James Gunns Neubeginn für den Mann aus Stahl
Es gibt wenige Figuren in der Popkultur, die so stark im kollektiven Bewusstsein verankert sind wie Superman. Der „erste Superheld“ ist mehr als nur eine Comicfigur: er ist ein Archetyp, ein Mythos, ein Symbol für Hoffnung und Gerechtigkeit. Doch gerade deswegen ist es so schwierig, ihn im Kino neu zu erfinden. Seit Richard Donners Klassiker aus den späten 70ern und Christopher Reeves ikonischer Verkörperung schwebt die Figur wie ein unerreichbares Ideal über der Kinolandschaft. In Man of Steel verpasste Zack Snyder dem Charakter eine radikale, moderne Interpretation – düster, monumentalisierend, beinahe sakral. Für die einen war das eine Offenbarung, für die anderen eine Entfremdung. Für mich persönlich war Snyders Vision absolut überragend: roh, kraftvoll, episch. Er machte aus Kal-El keinen strahlenden Messias, sondern einen gequälten Gottessohn, hin- und hergerissen zwischen Herkunft, Verantwortung und einer Welt, die ihn nie ganz akzeptieren würde.
Danach folgte ein Jahrzehnt voller Brüche, Rückzieher, Neuansätze. Doch diese Ära - eine Ära, die Fans spaltete, Debatten anfachte und das Kino für eine ganze Weile mit ihrem pathetischen Bombast bestimmte - ist nun Geschichte. Das „Snyderverse“ liegt hinter uns, und nach einer Phase der kreativen Orientierungslosigkeit hat Warner die Schlüssel des DC-Universums James Gunn übergeben. Gunn, der Marvels Außenseiterbande Guardians of the Galaxy zu Kultfiguren machte und mit The Suicide Squad schon DCs anarchische Seite bedient, soll nun das Steuer neu justieren und das DCU auf Kurs bringen. Seine erste große Aufgabe: Superman. Ein Neubeginn, ein Aufbruch, ein Statement. Und ja, dieser Film ist anders. Anders als Snyder, anders als Marvel, anders als die oft tonlosen Mischungen, die Warner in den letzten Jahren in die Kinos schickte. Gunn wagt es, den Mythos Superman neu zu denken, ihn in ein Licht zu stellen, das gleichzeitig vertraut und neu wirkt. Und doch: So groß die Euphorie bei mir in manchen Szenen war, so sehr blieb ein kleiner Funke unausgesprochen, als ich nach dem Abspann das Kino verließ. Es war ein Erlebnis, aber nicht die Vollendung.
Zack Snyders Man of Steel war eine wuchtige Machtdemonstration, ein brodelndes Gedicht in Grautönen, wo jeder Kameraschwenk das Gewicht der Welt auf Supermans Schultern demonstrierte. Gunns Superman dagegen ist das Gegenteil: leichter, zugänglicher, freundlicher. Die Kameraarbeit ist heller, die Farbpalette wärmer, die Dialoge weniger pathetisch. Superman ist hier weniger ein Messias, sondern vielmehr ein Mensch mit Superkräften, der versucht, seinen Platz in einer widersprüchlichen Welt zu finden. Der Film ist durchzogen von einem Ton, der klar signalisiert: Das DCU soll nicht länger ein düsteres Abziehbild von Nolans Dark Knight-Trilogie sein, sondern eine eigene Identität entwickeln. Es soll Hoffnung verbreiten und die Zuschauer emotional mitreißen. Und dieses Ziel erreicht Gunn über weite Strecken – wenn auch nicht ohne Makel.
Der Mensch hinter dem Mythos
Die vielleicht wichtigste Entscheidung des Films liegt in seiner Besetzung. David Corenswet ist ein Geniestreich. Mit physischer Präsenz, natürlicher Wärme und einem fast klassischen Charisma gelingt es ihm, die Figur gleichzeitig als Symbol und als Mensch erfahrbar zu machen. Sein Superman ist weniger ein entrückter Halbgott, sondern ein Held, der seine Rolle reflektiert, der zweifelt, der die Bürde seiner Verantwortung spürt. Corenswet bringt eine Balance aus Güte, Idealismus, Stärke und Empathie auf die Leinwand, die sofort funktioniert.
Doch so stark der Superman-Anteil ist, so schmerzlich vermisse ich die andere Hälfte der Figur: Clark Kent, der Mensch hinter der Ikone, bleibt fast unsichtbar. In Gunns Version bleibt Supermans Alltag fast vollständig ausgespart. Das Leben in Smallville, die Verkleidung mit Brille und Anzug, das journalistische Doppelleben im Daily Planet – all das taucht nur in Andeutungen auf. Gerade diese Dualität, das Spiel zwischen Gott und Mensch, Held und Normalo, war immer der faszinierendste Aspekt der Figur. Gunn entscheidet sich, den Fokus klar auf den Superhelden zu legen – und das funktioniert, macht die Figur aber auch ein Stück weit flacher.
Rachel Brosnahan als Lois Lane ist ein Volltreffer. Sie bringt genau die Mischung aus Witz, Intelligenz und Entschlossenheit mit, die die Figur seit jeher auszeichnet. Ihre Chemie mit Corenswet wirkt organisch, ohne jemals in platte Romantik abzudriften, es knistert ohne kitschig zu sein. Lois ist hier nicht nur eine Reporterin im Schatten des Helden, sondern eine treibende Kraft der Handlung. Sie ist investigativ und strahlt eine Energie aus, die perfekt zu Superman passt.
Was Nicholas Hoult hier als Lex Luthor abliefert, ist nichts weniger als eine Sensation. Er liefert die wohl nuancierteste, spannendste Verkörperung des Charakters, die es je auf der Leinwand gab. Man spürt vom ersten Moment an, dass Hoult in dieser Rolle aufgeht. Es gelingt ihm, den Charakter neu zu definieren, ohne sich von seinen klassischen Eigenschaften zu lösen. Sein Luthor ist brillant, gefährlich, charmant und zutiefst unberechenbar, fernab von Cartoon-Bösewicht oder Karikatur. Hoult spielt ihn als Mann, dessen Intellekt scharf wie ein Messer ist, dessen verletzter Narzissmus aber jederzeit in destruktive Raserei umschlagen kann. Er liefert hier die wahrscheinlich beste Performance seiner Karriere – und hebt Lex Luthor auf eine neue Ebene. Ich würde fast sagen: So spannend war der Gegenspieler seit Heath Ledgers Joker nicht mehr.
Action wie ein Orkan
Inszenatorisch ist Superman über alle Maßen erhaben, der Film ist ein Spektakel sondergleichen. Gunn beweist ein unglaubliches Gespür für Rhythmus und Dynamik. Die Action-Sequenzen sind nicht nur groß, sie sind monumental – und dabei niemals unübersichtlich. Sie sind Choreografien, die sich wie fließende Bewegungen anfühlen. Jede Szene hat eine klare Struktur, eine Wucht, die nie ins Chaos abdriftet. Jede Bewegung, jeder Schlag, jeder Flugstoß wird mit einer kinetischen Energie eingefangen, die den Zuschauer regelrecht aus dem Sitz hebt. Die Kamera folgt Superman mit einer Eleganz, die gleichzeitig Kraft und Leichtigkeit spüren lässt und wenn er durch Metropolis rast, Wolkenkratzer erzittern und Lichtblitze den Himmel zerreißen, dann ist das pures Kino – Spektakel im besten Sinne. Dabei verzichtet Gunn auf den hyperrealistischen, fast dokumentarischen Stil eines Zack Snyder und entscheidet sich für eine dynamische, fast schon comichafte Energie. Es wirkt bunter, leichter, aber nicht weniger beeindruckend. Doch es sind nicht nur die großen Momente, die begeistern. Auch in den ruhigeren Szenen zeigt Gunn Gespür für Rhythmus und Bildsprache.
Ein weiterer Triumph ist der Score. Das neue Hauptthema ist intensiv, strahlend und sofort einprägsam – ein musikalisches Statement, das den Film trägt und den Charakter neu definiert. In Momenten der Action ist der Score wild, explosiv, fast körperlich spürbar. In den stilleren Szenen dagegen entfaltet er eine Zärtlichkeit, die den Figuren Tiefe gibt. Die Musik war für mich einer der größten emotionalen Anker des Films.
So sehr mich der Film begeistert hat, so bleibt doch am Ende dieses kleine „aber“. Denn trotz all dieser Stärken bleibt am Ende der Eindruck, dass Superman nicht die vollständige Erfüllung ist, die man sich erhofft hatte. Vielleicht lag es daran, dass der Film zu sehr damit beschäftigt war, das Fundament eines neuen DCU zu legen. An manchen Stellen schimmern Foreshadowings und Anspielungen durch, die mehr wie Pflichtübungen wirken als organische Teile der Geschichte.
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Gunn weniger wagt. Sein Superman ist sicherer, gefälliger, mainstreamiger. Er will niemanden vor den Kopf stoßen, sondern möglichst viele Zuschauer abholen. Das gelingt, aber es verhindert auch, dass der Film in ganz neue Höhen aufsteigt. Während Snyder das Publikum polarisierte, aber damit eine tiefe emotionale Resonanz erzeugte, bleibt Gunn in einem sicheren Fahrwasser. Hinzu kommt das Defizit in der Darstellung von Clark Kent. Ohne den menschlichen Gegenpol bleibt der Held trotz aller Wärme eine fast ausschließlich mythische Figur. Dieser Mangel an Erdung verhindert, dass der Film die letzte emotionale Tiefe erreicht. Gunn hat ohne Frage das Ruder herumgerissen, doch der letzte Funke, der wirklich alles entzündet und mich völlig weggeblasen hätte, ist nicht ganz übergesprungen.
Fazit
James Gunns Superman ist kein perfekter Film, aber er ist ein großartiger Neuanfang. Er zeigt, dass DC bereit ist einen neuen Kurs für das DCU einzuschlagen, dass Hoffnung wieder Teil seiner DNA werden kann. David Corenswet verkörpert den Helden mit Strahlkraft, Rachel Brosnahan brilliert als Lois Lane und Nicholas Hoult spielt einen Lex Luthor, der Maßstäbe setzt. Inszenatorisch und musikalisch ist der Film eine Wucht, die Action atemberaubend, die Bildsprache packend, der Score ein Triumph. Und doch bleibt ein kleiner Schatten: Gunns Superman ist ein Held, der begeistert – aber er bleibt ein wenig zu glatt, zu sehr darauf bedacht, allen zu gefallen, anstatt der Figur emotionale Tiefe und mythische Größe zu verleihen
Unterm Strich ist Superman ein fulminanter, mitreißender, handwerklich exzellenter Film – und doch einer, der nicht ganz den Sprung in die cineastische Stratosphäre schafft. Er ist ein hervorragender Auftakt für das neue DCU, ein Signal der Hoffnung – genau wie sein Held. Doch die metaphysischen Höhen, die Snyder einst ansteuerte, bleiben dieses Mal unerreicht. Superman fliegt wieder. Nur etwas tiefer, als er könnte.