Es ist doch nur allzu passend, dass ich vor der Besprechung einer queere Krimi Komödie selbst ein kleines Coming out ablegen muss: nein, nicht dieses - meines Wissens nach bin ich heterosexuell - aber jenes als Neuling im Filmkosmos der Coenbrüder, der bisher nur eine Begegnung mit dem Dude, aber noch keinen Kurzurlaub in "Fargo" genossen hat. Und der Genuss meinerseits stellte sich da erst nach dem Verdauen einer gehörigen Portion Verwirrung ein. Und ich dachte, ich irritieren die Leute. Naja, man säht, was man erntet.
Im Falle von "Honey Don't" erntet Frau, was mann säht und das ist nicht gut, da zeigt Coen sich als Mann selbstkritisch. Zum Glück lässt er sich nicht zu einem Skript verleiten, dass die Damenwelt nur als Retterinnen des im Dreck steckenden Karrens zeigt, nein, hier geben die Ladies den Ton an, kloppen coole Oneliner, sorgen für Ordnung im patriarchalen Saustall und sind dabei so cool und sexuell befreit, dass selbst Russ Meyers' "Satansweiber von Tittfield" stolz auf ihr geistiges Erbe wären. Aber auch der Dude würde sich hier einen a grinsen, denn ein ähnliches Verwirrspiel spielt Cohen auch hier mit Figuren und Publikum.
"Honey Don't" heißt eigentlich Honey Donahue und ist eine hartgekochte Detektivin alter Schule, starken rechten Haken und messerscharfes Mundwerk inklusive, an welchem sie Klemmheten und ihre Liebhaberinnen auf die eine oder andere Weise teilhaben lässt.
Wie in jedem guten Krimi, der auch nur ansatzweise als hartgekochte zu betrachten ist hat auch Honey diesen einen Auftrag am Hacken, der alles aufwirbelt: eine potenzielle Klientin der erfolgreichen Privatermittlerin stirbt unter mysteriösen Umständen, zudem ereignen sich in Folge eines missglückten Drogendeals mehrere Morde, die sich im Modus operandi ähneln und zur Kirche des aalglatten Pfaffen Devlin führen, der für einen Priester erschreckend wenig vom Zölibat, dafür umso mehr von Macht und Geld hält. Als schließlich noch Honeys Nichte Corinne verschwindet ist das Plot Chaos perfekt, der Zuschauer verwirrt und der Weg zu einem recht kurzen, aber intensiven Showdown geebnet. Und der Zuschauer ist um eine spannende Seherfahrung aus dem Hause Cohen reicher.
Was aber nicht zwangsläufig am Drehbuch liegt: "Honey Don't" hat mit Hauptdarstellerin Margarete Qualley und ihren Co-DarstellerInnen ganz andere Stärken. Hinzu kommt, dass Ethan Coen das staubige Bakersfield so gut in hitzeflirrenden, staubigen Bildern einfängt, dass die 5emperatur im Kino in die Celsiusvierziger steigt: das hier ist verschwitzt Kino der vergilbten Tapeten, der sandigen Straßen und trockenen Kehlen.
Wer das Hintergründe Summen auf der Tonspur für ein technisches Problem hält, der sei an der Stelle aufgeklärt, dass dies nur Mickey Spillane und Jim Thomson sind, die während der Spielzeit in Höchstgeschwindigkeit im Grab rotieren: die Hard boiled-Urväter des US-Krimis würden dem Geschehen hier nicht zustimmen, am allerwenigsten Kommunistenschreck und Vorzeigepatriot Spillane: noch ein Grund, diesen Film und sein Spiel mit den Klischees zu mögen. Coen lässt keine Genrestein auf dem anderen und präsentiert neben einer emanzipiert starken Hauptakteurin eine Vielzahl männlicher Ekel, einen schwulen Damsel in Distress - Konterpart und eine gute Prise Sex, die in Honeys Fall erfrischend befreit und geschmackvoll inszeniert wird und auf der Seite des Heteroschurken Devlin eher wie pseudoästhetische postpubertäre Onanie Phantasien mit Hang zum erotischen Größenwahn wirkt: der olle Doppelmoralist hat halt immer noch männliche Pornostereotype im Kopf und Coen karikiert ihn dafür zurecht. Oder besser gesagt Chris Evans, der dem herumbossenden Schmalzpater ein widerliche, aber witziges Eigenleben einhaucht.
Wie gesagt gehört zu Honeys Stärken nicht das Drehbuch und noch nicht mal der Humor, sondern das Dekonstruieren von klassischen Geschlechterrollen und sexueller Scham: Coens Humor normalisiert seine Charaktere statt den Klischeekübel bis zum Boden auszukratzen und über das Skript zu schmieren. Ganz nebenbei lässt der Regisseur keinen Zweifel daran entstehen, was er von MAGA-Quark mit rechtsdrehenden Milchsäuren hält. Darauf einen White Russian und 50 Cent in die vor Coolness strotzende Score -Jukebox.