Superman war schon immer der langweiligste aller Superhelden. Ein nahezu unverwundbarer Held, der alles kann, wirkt in komplexen Zeiten wie unseren komplett aus der Welt gefallen.
In den 30ern diente der Comicheld als amerikanische Identifikationsfigur und Ende der 70er vermittelte der erste echte SUPERMAN – THE MOVIE dank neuer Tricktechnik Sicherheit in den instabilen Zeiten nach Ende des Vietnamkriegs. Doch erst SUPERMAN II brachte, befreit vom Ballast der Origin Story und angereicht mit interessanten Bösewichten, ein richtig spaßiges Superheldenspektakel auf die Leinwand. In den zwei Fortsetzungen, allesamt mit Christopher Reeve, wurde es gemäß dem 80er-Jahre-Kinotrend immer alberner, Superman war wieder Kinderkram, später wurde er mit LOIS & CLARK sowie SMALLVILLE zum Soapmaterial.
Erst nach rund 20 Jahren wagte Warner Brothers 2006 mit Regisseur Bryan Singer und Brandon Routh das Kino-Reboot SUPERMAN RETURNS – ein Flop. Vom Erfolg der Marvel-Studios angetrieben, legte Warner 2013 mit MAN OF STEEL ein erneutes Reboot vor. Unter der Regie von Zeitlupenfetischist und Haudrauf Zack Snyder wurde Superman (Henry Cavill) durch mehrere Heldenabenteuer mit Batman und der Justice League geschleppt. Die Filme waren erfolgreicher, wenn auch nicht unbedingt besser, ihre düsteren Materialschlachten hinterließen das DCU als kreativen Trümmerhaufen.
All dieses Vorwissen ist für den neuen SUPERMAN nicht essenziell, es rückt den Film jedoch popkulturhistorisch in eine spezielle Perspektive. James Gunn, der Mann, der fast im Alleingang dem Marvel-Universum insbesondere mit GUARDIANS OF THE GALAXY eine neue Leichtigkeit und Abenteuerlust verlieh, hat nun die Lager gewechselt und soll nicht nur die in Mitleidenschaft gezogene Super-Heritage wieder herstellen, sondern auch gleich dem DCU sowie dem aktuell kränkelnden Superheldengenre einen neuen Kreativschub verpassen. Doch kann der Autor und Regisseur, der schon immer am besten mit Außenseitern zurechtkam, überhaupt etwas mit dem Ur-Helden, dem amerikanischen Super-Saubermann anfangen?
Die Antwort, die der Film gibt, lautet ganz klar: Nein. Das ist wohl auch der Grund, weshalb Gunn den Film – bewusst oder unbewusst – mit zahlreichen Nebenfiguren und Sidekicks angereichert hat, die letztlich auch den (in Summe leider doch zu geringen) Unterhaltungsfaktor des Films ausmachen. Selbst die „Festung der Einsamkeit“ wird hier von zahlreichen eifrigen Hilfsrobotern bevölkert.
Superman selbst wird solide von David Corenswet (TWISTERS) verkörpert, der dem Helden passenderweise absolut keinen echten Charakterzug gibt, Superman ist so glatt, dass ihn auch eine KI hätte spielen können, no offense, David. Auch Nicholas Hoult als Lex Luthor ist eine Enttäuschung. Gefangen zwischen zwei Gefühlsausdrücken – hämisch und wütend – beschränkt sich seine Schauspielerei in der Hauptsache darauf, seinem Team von Button-Smashern wild gestikulierend Zahlenkombinationen zuzurufen, mit denen diese die Prügelmaschine „Ultraman“ im Kampf gegen Supie fernsteuern. Ein kleines süßes Highlight ist Superhund „Krypto“, doch auch sein One-Note-Gag der übermütigen Verspieltheit hat sich ziemlich schnell ausgespielt. Rachel Brosnahan projiziert ihren „Mrs. Maisel“-Charakter in ihre Rolle als Lois Lane – ein sympathisches Plappermaul, gestraft mit einem Pseudo-Postpunk-Look, der lediglich über ein paar Dialogzeilen und eine Spotify-Playlist erklärt wird.
Apropos: Eines der beliebtesten Markenzeichen Gunns, die nach etwas in Vergessenheit geratenen Popsongs durchchoreographierten Kampfszenen, wird hier leider nur höchst spärlich eingesetzt – es gibt nur eine entsprechende Sequenz und auch in dieser glänzt Superman durch Abwesenheit.
An seine Stelle treten auffällig häufig mal wieder die Outsider: Gunn-Spezi Nathan Fillion führt mit fürchterlichem blondem Topfschnitt als „Green Lantern“ die „Justice Gang“ (Name tbd) an, die durchweg die interessanteren Actionszenen bekommen. So manche Szene wirkt daher wie eine Deleted Scene aus THE SUICIDE SQUAD oder, schlimmer, PEACEMAKER (der natürlich auch einen Gastauftritt hat).
Fazit: Der neue SUPERMAN wird vermutlich weder Supie- noch James Gunn-Fans so richtig glücklich machen. Es macht durchaus Speß, Zeit mit einigen der Nebenfiguren zu verbringen. Doch statt auf Emotion setzt der Film auf Pathos und die Prügeleien zwischen Super- und Ultraman erinnern ungut an Zack Snyders SUPERMAN V. BATMAN. Und die Story, in der Luthor einen „fiktiven“ osteuropäischen Staat mit Waffenlieferungen bei der Invasion eines hilflosen Nachbarlandes (das auf der Bildebene vor allem durch alte Menschen und Kinder repräsentiert wird) unterstützt, ist schlichtweg platt.
Es bleibt interessant, zu sehen, wo Gunn das DCU hinführen wird. Denn nach dem beachtlichen Box Office-Ergebnis am Startwochenende, das weltweit schon fast das Budget wieder einspielte, wird SUPERMAN bereits als Hit gehandelt.