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Wenn Eleganz zur Waffe wird

Willkommen zurück im John-Wick-Universum – diesmal mit Ballettschuhen statt maßgeschneidertem Anzug, aber genauso viel Wucht hinter dem Tritt. „From the World of John Wick: Ballerina“, inszeniert von Len Wiseman, schwingt das Tanzbein zwischen gnadenloser Action und graziler Eleganz – und liefert ein Spin-off, das sich erstaunlich selbstbewusst zwischen Hochglanz und Härte bewegt. Wir wussten, dass das John-Wick-Universum groß genug ist, um mehr als nur einen eleganten Auftragskiller zu beherbergen. Doch dass ausgerechnet Ana de Armas – die ohnehin aussieht, als könne sie einem Schurken mit einem Augenaufschlag das Herz brechen und mit einem Roundhouse-Kick den Schädel spalten – diese Bühne betritt, ist ein Glücksfall. Schon in ihrer kurzen, aber eindrucksvollen Szene in „Kein Zeit zu Sterben“ hat sie gezeigt, dass sie Action nicht nur spielen, sondern leben kann. Und hier? Da bekommt sie endlich den Raum, in dem sie nicht nur mit den Fäusten, sondern auch mit Präsenz, Timing und einem ganz eigenen, körperlichen Ausdruck brillieren darf.

Von Anfang an macht Ballerina klar: Das ist kein Abklatsch, kein müder Spin-off-Versuch, sondern eine Erweiterung des Wick-Mythos mit eigenem Ton. Die Welt ist dieselbe – diese stilisierte Unterwelt zwischen Luxus und Leichenbergen, zwischen Etikette und Exekution –, aber die Perspektive ist neu. Hier ist nicht der schweigsame, vom Schicksal gezeichnete Killer am Werk, sondern eine Frau, die tanzen musste, bevor sie töten lernte. Die Handlung knüpft lose an die Ereignisse von „John Wick: Kapitel 3 – Parabellum“ an: Eine junge Attentäterin namens Eve Macarro (Ana de Armas), die in der geheimnisvollen „Ruska Roma“-Ballerina-Schule ausgebildet wurde, macht sich auf den Weg, um den Tod ihrer Familie zu rächen und mit Blei und Blut Gerechtigkeit zu suchen. Klingt bekannt? Ja. Ist bekannt. Aber auch vertraut schön. Mehr braucht es in diesem Universum eigentlich nicht. Ballerina verwebt die bekannten Elemente – geheime Auftragskiller-Gilden, stilisierte Gewalt, sakral überhöhte Unterwelten – zu einem Spin-off, das sich nicht in Mythologie verliert, sondern die Fackel der Saga elegant weiterträgt. Was der Film in Sachen emotionaler Tiefe und erzählerischer Finesse vermissen lässt, kompensiert er mit Drive, Tempo und einem unbändigen Willen, zu unterhalten. Es ist ein Revenge-Movie mit Muskeln, Glitzer und einem kleinen Schuss Melancholie – ein bisschen „Wick“, ein bisschen „Black Swan“, eine Prise „Atomic Blonde“. Zugegeben: die Story fesselt weniger als die persönliche Tragödie von John Wick, der um Liebe, Verlust und Erlösung kämpfte. Ballerina wirkt eher wie eine „John Wick Light“-Version – aber eine ziemlich gut gemixte, eiskalt servierte und trotzdem scharf abgeschmeckte.

Das Drehbuch von Shay Hatten, der schon bei John Wick: Kapitel 3 und 4 mitgeschrieben hat, weiß genau was es will – und was nicht. Es will keine Charakterstudie sein. Es will knallen, schneiden, rauschen. Und das tut es. Die Dialoge sind reduziert, oft fast lakonisch, dafür umso pointierter. Wenn Eve spricht, dann mit den Augen – und mit der Faust. Dass ihre Figur nicht viel inneren Konflikt zeigt, ist schade, denn Ana de Armas könnte emotional mehr. Sie spielt großartig, aber das Drehbuch gibt ihr wenig Gelegenheit, über den körperlichen Ausdruck hinauszugehen. Es ist eine besondere Art von Schauspiel: wortarm, aber ausdrucksstark, brutal, aber präzise. Eine Frau mit Mission, aber ohne viel Vergangenheit. Aber hey – wer braucht Shakespeare, wenn er Eis, Blut und High Heels in einem Take haben kann? Ana de Armas ist nicht einfach ein weiblicher John Wick – sie ist seine Variation, nicht seine Kopie. Wo er wortkarg, schwer und mythisch wirkt, ist sie agil, expressiv, fast verspielt. Sie bringt eine neue Energie in diese Welt, eine Art tödliche Leichtigkeit, die man so in der Reihe noch nicht gesehen hat.

Ein Tanz aus Blut und Präzision

Wiseman schafft eine Atmosphäre, die gleichzeitig vertraut und neu ist. Das John-Wick-Universum war schon immer eine Mischung aus noiriger Eleganz und barocker Brutalität – Ballerina erweitert diese Palette um eine feminine Note. Statt endloser Neon-Nächte in New York gibt’s hier gefrorene Seen, neblige Wälder und verwinkelte Trainingshallen, in denen Schmerz und Schönheit Hand in Hand tanzen. Das Licht ist kalt, die Farben stilisiert, der Regen fällt wie in Zeitlupe. Ein besonderes Highlight ist Hallstatt – das pittoreske österreichische Bergdorf, das sonst Touristen aus aller Welt mit Postkartenidylle lockt, wird hier zum Schauplatz eines finalen Blutballetts. Zwischen verschneiten Dächern, alpenländischem Glockenklang und peitschendem Adrenalin entfaltet sich eine ganz eigene Stimmung: fremd, kalt, beinahe sakral.

Und natürlich knallt es. Ballerina ist, wie es sich für ein Kind des Wick-Universums gehört, ein choreografiertes Chaos: brutal, roh, hyperästhetisch. Von Handkanten über Schusswechsel bis hin zu Nahkämpfen, die aussehen, als wären sie direkt aus einem Albtraum von Tschaikowsky entsprungen – das Adrenalinlevel bleibt konstant hoch. Zwar erreicht Ballerina nicht ganz die fast mythische Intensität und brutale Wucht der besten Wick-Momente, aber was Ana de Armas hier leistet, ist schlicht phänomenal. Da, wo Keanu Reeves mit stoischer Ruhe durch Kugelhagel spaziert, tanzt sie mit geschmeidiger Grazie durch Klingenregen. Ballerina will kein Abklatsch sein, sondern eine Variation des Themas. Und das gelingt. Die Action ist wild, hart, brutal, wie man es aus dem Wick-Kosmos kennt, aber auch verspielt, fast artistisch. Len Wiseman hat ein Faible für Tempo und klare visuelle Linien. Schon in Underworld zeigte er, wie gut er Dunkelheit in Szene setzen kann. Hier perfektioniert er das: kühle Farbpaletten, präzise Kamerabewegungen, elegante Übergänge zwischen Close-ups und Weitwinkelpanoramen. Er nimmt die bekannte Bildsprache der Wick-Reihe – das Neon, die Schatten, den stilisierten Schmerz – und übersetzt sie in ein weiblicheres, eleganteres Register.

Fazit

„From the World of John Wick: Ballerina“ ist ein elegantes, präzises und erstaunlich eigenständiges Spin-off. Ein Film, der weiß, was er will: Schönheit in Bewegung, Gewalt als Choreografie, Stil als Haltung. Ana de Armas ist eine Wucht – elegant, gefährlich, unwiderstehlich. Die Action ist roh, präzise und teils spektakulär neu erfunden. Die Schauplätze sind grandios, die Kameraarbeit brillant, der Score treibend. Ein Fest für Fans stylischer Gewalt mit ästhetischem Anspruch. Natürlich, die Story könnte packender sein, die Charaktertiefe größer, die Emotionen spürbarer. Im direkten Vergleich zu John Wick fehlt das letzte Quäntchen Schwere, dieser mythische Sog, der Reeves’ Odyssee so besonders machte. Vielleicht ist Ballerina am Ende eine „John Wick Light“ – aber sie tanzt mit genug Wucht, um ihre eigene Spur im Schnee zu hinterlassen. Kein Abklatsch, sondern eine Hommage, eine Variation, eine tödliche Pirouette. Ein Spin-off, das beweist, dass man auch mit High Heels tödlich elegant sein kann.

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