Der Neustart als Chefsache: Nachdem das alte Filmuniversum von DC nach krassen Flops wie „Black Adam“ eingemottet wurde, wurde James Gunn als kreative Leitung für den Reset herangeholt. Den ersten offiziellen Film des Neubeginns, „Superman“, verantwortete Gunn direkt selbst als Drehbuchautor und Regisseur.
Die Mythologie um den Mann aus Stahl setzt der Filmemacher als bekannt vor, verzichtet auf eine Origin Story, sondern fasst diese in ein paar kurzen Texteinblendungen zusammen. Superman (David Corenswet) hat sich vor drei Jahren der Welt offenbart, vor drei Minuten seine erste Schlacht verloren. Sein Gegner: Der Hammer von Boravia, Repräsentant einer fiktiven osteuropäischen Nation, die von Superman vom Überfall auf das ebenfalls fiktive Nachbarland Jarhanpur abgehalten wurde. Der Einstieg ist nicht nur angenehm fettfrei, sondern auch insofern ein cleverer Schachzug, dass der unbesiegbare Saubermann von Titelfigur direkt mal kleingehalten wird. Superman wird nicht als strahlender Retter eingeführt, auf den irgendwelche Gangster ganze Magazine verballern, sondern als fehlbarer Held, der auch das Rematch gegen den Hammer von Boravia verliert, nachdem er sich kurz in der Festung der Einsamkeit regeneriert hat.
Hinter der öffentlichen Demütigung des Stählernen steht allerdings gar nicht Boravia, sondern ein Mann aus Metropolis: Der Großindustrielle Lex Luthor (Nicholas Hoult). Der hasst Superman, nicht zuletzt deshalb, weil ein friedenstiftendes Metawesen wie dieser natürlich ganz schlecht für die Waffengeschäfte seines Konzerns ist. Supermans Nemesis ist natürlich ein ebenso zentraler Bestandteil dieses Einführungsfilms wie die Reporterin Lois Lane (Rachel Broshanan), mit der Superman in seiner Tarnidentität als Clark Kent beim Daily Planet zusammenarbeitet, der Nachwuchsjournalist Jimmy Olsen (Skyler Gisondo) und Chefredakteur Perry White (Wendell Pierce). Schnell führt Gunn diese Figuren ein, setzt das Popkulturwissen seines Publikums voraus, sodass es fast schon überraschend ist, dass Lois und Clark bereits ein Paar sind – wenn auch noch kein sehr gefestigtes.
Als Mastermind denkt Lex Luthor natürlich immer mehrere Züge voraus. Der Hammer von Boravia, in dessen Rüstung der Luthor-Vollstrecker Ultraman steckt, ist nur der erste Schritt in einer großen Intrige, um Superman öffentlich zu diskreditieren und dann ausschalten zu können…
Als Zack Snyder Anfang der 2010er das erste DC-Filmuniversum aufbauen sollte, startete er auch er mit Superman, in „Man of Steel“. Tatsächlich teilen beide Filme sogar eine gemeinsame Idee, nämlich die Erdung von Superman. Bei Snyder war Superman dann ein zweifelnder Außenseiter, der mit seinem Status als gottgleiches Wesen hadert, verpackt in oft düstere Bilder, mit einer Action, die sich etwas physischer anfühlen sollte. Auch Gunns Superman hadert phasenweise mit Herkunft und Bestimmung, wird aber eher dadurch geerdet, dass er nicht perfekt ist. Er hat den Superhund Krypto nicht gut unter Kontrolle, der kein folgsames Tier wie in dem Animationsfilm „DC League of Super-Pets“ ist und noch nicht mal Superman gehört, er sagt unbedachte Sachen und er macht Fehler – nicht, weil er ein Zweifler oder ein Grübler ist, sondern weil er im Gegenteil manchmal zu sehr von sich überzeugt ist. Eine tolle Szene, in der Lois ihren Freund mal mehr, mal weniger on the record für den Daily Planet interviewt, zeigt gerade die Fehler in der Selbstsicherheit des Saubermanns, der das Richtige notfalls ohne Rücksicht auf Verluste tut.
Optisch geht Gunn ganz andere Wege als Snyder. Sein „Superman“ ist knallig bunt, das Leinwandäquivalent zum einem Comicheft, voll mit schrägen Einfällen, Figuren und Kreaturen. Da gibt es feuerspeiende Kaiju-Drachen, da gibt es Gestaltwandler-Aliens, da gibt es Luthor-Handlanger wie The Engineer (María Gabriela de Faría), die ihren Nanobot-gepimpten Körper beliebig verformen kann. Da gibt es auch die Justice Gang, bestehend aus Hawkgirl (Isabella Merced), Mr. Terrific (Edi Gathegi) und Guy Gardner (Nathan Fillion) alias Green Lantern. Dass diese Inkarnation der grünen Laterne vorlagengetreu eine reichlich hässliche Pottschnitt-Frisur besitzt, wird im Dialog ironisch aufgegriffen, passt aber auch in dieses farbenfrohe DC-Universum. „Superman“ ist vollgestopft mit amüsanten Ideen, etwa dem Luthor-Äquivalent einer Trollfabrik, welches seine realen Gegenstücke amüsant auf die Schippe nimmt.
Bei der Ausgestaltung der Actionszenen führt Gunn diesen Ansatz dann weiter: Wenig Körperlichkeit, wenig reale Stunts, dafür eine Auslotung der digitalen CGI-Möglichkeiten. Wenn Superman in einem Taschenuniversum gegen Wächterroboter kämpft, dabei ein Alien-Kind beschützt und in einem Anti-Protonen-Fluss unterzugehen droht, dann muss man sich das ähnlich durchgeknallt vorstellen, wie sich dieser Satz liest. In anderen Szenen kloppen sich Superman und die Justice Gang mit einem haushohen Monster, dessen Klauen von Green Lantern mit riesigen Ofenhandschuhen unschädlich gemacht werden, oder Mr. Terrific schaltet eine ganze Horde Luthor-Handlanger mit Flugdrohnen und Faustschlägen aus. Das ist manchmal kreativ, manchmal aber auch ein bisschen gleichförmig, gerade wenn sich Superman zum wiederholten Male mit Ultraman im freien Flug kloppt. Bodenhaftung darf man dabei nicht suchen, allerdings rutscht das Ganze auch nicht in das animierte Egal-Sein der Action eines „Black Adam“ ab, denn dafür ist Gunn dann doch zu kreativ.
Passend zum Stil des Filmemachers gibt sich „Superman“ dann auch eher humorvoll und augenzwinkernd. In einer Szene treibt Gunn die inhärente Lächerlichkeit, dass Superman quasi alle naselang jemanden rettet, so weit auf die Spitze, dass der Stählerne während einer Schlacht sogar ein Eichhörnchen vor dem sicheren Tod bewahrt. In einer anderen Szene führen Lois und Clark ein privates Gespräch, während sich im Hintergrund eine nächtliche Schlacht zwischen der Justice Gang und einem interdimensionalen Imp abspielt. Doch wie schon bei der „Guardians of the Galaxy“-Trilogie oder „The Suicide Squad“ versteht Gunn es emotionale Schlaglichter zu setzen, gerade wenn Clark mit seinen Eltern Jonathan (Pruitt Taylor Vince) und Martha (Neva Howell) interagiert. Dieser Superman ist zwar ein Supermensch, aber am Ende des Tages wohl doch eher Mensch als Super. Ebenfalls zur gefühlsmäßigen Einbindung des Publikums trägt der kraftvolle Score von David Fleming und John Murphy bei, egal ob Pa Kent seinem Sohn Mut zuspricht oder die Bewohner Jarhanpurs auf Superman als Retter hoffen. Natürlich packt Mixtape-Spezialist Gunn auch noch ein paar knallige Songs dazu, etwa von der fiktiven Poppunkband The Mighty Crabjoys.
Die Geschichte ist relativ handelsübliches Superhelden-Business-as-usual. Wieder einmal bringt ein Superschurke den strahlenden Helden in Verruf, wieder einmal will Luthor erst Supermans Ruf, danach den Mann an sich zerstören. Konzernprofit und Geopolitik spielen ebenfalls mit hinein, aber eher als Plotwerkzeuge, ebenso wie verschiedene Sci-Fi-Technologien wie Dimensionsportale. Das ist alles recht flott gemacht, lässt aber ein wenig an Fallhöhe vermissen, da man diese Figuren kaum kennenlernt, ehe „Superman“ loslegt. Gunn setzt nicht nur die Mythologie der Figur voraus, sondern auch die Empathie mit dem Mann aus Stahl. Und sicher, seine Figuren sind sympathisch, charmant und/oder charismatisch, aber vielleicht hätte eine längere Anlaufphase dem Film gut getan.
Dabei geht „Superman“ immer noch 129 Minuten, was aber vielleicht auch daran liegt, dass Gunn sich austoben kann wie ein Kind im Süßigkeitenladen. Unmengen von Nebenfiguren aus der DC-Comciwelt werden noch schnell eingebaut, sei es nun Reporterkollegin Cat Grant (Mikaela Hoover), Creature-Commandos-Anführer Rick Flag sr. (Frank Grillo) oder Luthor-Geliebte Eve Teschmacher (Sara Sampaio). Es gibt Querweise auf die Comics, es gibt Gastauftritte, etwa von Peacemaker, den John Cena schon in „The Suicide Squad“ und der Serie „Peacemaker“ darstellte. Vielleicht war die Begeisterung von Comicfan Gunn da eine Spur zu groß, obwohl er einzelnen Figuren immer wieder tolle Einzelszenen gibt. Gerade die Beziehung von Lois und Clark wird nie groß zerredet, aber immer einfühlsam und nachvollziehbar rübergebracht, etwa bei der Interview-Situation oder wenn Lois die Kent-Eltern kennenlernt.
Mit Rachel Broshanan hat Gunn nicht nur einen aufstrebenden Star verpflichtet, sondern auch eine Schauspielerin, die als smarte und toughe Reporterin überzeugt. Für Superman himself wurde der bisher eher unbekannte David Corenswet angeheuert, der die Rolle dafür ohne Starimage verkörpern kann und sich gut macht als von sich überzeugter Superman, der auch mal Fehler macht und nicht immer souverän dasteht. Ganz große Klasse ist Nicholas Hoult als taktierender, hinterfotziger und gelegentlich auch mal geifernder Anzugbösewicht. Weitere Akzente setzen Skyler Gisondo als Frauenschwarm, Edi Gathegi als kühler Mr. Terrific und Pruitt Taylor Vince als liebender Vater. Manche werden etwas verschenkt, wie Isabella Merced als Hawkgirl. Gunn-Regular Nathan Fillion spielt den Comic Relief mit Freude und Mut zur Hässlichkeit, andere Weggefährten des Regisseurs haben Cameos, etwa Sean Gunn als Maxwell Lord oder Michael Rooker und Pom Klementieff als Roboter-Stimmen.
Vielleicht bekommt Gunn mit seinem „Superman“ das hin, was Vorgängern wie Richard Donner, Richard Lester oder Zack Snyder nicht gelungen war: Nicht an der Figur Superman zu scheitern. Der Stählerne ist hier kein langweiliger Saubermann, aber auch kein mit Weltschmerz beladener Sauertopf. Visuell ist „Superman“ ein Knallbonbon, inhaltlich ebenso vollgepackt mit Ideen – da sogar eine Spur zu voll. Die ganzen Detailideen lenken vom semiaufregenden Mainplot ab, die Action ist auch eher (immer gut animierte) Fläche für schräge Ideen, sodass bei diesem „Superman“ eher an anderer Stelle etwas im Gebälk knirscht. Auch der Anarcho-Charakter, der die „Guardians of the Galaxy“-Reihe und „The Suicide Squad“ auszeichnete, fehlt etwas – dafür ist die Figur Superman dann wohl immer noch zu brav.