Zwischen Adrenalin, Authentizität und Hollywood-Glanz
Wer vor drei Jahren das Donnern der Düsenjets im Kino gespürt hat, weiß: Joseph Kosinski hat mit Top Gun: Maverick Blockbuster neu definiert – technisch brillant, emotional aufgeladen, visuell wie ein Adrenalinstoß.
Jetzt kehrt er mit F1 – Der Film zurück, diesmal nicht in der Luft, sondern auf dem Asphalt. Statt Düsenjets sind es diesmal Boliden, statt Tom Cruise sitzt Brad Pitt am Steuer, gemeinsam mit Leonardo DiCaprio, der letzte verbliebene, wirklich große Hollywood-Superstar. Produziert von Jerry Bruckheimer, der seine Karriere einst auf High Concept und Hochglanz baute, untermalt von einem Score aus der Feder von Hans Zimmer, jenem Mann, der schon das Summen einer Neonröhre in ein orchestrales Weltuntergangsmotiv verwandeln könnte. Kurz: Die Zutaten für ein neues Kinospektakel sind angerichtet. Die Frage ist nur: Zündet der Motor so kraftvoll wie bei Top Gun: Maverick? Oder geht der Film auf der Zielgeraden ein kleines bisschen vom Gas?
Mehr Speed als Substanz
Kosinski erzählt die Geschichte von Sunny Weaver (Brad Pitt), einem ehemaligen Fahrer, der nach Jahren im Schatten zurückkehrt, um einem jungen Team zu helfen, sich gegen die Titanen der Formel-1-Welt zu behaupten. F1 hat die klassische Sportfilm-DNA: Comeback, Mentor-Schüler-Dynamik, Triumph über Widrigkeiten. Das Drehbuch setzt klar auf Emotionen und große Gesten, manchmal fast ein bisschen zu sehr. Wo Top Gun: Maverick das Kunststück schaffte, Nostalgie und Innovation zu balancieren, stolpert F1 hin und wieder über die eigenen Plotkurven. Es gibt Momente, in denen die Dramaturgie bremst, anstatt Vollgas zu geben. Manche Dialoge wirken vorhersehbar und nicht jede Figur ist so rund geschrieben, wie man es sich bei einem Film, mit dieser Wucht, erhoffen würde. Da hätte man etwas mehr Benzin im Tank gebraucht, um die Figuren auf der emotionalen Ebene so zu zünden, wie es die Rennszenen auf visueller tun.
Was den Film allerdings trägt, ist seine Atmosphäre. Die Ausstattung wirkt authentisch bis ins kleinste Detail – Boxengassen, Cockpits, Paddocks, Hospitality-Bereiche, selbst die schweißnassen Rennanzüge. Man spürt förmlich das Öl, das Benzin, die Spannung in der Luft. Gedreht wurde an echten Rennwochenenden, mit den Originalteams, den echten Fahrern, an ikonischen Rennstrecken von Monaco bis Silverstone. Das verleiht dem Ganzen eine fast dokumentarische Wucht. Kein grüner Bildschirm, keine sterile Studiokulisse, sondern echte Motoren, echte Hitze, echtes Chaos im Fahrerlager.
Adrenalin im Sekundentakt
Bei den Rennszenen liefert F1 pures Kino-Feuerwerk. Kosinski zeigt wieder seine Meisterschaft darin, Geschwindigkeit und Adrenalin filmisch greifbar zu machen. Die Kamera fliegt dicht über den Asphalt, heftet sich an die Fahrzeuge, taucht mit den Boliden in die Kurven, klebt an Helmen und Flügeln – ein Rausch aus Geschwindigkeit, Farben und Sound. Die Kamera ist nie hektisch, sondern vermittelt Geschwindigkeit mit Klarheit, selten war man als Zuschauer so mittendrin, so unmittelbar an der Front. Dank modernster Technik wurden kleine Spezialkameras direkt an den Autos montiert, wodurch Einstellungen entstehen, die man so noch nie gesehen hat. Es ist, als würde man selbst im Cockpit sitzen, während die Welt mit 300 km/h an einem vorbeizieht.
Kosinskis Bildsprache bleibt eine Bank. Groß, episch, klar. Die Sonne über Monza, die Regenwolken über Spa, das Glitzern der Lichter von Singapur. Wenn die Wagen durch die Häuserschluchten von Monaco rasen oder die Sonne in Silverstone die Flügelkanten glitzern lässt, hat man das Gefühl, man könne die Schrauben zählen. Bilder, Musik und Sounddesign verschmelzen zu einem immersiven Erlebnis, das in IMAX seine volle Wucht entfaltet. Es ist weniger Drive to Survive, mehr Fast & Furious, nur eben mit handgemachter Action und echtem Herzblut.
Doch genau hier liegt auch der kleine Haken: Wer auf echten Rennsport hofft, wird schnell merken, dass das Ganze mit der Realität nur lose verwandt ist. Überholmanöver, die physikalisch kaum denkbar sind, Kollisionen, die eher nach Hollywood-Choreografie als nach FIA-Regelbuch aussehen – spektakulär, ja. Realistisch? Eher nicht.
Ein Soundtrack wie Nitro im Tank
Wenn Hans Zimmer jedoch loslegt, klingt es plötzlich so, als hätte jemand den Motor eines Formel-1-Boliden direkt ans Orchester angeschlossen. Der Maestro hat wieder einmal ein Hauptthema komponiert, das donnert wie ein Turbolader auf Adrenalin– ikonisch, wuchtig, hymnisch. Mal treibt der Score mit pumpenden Beats, als würde er die Drehzahl hochjagen, mal schwillt er an wie ein Orkan über dem Asphalt. Es ist diese Mischung aus treibenden Rhythmen und epischer Breite, die den Film geradezu in die Höhe hebt.
Brad Pitt ist Coolness in Reinform, charismatisch bis in die Haarspitzen, souverän wie eh und je. Sunny Weaver hat diesen lässigen „Ich hab schon alles gesehen“-Vibe, gepaart mit einem Funken Verletzlichkeit und Pitt spielt die Rolle, als würde er sie einfach aus dem Handgelenk schalten. Er muss nicht rasen, um Eindruck zu machen, er zieht die Blicke schon auf sich, wenn er nur den Helm abnimmt und ein halbes Grinsen aufsetzt. Javier Bardem dagegen ist das dramaturgische Nitro: exzentrisch, launisch, mit dieser unterschwelligen Gefahr, die er fast schon als Markenzeichen im Gesicht trägt. Als Teambesitzer gibt er dem Film eine herrlich eigensinnige Energie, und zusammen bilden sie ein spannungsgeladenes Duo. Coolness trifft Exzentrik, Präzision prallt auf Leidenschaft.
Fazit
Am Ende fühlt sich F1 – Der Film an wie ein perfekt poliertes Showcar: nicht in jeder Schraube rennsporttauglich, aber mit so viel Glanz, Wucht und Stil, dass man einfach hinschauen muss. Wer sich auf das Spektakel einlässt, bekommt Kino, das vibriert wie ein Motor auf 12.000 Umdrehungen. Die Story schaltet nicht immer in den höchsten Gang, der Realismus bleibt zugunsten der Show auf der Strecke, doch sobald die Kameras über die Rennstrecken jagen und Hans Zimmers Score die Lautsprecher vibrieren lässt, vergisst man diese kleinen Ruckler schnell.
Brad Pitt fährt seine Rolle mit routinierter Eleganz, Javier Bardem sorgt für den nötigen Funken Wahnsinn, und Kosinski beweist einmal mehr, dass er Bilder so inszenieren kann, dass man sie nicht nur sieht, sondern fühlt. F1 mag nicht die neue Referenz wie einst Top Gun: Maverick sein, aber es ist ein Film, der Kino als Erlebnis versteht: groß, packend, ein bisschen überdreht – und genau deshalb verdammt unterhaltsam. Einer jener Filme, bei denen man das Gefühl hat: Das Kino lebt, es atmet, es donnert – und es riecht nach verbranntem Gummi.