Ein bisschen Hiebe, ein bisschen (mehr) Liebe
Nachdem Zack Snyder eher für Spaltung mit maximal durchschnittlichen Filmen und Visionen gesorgt hat, ist nun James Gunn bei DC am Ruder, der vom Style und seiner Herangehensweise kaum gegensätzlicher sein könnte. Und natürlich bzw. passenderweise startet er mit dem Hoffnungsschimmer dieses Comickosmos' überhaupt: „Superman“! Und er wirft uns direkt Hals über Kopf nach Metropolis in das Spektakel, wenn dieser verletzlichere und jüngere Mann aus Stahl recht frisch im „Dienst für die Menschheit“ zwischen Erzfeinden, Länderkonflikten, Selbstzweifeln, Kaijus und weiteren Metawesen sowie Comicschnipseln seinen Weg finden muss…
In Gunn We Trust
James Gunns „Superman“ fühlt sich an, als lese man zum ersten Mal „All-Star-Superman“, „Kingdom Come“ oder „Superman - For All Seasons“. Und ein größeres Kompliment kann man ihm kaum geben! Das ist immerhin Hochadel im Kosmos des berühmtesten Kryptonier. Und „Superman“ (2025) ist genau der Superman, den die Welt momentan braucht! Genau der Superman, den dieser Kinosommer braucht! Genau der Superman, den man nach dem auslaugenden Snyderverse braucht! Und genau der Superman, den DC und Warner momentan brauchen zum Start ihres neuen Kinouniversums! Er ist sicher nicht perfekt. So können Neueinsteiger und Nicht-Comicnerds eventuell etwas überfordert werden. Man wird schon mutig mitten rein in ein fertiges Universum geworfen (wie es oft eben auch bei einem unbekannten Comics ist!). Man muss mit Gunns Humor, Tierliebe, Sentimentalitäten und Sprunghaftigkeit klarkommen. Er fährt echt eine Menge Nebenfiguren auf, einige auch nahezu belanglos, austauschbar und weird. Manchmal meint man vielleicht gar sich eher in einer epischen Doppelfolge aus dem Arrowverse zu befinden. Und in Sachen Action und Spektakel ist das sicher nicht allzu kreativ oder atemberaubend, vielleicht sogar unter „Man of Steel“. Außerdem finde ich den reinen Look, das Bild, etwas sehr clean, aufgebläht und sauber. Ein bisschen mehr Textur hätte da nicht geschadet. Aber das ist Geschmacksache. Und trotzdem: dieser „Superman“ macht einfach Freude, gute Laune, Hoffnung! Er ist genau das, was ich mir unter Superman vorstelle. Wie ich ihn seitdem ich denken kann kenne und schätze (und überhaupt nicht langweilig finde!). Krypto und Mr. Terrific sind bockstarke Ergänzungen. Der Blick auf Clarks Familie(n) (ja, inklusive süss-betrunkener Cousine!) ist sehr erfrischend. Lex Luthor (trotz seltsamen Kampfkommandos!) und Guy Gardner (trotz übelster, comicakkurater Frisur!) brillieren. Und der Film tanzt recht gekonnt auf mehreren Hochzeiten ohne je zu sehr Herz, Leidenschaft und Kern der Sache zu verlieren. Man ist gespannt auf mehr aus diesem Kosmos. Ich kann’s kaum erwarten. Der klassische und doch clever modernisierte Score pfeffert gekonnt per Gitarrenriffs Gänsehaut auf den Arm. Gunn baut mal nicht zu viele populäre Songs aus seiner Plattensammlung ein. Clark und Lois haben eine exzellente, glaubhafte und knisternde Chemie. Intro und Outro in ihrer 80s-Retrooptik sind spitze. Und die herzlicheren, emotionaleren Ziele und Payoffs haben gut genug gewirkt. Daher verging dieser Kinobesuch wirklich wie im Flug. Und Corenswet ist ein super Superman/Clark Kent!
Fazit: genau der „Superman“, den die Welt momentan braucht - hoffnungsvoll, bunt, herzlich, spaßig, nerdig und alles andere als unantastbar. Ein strahlender Allstar-Remix wie er im Comicbuche steht! Wenn auch eventuell wenig für Neueinsteiger und Gelegenheitsgucker. Und mit sehr vielen Nebenkriegsschauplätzen, bei denen gerade aktuelle weltpolitische Parallelen irritieren können. Trotzdem der beste Superman seit 45 Jahren!