Die Milchmädchenrechnung
Ein Lottogewinner, eine Philosophiestudentin, ein Broker, ein Krimineller und zwei Polizisten kommen in eine Bar. Was wie der Anfang eines mittelmäßigen Witzes klingt und mit all seinen implizierten Verwicklungen sowie zahlreichen unglücklichen Zu- und Todesfällen in anderen Händen zu einer klamaukigen schwarzen Komödie hätte werden können, wird hier zur bittersüßen Tragödie, zu einem Thrillerdrama über die „condition humaine“.
Denn Regisseur und Co-Autor Vincent Maël Cardona ist ein Moralist. Für seinen Film bezieht er sich auf Jean de La Fontaines Fabel vom Milchmädchen, das auf dem Weg zum Markt so intensiv tagträumt, was sie sich alles vom Erlös ihrer Milch kaufen wird, dass sie unterwegs alles verschüttet. Nicht viel besser ergeht es unserem Bar-Ensemble: Mehr als 260 Millionen Euro ist der unscheinbare Lottozettel wert, den der ältere Herr in der Tasche hat, da kann man schon mal ins Träumen kommen.
Der spannende Kniff des Films ist, dass er uns diese Träume als Realität verkauft. Mehrmals beginnen Szenen von neuem, springen wir in andere Szenarien, sehen, was sein könnte, ahnen, dass keine dieser Versionen gut ausgehen wird. Auch wenn der Film es ernst meint, ist er nicht ohne Humor, durchbricht einmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes die vierte Wand und es macht Spaß, dem Schauspielansemble bei ihren Plänen zuzuschauen.
Als Prolog stellt Cardona dem Film eine verbürgte historische Episode voran, in der niemand geringerer als Giacomo Casanova im Jahr 1757 die französische Staatslotterie begründete, um die Staatskasse durch den Verkauf der Lose aufzubessern. Im Film überzeugt er König Ludwig XV damit, dass die Armen diese „Steuer“ gerne zahlen würden, stünde ihnen nur in Aussicht, reich zu werden. Wie gesagt, Vincent Maël Cardona ist ein Moralist.
6.5/10