„Nobody“ hatte sich trotz Corona-Pandemie zum satten Hit für die Action-Schmiede 87North gemausert, der beinahe das Vierfache seines 16-Millionen-Dollar-Budgets einspielte. Von daher war die Fortsetzung „Nobody 2“ keine Überraschung, für die fast alle Beteiligten wiederkehrten, lediglich die Regie von Ilya Naishuler zum genreerfahrenen Timo Tjahjanto wechselte.
Das Drehbuch verfasste erneut Derek Kolstad, dieses Mal gemeinsam mit Aaron Rabin, wobei er sich auf den Vorgänger bezieht. Denn wieder beginnt es mit einem Verhör von Hutch Mansell (Bob Odenkirk), das den Film zu einer gigantischen Rückblende macht, wieder sieht man anfangs die wöchentliche Routine von Hutch, doch diese ist eine ganz andere als das Spießerdasein zu Beginn des Erstlings. Nach der Auslöschung der örtlichen Russenmafia im Erstling kam der Ex-Geheimdienstkiller zwar durch frühere Kontakte zu Regierungsbeamten frei, muss aber jetzt einige Schulden abarbeiten, da er die Vermögenswerte der Schurken abfackelte und Vater Staat da offensichtlich Interesse dran hatte. Also kämpft Hutch nun tagaus, tagein mit Schurken, verpasst dafür regelmäßig das gemeinsame Abendessen und andere Familienaktivitäten, was vor allem seiner Frau Becca (Connie Nielsen) Kummer bereitet.
Die nächste Ehekrise scheint vorprogrammiert, als Hutch plötzlich die Idee eines gemeinsamen Familienurlaus aus dem Hut zaubert. Der Geistesblitz kommt ihm zwar bei der Arbeit, doch der Aufkleber des Ferienressorts Plummerville lässt persönliche Erinnerungen hochkommen: In dem Wasserpark verbrachte er als Junge die einzigen Familienferien mit seinem Vater David (Christopher Lloyd) und seinem Adoptivbruder Harry (RZA). Hutch und Becca nehmen Harry daher ebenso mit wie die Kinder Brady (Gage Munroe) und Sammy (Paisley Cadorath), auch wenn sich der Park als Relikt entpuppt, das noch ungefähr auf dem Stand von Hutchs Jugenderinnerungen verharrt. Die „Die schrillen Vier auf Achse“-Anspielung aus dem Trailer kommt im fertigen Film übrigens nicht vor, als die Mansells in Plummerville eintreffen.
Es sieht trotzdem nach einem netten Urlaub aus, bis Hutch sich mit dem korrupten Sheriff Abel (Colin Hanks) und Wasserpark-Besitzer Wyatt Martin (John Ortiz) anlegt, die hinter den Kulissen kriminelle Geschäfte machen. Diese beiden stehen allerdings ihrerseits nur im Sold der Gangsterchefin Lendina (Sharon Stone), mit der gar nicht gut Kirschen essen ist…
Noch klarer als der Erstling kann „Nobody 2“ auf das Vorwissen des Publikums bauen: Während die Schurken Hutch für einen Niemand halten, für einen Touri-Loser in Hawaiihemd und Badelatschen, so weiß man selbst es besser, zumal der Film seinen Helden schon zu Beginn in einigen Einsätzen zeigt. Dadurch geht die Action früher los, es nimmt aber auch etwas von der Erwartung, wann Hutch denn nun explodiert und für ordentlich Kleinholz sorgt. Doch auch das Sequel hat seinen Spaß mit dem Konzept, vor allem wenn Becca ihren Gatten bittet im Urlaub die Füße stillzuhalten, die Mansell-Familie später in der örtlichen Spielhalle einer Reihe von Provokationen und Bedrohungen ausgesetzt ist und man dabei zusehen kann, wie Hutch langsam die Geduld schwindet. Tatsächlich versucht die Mischung aus Tötungsmaschine und Familienvater im Verlauf des Films immer wieder die Wogen zu glätten, doch die Umstände und die Schurken lassen besagte Versuche scheitern, was nicht nur für Rambazamba sorgt, sondern auch für Komik.
Das passt zum Programm des Films, denn schon der Vorgänger war eine Actionkomödie, „Nobody 2“ ist aber noch eine Nummer abgedrehter und comedylastiger. Das fängt schon bei der Schurkin Lendina an, deren cartoonhafte Grausamkeit (etwa was Zeugen ihrer Taten angeht) die meisten anderen Actionfilmbösewichte in den Schatten stellt, bis hin zum Showdown, in dem sogar eine alte Gattling rausgeholt wird, ähnlich wie in Arnold Schwarzeneggers gaglastigem Comeback-Vehikel „The Last Stand“. Auch der alte Haudegen David und schwertschwingende Meditationsmeister Harry haben ihre Comedic-Sidekick-Auftritte, während der Clash von Vorstellung und Sein in Plummerville für einige nette Gags sorgt, auch wenn der Film das Thema schnell wieder fallen lässt. Einige der besten Witze drehen sich um den „Duck Bus“, den Hutch seinem Sohn anpreist. Die Gags haben eine gute Trefferquote, wirken selten zu albern, sondern stimmig innerhalb dieser Action-Comedy-Welt, die Timo Tjahjanto angesichts des Urlaubs-Settings merklich farbenfroher als den Erstling inszeniert.
Doch trotz der Witze verliert „Nobody 2“ nie ganz den Status eines ernstzunehmenden Reißers. Das liegt nicht nur an Härten (die weniger derbe als in anderen Tjahjanto-Werken wie „The Night Comes for Us“ oder „Codename 13“ ausfallen), sondern auch an den Figuren. Die mögliche Familienkrise der Mansells mag zwar durch Hutchs ungewöhnlichen Job entstanden sein, ist im Kern aber noch ein greifbares Thema über Spannungen innerhalb der Familie, während den Schurken eine Bandbreite von Speichelleckern über Mittäter aus Zwang bis hin zu eiskalten Sadisten zugestanden wird, sodass es sich dabei nicht um reines Kanonenfutter handelt. Nicht, dass „Nobody 2“ dadurch zu einem sonderlich tiefgründigen Film würde, aber es sind doch nette Akzente in diesem 90-Minuten-Reißer, der ansonsten schnell auf den Punkt kommt, erzählerisch allerdings keine Bäume ausreißt: Mal wieder schaukelt sich der Privatkrieg zwischen Held und Schurken hoch, bis am Ende eine Seite durch Exitus unterliegt. Auch sonst geht das Ganze wenig überraschende Wege: Wenn sich Becca an der Schießbude hervorragend anstellt, dann ahnt man schon, worauf das Ganze im späteren Filmverlauf hinausläuft.
Dass der sonst eher als Komiker bekannte, äußerlich nicht unbedingt nach Schlagetot aussehende Bob Odenkirk hier den Actionhelden gibt, ist im Gegensatz zum ersten Teil keine große Überraschung mehr, aber der Hauptdarsteller füllt seine Rolle erneut mit Hingabe, Augenzwinkern und der nötigen Glaubwürdigkeit aus. Connie Nielsen bekommt in der Ehefrauenrolle hier mehr zu tun und als im Erstling und macht auch mehr daraus, während Christopher Lloyd und RZA prägnante Nebenrollen haben, wobei Lloyd als griesgrämiger Opa mit Killerinstinkt hier mehr Screetime als im Erstling abbekommen hat. Neu ist die Riege der Antagonisten, die glänzend besetzt ist. Sharon Stone ist anfangs kaum wiederzuerkennen als durchgeknallte Schurkenchefin, hat aber sichtlichen Spaß an der Rolle der eiskalten Sadistin. Ähnlich toll ist als Colin Hanks als mauliger Gernegroß von korruptem Sheriff, während auch John Ortiz stark ist als Krimineller als Familientradition, der noch über einen Wertekodex verfügt und sich aufrichtig für seinen Sohn einsetzt. B-Actionstar Daniel Bernhardt hat – wie so häufig in den letzten Jahren – den Part als Chef-Henchman inne, den er gewohnt charismatisch absolviert, auch wenn man ihn eigentlich nur im Finale im Duell gegen Harry in Aktion sieht. Besagter Fight ist gut gemacht und schick choreographiert, nutzt Bernhardts Talente aber nur teilweise aus.
Die Action bietet einen Mix aus Shoot-Outs und vor allem Nahkämpfen, die in bester „John Wick“-Manier auch gern mal fließend in einander übergehen können. Hutch ist weniger elegant, aber ähnlich effektiv wie das Vorbild von den gleichen Produzenten unterwegs, und hat auch das Talent Umgebungsgegenstände als Waffe einzusetzen, sei es nun in einer Spielhalle oder auf einem Boot. Zimperlich geht es bei dem Hauen und Stechen nicht zur Sache, auch Hutch verliert mal einen Finger, seine Gegner erwischt es allerdings noch deutlich schlimmer. Wurde im Showdown des Vorgängers ein Baumarkt als Verteidigungsort mit selbstgebastelten Fallen gewählt, so ist es hier der Wasserpark von Plummerville, was zu einigen kreativen Wegen der Feindesentsorgung führt. Schade nur, dass es keinen würdigen Final Fight für Hutch gibt: Kartoush (Daniel Bernhardt) duelliert sich mit Harry, Lendinas Killerinnen-Duo streicht enttäuschend schnell die Segel und die Gangsterchefin selbst ist keine große Kämpferin.
„Nobody 2“ ist ein weitestgehend gelungenes Sequel zum Erstling, das mit dem Ferienpark-Setting und der veränderten Ausgangslage für genug Variation sorgt, gleichzeitig aber dessen Erfolgsrezept beibehält, inklusive einigen Callbacks (wie der Verhörsituation als Rahmen oder dem Zeigen von Hutchs wöchentlicher Routine). Die Actiondichte ist höher und das Spektakel setzt früher ein, „Nobody“ hat dagegen den größeren Überraschungseffekt, das etwas bessere Storytelling und das etwas rundere Gesamtpaket zu bieten, sodass der Erstling ein kleines Stück besser als das Sequel bleibt. 6,5 Punkte.