern, dahinsiechen und sterben. Eine Tragik, welche „Highlander“ (eines der offensichtlichen Vorbilder), besser bzw. überhaupt bearbeitet hatte, denn bei „The Old Guard 2“ müssen zwei, drei Alibisätze zum Thema reichen. Ansonsten ist die Andy-Quynh-Beziehung in erster Linie Motivation für die überhaupt nicht spannende Frage, ob die lang Verschollene bis zum Schluss Schurkin bleibt oder sich vielleicht doch eines Besseren besinnt, denn auch hier spielt „The Old Guard 2“ auf ödeste Weise Genrestandards ab. Einen einzigen netten visuellen Einfall hat dieser Strang zu bieten, wenn sich die beiden nach Jahrhunderten wiedersehen: Wenn Andy durch die Straßen Roms läuft, dann wird in ihrer Wahrnehmung Schritt für Schritt die Zeit zurückgedreht, sodass sie Quynh quasi im Mittelalter wiederbegegnet, als diese als Hexe verurteilt und im Meer versenkt wurde.

Nun könnte man über die Mängel in Sachen Storytelling und Figuren vielleicht noch eher hinwegsehen, wenn „The Old Guard 2“ wenigstens als Actionfilm richtig liefern würde, doch auch da sieht es düster aus. Wie beim Vorgänger werden die drei größeren Set Pieces reißbrettgenau auf Anfang, Mitte und Ende verteilt, sieht man kleinen, kaum der Rede werten Scharmützeln (Erstürmung einer Raketenbasis, Trainingskampf) ab. Zu Beginn stürmen Andy und ihre Crew ein Anwesen von Waffenhändlern (inklusive Verfolgungsjagd und Vehikel-Crashs), in der Mitte artet das Wiedersehen Andy/Quynh in einen Zweikampf aus, im Finale trifft Andys Team gegen eine Vielzahl von Feinden an. Immer wird mit Schusswaffen, Schwertern, Messern, Äxten und bloßen Händen geballert und gekämpft, wieder in durchchoreographiert und in fließendem Übergang bei der Wahl der Waffen. Nicht nur der Härtegrad ist dabei allerdings niedriger als im Erstling, auch die Arbeit vom neuen Stunt Coordinator Dian Hristov und neuen Fight Choreographer Georgi Manchev wirkt eher wie biedere Pflichterfüllung, die den Erstling und viele andere Arbeiten der beiden unterbietet. Kameramann Barry Ackroyd dagegen ist Teil der verbliebenen Crew des Erstlings, aber auch seine Arbeit ist uninspirierter: „The Old Guard 2“ sieht künstlich und leblos aus, sodass man kaum mitbekommt, ob man sich jetzt gerade in Kroatien, Italien oder Südkorea befindet – abgesehen von ein paar egalen Establishing Shots sieht eh alles nach der gleichen Soße aus.
Charlize Theron erweist sich mal wieder als durchaus verlässliche Actiondarstellerin, wenn auch öfter gedoublet und weniger engagiert als sonst. Aber mit ihrer 08/15-Performance ist sie quasi immer noch das beste Pferd im Stall. Veronica Ngo als gekränkte Ex-Gefährtin und Matthias Schoenarts als abgehalfterter Kumpan auf der Suche nach Vergebung setzen immerhin noch ein paar Akzente, der Rest besteht nur aus besseren Stichwortgebern, wovon auch größere Namen wie Henry Golding oder Chiwetel Eijofor oder nominell wichtige Leute wie KiKi Layne nicht verschont werden. Ganz besonders enttäuschend ist die gelangweilte Darbietung von Uma Thurman als Oberschurkin, aber die hat auch kaum Screentime und wird vielleicht für den geplanten dritten Teil aufgespart, falls überhaupt ein Hahn danach kräht.

„The Old Guard 2“ jedenfalls ist komplett einfalls- und gesichtsloses Streamingfutter voller gelangweilter Performances, esspapierdünnen Reißbrettcharakteren und einem spannungsfreien Nichts an Plot. Die gebotene Action ist auch nur pflichtschuldiges Hauen und Stechen ohne Elan und inszenatorische Finessen – man kann schon verstehen, dass Vorgänger-Regisseurin Gina Prince-Bythewood lieber „The Woman King“ als dieses saft- und kraftlose Sequel anging.

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