Vom Niemand zum Jemand: Warum Nobody 2 den Zauber verliert
Überraschung ist die härteste Währung des Kinos. Wer den Zuschauer unvorbereitet trifft, gewinnt. 2021 gelang das einem kleinen Actionfilm namens Nobody, der aus einem „Niemand“ einen brutalen „Jemand“ machte und sich damit in Rekordzeit Kultstatus verdiente. Im Zentrum: Bob Odenkirk, der sich von der Sitcom-Gestalt zum glaubwürdigen Knochenbrecher mauserte. Vier Jahre später tritt die Fortsetzung an. Nobody 2 ist schneller, glatter, routinierter – doch der Überraschungseffekt, der das Original so unverwechselbar machte, bleibt diesmal im Holster.
Im zweiten Teil ist Hutch Mansell kein Niemand mehr. Er ist nicht länger der unauffällige Bürohengst, der nachts in der Garage still vor sich hin schwitzt. Stattdessen tritt er von der ersten Minute an als eiskalter Spezialagent auf – präzise, tödlich, unaufhaltsam. Der Film selbst wirkt, als würde er routiniert eine bereits bekannte Pointe weitererzählen. Was bleibt, ist unterhaltsamer, technisch versierter Actionfilm - eine solide Fortsetzung, die aber den Funken des Originals nicht mehr so recht zu entzünden weiß.
Ein Niemand, der keiner mehr ist
Die Handlung setzt dort an, wo Teil eins endete. Hutch Mansell lebt nicht mehr im Schatten des suburbanen Familienidylls. Die biedere Vorstadtfassade ist weg, die Maskerade abgelegt. Er ist zurück in seiner alten Identität als Spezialagent, der seine Gegner abräumt wie Bowlingpins. Und genau hier beginnt das Problem. Was den ersten Teil so elektrisierend machte, war die Enthüllung, dass dieser unscheinbare Typ ein unaufhaltsamer Killer war, diese Kluft zwischen Fassade und Realität. Ein Niemand, der plötzlich explodiert und aufdreht wie eine lebende Abrissbirne. Diese Verwandlung trug den ganzen Film. Nobody 2 kann diesen Trick nicht noch einmal spielen. Wir wissen längst, wer Hutch ist. Wir wissen, wie er kämpft, wie er tötet, dass er durch Gegnerreihen pflügt, als wären sie Butter. Der Überraschungseffekt ist Geschichte und damit geht auch viel von der Spannung verloren.
Die Geschichte selbst – Hutch muss es mit einer skrupellosen Gegenspielerin aufnehmen (Sharon Stone), die irgendwo zwischen Bond-Schurkin und Broadway-Diva pendelt – plätschert solide vor sich hin, bleibt aber erstaunlich austauschbar. Man hat das Gefühl, dass Drehbuch und Regie zwar bemüht sind, aber zu oft auf sicher spielen. Das Skript ist kompetent, ohne Frage, aber es fehlt ihm an Wagnis. Die Szenen sitzen, die Dialoge fließen, doch das große Drama bleibt aus und vieles wirkt vertraut. Hutch ist von Beginn an die dominierende Figur und nie ernsthaft in Gefahr. Wo er im ersten Teil improvisierte, blutete, stolperte, mäht er sich hier mühelos durch die Reihen seiner Gegner. Das Drehbuch gönnt ihm keine Niederlagen, keine schwitzigen Momente, kein Ringen ums Überleben. Das nimmt der Erzählung ihre Balance.
Auch die Figurenzeichnung bleibt flach. Im ersten Teil war Hutch ein komplexer Charakter – zwischen Reue, Langeweile und überschäumender Gewaltlust. Im zweiten Teil ist er eher eindimensional: kalt, professionell, effizient. Das nimmt ihm einen Teil seiner Menschlichkeit und macht ihn weniger interessant. Christopher Lloyd als sein kauziger Vater, im ersten Teil der heimliche Showstealer, wird hier zur Statistenrolle degradiert. Ein paar kurze Szenen, ein paar launige Sprüche, dann ist er weg. Schade, denn gerade sein anarchischer Witz hätte den Film auflockern können.
Routine im Adrenalinrausch
Was man Nobody 2 nicht absprechen kann, ist sein Gespür für Atmosphäre. Der Film weiß, wie er mit Licht, Schatten und Rhythmus spielen muss, um eine dichte Stimmung aufzubauen. Die Kameraarbeit ist dynamisch und präzise, manchmal fast zu glatt, aber stets kontrolliert. Es gibt Einstellungen, die wie aus einem modernen Noir-Comic wirken: Neonlichter spiegeln sich in nassen Straßen, Schatten legen sich wie Vorhänge über Gesichter, Rauchschwaden verhüllen den Blick. Die urbanen Schauplätze wirken schmutzig genug, um authentisch zu erscheinen, und doch mit einem gewissen stilisierten Flair.
Natürlich liefert der Film, was sein Publikum erwartet: Action, reichlich und blutig. Sie ist hart, brutal, kompromisslos und visuell stark umgesetzt. Hutch schlägt, tritt, schießt, sprengt sich durch Gegnerhorden mit einer Präzision, die beeindruckt. Die Gewalt ist roh, die Choreografie präzise, das Tempo hoch. Knochen brechen mit Wucht, Blut spritzt in Fontänen, Körper krachen durch Tische, Türen und Wände. Bob Odenkirk wirft sich mit physischer Präsenz in die Kämpfe, und man sieht ihm an, dass er erneut monatelang trainiert hat. Die Fights sind sauber choreographiert, hart geschnitten, nachvollziehbar gefilmt. Doch das Problem liegt nicht in der Ausführung, sondern in der Wirkung: so sehr man die Choreographie genießen kann, so sehr fehlt es an ikonischen Momenten. Der Film hat keine Szene, die den Status des legendären Busfights erreicht. Keine Sequenz, die so roh, so überraschend, so unvergesslich wäre. Stattdessen reiht sich eine gut inszenierte, aber vorhersehbare Actionnummer an die nächste.
Hinzu kommt: Hutch ist nie wirklich in Bedrängnis. Im ersten Teil blutete, hustete, stolperte er. Er war verletzlich. Er kämpfte nicht wie Superman, sondern wie ein Mann, der zwar tödlich ausgebildet, aber längst eingerostet war. Diese Verletzlichkeit machte die Action so spannend. In Teil zwei dagegen mäht er seine Gegner mit Leichtigkeit nieder. Jeder Kampf wirkt wie Formsache und man weiß, dass Hutch immer obenauf bleibt. Das Finale ist das deutlichste Symptom dieser Schwäche. Der Showdown kommt, bevor man ihn richtig erwartet, und er endet, bevor er beginnt. Es fehlt der Aufbau, das Gefühl, dass hier alles auf eine letzte, alles entscheidende Konfrontation hinausläuft. Stattdessen wirkt es hastig, fast beiläufig. Kein Crescendo, kein Finale Furioso. Eher ein schneller, technischer Abschluss, ein Actionfilm, der sein eigenes Ende verpuffen lässt.
Eleganz trifft Explosivität
Handwerklich bleibt die Inszenierung auf hohem Niveau. Regisseur Timo Tjahjanto, der schon in Headshot und The Night Comes For Us, seine Vorliebe für kinetische Bilder zeigte, treibt die Kamera durch Räume, über Köpfe, hinein ins Getümmel. Die One-Take-Illusionen sitzen, die Bewegungen sind nachvollziehbar, die Choreografie wirkt wie ein brutaler Tanz. Die Kamera bleibt nah am Geschehen, verzichtet auf Schnittgewitter, zeigt jede Faust, jede Klinge, jede Wunde. Die Brutalität wird nicht kaschiert, sondern inszeniert. Es ist Gewalt als Ballett, brutal und zugleich elegant. In Zeiten, in denen Actionfilme oft in visuellem Chaos ersticken, bietet Nobody 2 Klarheit, Präzision und Ästhetik. Man erkennt, was geschieht, man spürt die Wucht, man hört die Knochen splittern.
Bob Odenkirk spielt Hutch Mansell mit der gleichen stoischen Intensität wie schon in Teil eins. Er ist glaubwürdig, er ist charismatisch - aber er hat weniger Nuancen als zuvor. Der tragikomische Unterton des Ersten fehlt, der Mann zwischen zwei Welten existiert nicht mehr. Zurück bleibt die Killermaschine, sein Hutch ist jetzt mehr Mythos als Mensch. Christopher Lloyd dagegen ist verschenkt. Sein Auftritt ist kurz, seine Szenen bleiben blass. Was im ersten Teil noch wie ein anarchischer Coup wirkte, ist hier eine Randnotiz. Dabei hätte sein Charakter so viel Potenzial für Witz, Wärme und schrullige Härte gehabt. Sharon Stone dagegen ist ein echtes Highlight. Sie ist die flamboyante Übertreibung im grauen Getriebe: Sie faucht, sie lacht, sie posiert. Sie spielt ihre Rolle als Antagonistin völlig over the top, mit Lust am Exzess - theatralisch, böse, larger than life. Manchmal schießt sie über das Ziel hinaus, aber immer mit einem Augenzwinkern. Sie bringt Energie, Farbe und ein Quäntchen Wahnsinn, in einen Film, der ansonsten zu sehr auf Routine setzt.
Fazit
Nobody 2 ist eine Fortsetzung, die funktioniert – aber nicht glänzt. Sie unterhält, sie gefällt, sie liefert was sie verspricht: Action, Tempo, Brutalität, ein paar Lacher. Doch sie verliert, was den ersten Teil zum kleinen Kult machte: den Überraschungseffekt, die Menschlichkeit, die Balance zwischen Schwäche und Stärke. Hutch Mansell ist kein Niemand mehr, sondern ein perfektionierter Jemand – und damit verliert der Film seinen Nerv. So bleibt ein Werk, das technisch glänzt, atmosphärisch punktet, von Sharon Stone veredelt wird – und doch nie den Zauber des Originals erreicht. Am Ende ist Nobody 2 wie der zweite Drink nach einem perfekten ersten. Man nippt, man genießt, man lächelt. Aber man weiß: Der Rausch bleibt aus.