Superman
James Gunn gelingt die lang ersehnte Frischzellenkur im staubig-drögen DCU mit einem popartigen Geniestreich. Sein Superman ist bunt, witzig, schräg und grundsympathisch. Der Muff der Snyder-Ära wirkt wie aus einem längst vergessenen Paralleluniversum.
Haus, Frau, Hund. Was nach dem ultimativen Spießerglück klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen dann doch als ein wenig schillernder. Beim Eigenheim handelt es sich um eine futuristische Eisfestung in der Antarktis, die außerirdische Technologie beherbergt und auf DNA-Knopfdruck auf- und abtauchen kann. Die Dame des Herzens ist rasende Reporterin beim größten Blatt seiner Heimat-Metropole und beim Tippen genauso schnell wie mit dem Mundwerk. Bleibt noch der gar nicht so schnöde Vierbeiner. Dieser spezielle Labrador Retriever ist superstark, kann fliegen und ist praktisch unverwundbar. Wir müssen uns also keine Sorgen um den ältesten und berühmtesten Comichelden unseres Globus machen. Nein, Superman ist nicht zum Biedermann mutiert, er ist eher rotiert, von der Finsternis ins Licht, von der Schwermut zur Heiterkeit.
Diese Rotation hört auf den Namen Gunn, James Gunn. Die taumelnden DC Studios brauchten dringend eine Frischzellenkur, wollten sie der allgemein grassierenden Superheldenfatigue und der speziellen Marvel-Bedrohung Paroli bieten. Und so wurde der auf bleischwere Düsternis und martialische Zeitlupen-Ästhetik abonnierte Zack Snyder durch den auf skurrilen Witz und kunterbunte Bilderwelten setzenden Gunn ersetzt. Keine schlechte Idee. Immerhin hatte er schon die Konkurrenz mit seiner schrägen „Guardians of the Galaxy“-Trilogie ordentlich duschgewirbelt und von den Fesseln der Stromlinienförmigkeit befreit. Für einen solchen Knall sollte er nun auch bei DC sorgen. Und so wählte er als Auftakt für seine Neujustierung des stotternden DCU dann auch nicht irgendeinen Helden aus dem umfangreichen Katalog, sondern DEN Helden. Diese Chuzpe ist aber nur dann ansteckend und elektrisierend, wenn ihr die entsprechenden Taten folgen.
Der neue „Superman“ legt dann auch los wie die Feuerwehr. Viele Fans werden sich verwundert die Augen reiben, wenn sie Supermans Origin-Geschichte in drei Texttafeln serviert bekommen, um dann nach wenigen Sekunden im actionreichen Hier und jetzt zu landen, in dem der Kryptonier schon seit drei Jahren für Recht und Ordnung sorgt. Richard Donners Klassiker von 1978 nahm sich seinerzeit fast eine Stunde, um Herkunft, Jugend und Heldenwerdung Clark Cents zu behandeln. Dieser dreiste Skip-Coup ist aber nicht die einzige Überraschung, mit der Gunn den in pompöser Ernsthaftigkeit erstarrten Superman-Mythos auf links dreht. Der bereits erwähnte Kläffer Krypto liefert sich von Beginn an eine launige Buddy-Kabbelei nach der anderen mit seinem außerirdischen Herrchen und ist ein waschechter Scene-Stealer. Dazu fliegen die Fetzen, wenn Lois Lane ihren Freund mit dem roten Cape zum Interview lädt, schließlich hat der sich als Clark Kent bisher immer nur selbst befragt, was investigative und provokante Interrogation schon mal von vornherein ausschloss. Ähnlich knallig geht es dann auch auf der Gegenseite zu. Super-Schurke Lex Luthor malträtiert seine Nemesis mit einem von Drohen gesteuerten Ironman-Pendant („Ultraman“), triezt ihn mit einem Kaiju-artigen Monster das sich blitzschnell von Hamster- auf Godzilla-Größe transformiert und jagt ihn durch ein mit allerlei Feinden und tödlichen Substanzen gespicktes Taschenuniversum.
Dieser ausgelassene Spieltrieb funktioniert allerdings nur mit entsprechendem Personal und auch da haben Gunn und sein Stab alles richtig gemacht. Der weitgehend unbeschriebene David Corenswet bringt Charme, Humor und Naivität des Gunnschen Superman-Bildes auf den Punkt und kommt Christopher Reeves unübertroffener Ur-Darstellung viel näher als seine zwei Vorgänger. Seine Chemie mit der ebenfalls grundsympathischen und quirligen Rachel Brosnahan (Lois Lane) fährt mindestens die halbe Empathie-Miete ein und sprengt das Düster-Korsett der Snyder-Filme gleich beim ersten gemeinsamen Auftritt. Bleibt noch der Schurke und auch hier bekommt Lex Luthor-Darsteller Nicholas Hoult ordentlich Leine, die er auch weidlich nutzt. Trotz so namhafter Vorgänger wie Gene Hackman und Kevin Spacey setzt Hoult einige Exaltiertheits- und Exzentrik-Duftmarken, einfach weil Gunn ihn lässt.
Da wir hier aber nicht nur ein Superman-Reboot erleben, sondern auch gleich ein Auftaktspiel zum neuen DCU, bringt Gunn eine Reihe weiterer Helden/Schurken in Stellung. Und so dürfen bereits hier ein Teil der Justice League, bestehend aus Green Lautern (Nathan „The Rookie“ Fillion), Mister Terrific (Edi Gathegi) und Hawkgirl (Isabela Merced), sowie der Mutant Metamorpho unserem Superhelden unter die starken Arme greifen bzw. ihm den ein oder anderen Knüppel zwischen die gleichsam starken Beine werfen. Gunn jongliert dieses Figurenkarussell aber so souverän, dass weder der Überblick verloren geht, noch der Protagonist aus dem Fokus gerät.
Superman anno 2025 ist also weder verwirrend, noch spießig, noch gedankenschwer und düster. Ausgerechnet der älteste und dank seiner Kräfte vermeintlich langweiligste Superheld wird so zur frischesten und poppigsten Inkarnation seit Robert Downey Jr und Chris Hemsworth zwei Marvelianer aus der zweiten Reihe ins Rampenlicht katapultierten. Das rote Cape flattert endlich wieder fröhlich im DC-Wind und bläst beherzt die Backen auf. Super der Mann.