Mit der ursprünglichen „Fear Street“-Trilogie hatte Netflix drei verzahnte Slasher nach Motiven von R.L. Stine als Streaming-Event programmiert und sich mit dem Ende die Option auf Sequels offengelassen. Mit „Fear Street: Prom Queen“ wird die Option vier Jahre später gezogen, wenn auch nicht direkt auf dem Ende von „Fear Street: 1666“ aufbauend.
Denn der vierte Teil spielt im Jahr 1988, also vor dem Sieg über den Serienkillerfluch. Die Referenzen auf die Vorgänger halten sich allerdings in Grenzen: Hier mal ein „Sarah Fier Lives“-Spruch auf der Schultoilette, dort eine Gedenkstätte für die Opfer des Camp-Nightwing-Massakers aus „Fear Street: 1978“. Ansonsten ist „Fear Street: Prom Queen“ komplett autark und hat sich mal wieder ein beliebtes Horror- bzw. Slasher-Setting ausgesucht: Die Highschool, mit besonderem Fokus auf den Abschlussball, das kennt man aus „Carrie“ und natürlich „Prom Night“. Als Kandidatin für den Titel der Prom Queen hat sich auch Lori Granger (India Fowler) aufstellen lassen, die allerdings eine Außenseiterin ist. Vor allem, da man sich an der Schule die Geschichte erzählt, dass ihre Mutter ihren Vater kurz deren Abschlussball umgebracht habe. Mama wurde zwar freigesprochen, aber das hält die Gerüchteküche und die Verdächtigungen nicht auf, gerade im Highschool-Film.
Wobei die fünf Konkurrentinnen eh nicht ohne sind. Da ist zum einen das vierköpfige Wolfpack um Queen Bitch Tiffany Falconer (Fina Strazza), mit ihrer Gefolgschaft: Schlaukopf Linda Harper (Ilan O‘Driscoll) ist zum Abschreiben-Lassen da, Oberzicke Debbie Winters (Rebecca Ablack) zur verbalen Vernichtung von Feinden und Melissa McKendrick (Ellan Rubin) zur Dauerbestätigung der Schulkönigin. Das herrische Wolfpack ist aber nicht nur beliebt, weshalb dem Bad Girl Christy Renault (Ariana Greenblatt) ebenfalls gute Siegeschancen zugesprochen wird. Das Wolfpack erinnert stark an die titelgebende Clique aus dem Eighties-Miniklassiker „Heathers“, eine schwarze Satire mit Mörderplot und leichten Horror-Vibes.
Während die Prom Night, zu der Lori mit ihrer besten Freundin Megan Rogers (Suzanna Son) in Ermangelung eines männlichen Dates geht, ansteht, scheint es aber eine Person zu geben, die mit unlauteren Mitteln die Wahl beeinflussen möchte: Ein maskierter Killer ermordet die Prom-Queen-Kandidatinnen eine nach der anderen…
Noch weniger als die drei Vorgänger ist „Fear Street: Prom Queen“ ein Meta-Horrorfilm, sondern eher eine Retro-Hommage an das Schlitzerkino, dessen güldenes Jahrzehnt man sich auch gleich als Schauplatz ausgesucht hat. 1988 war der große Slasher-Hype freilich vorbei, weshalb im örtlichen Kino „Miracle Mile“ und „Phantasm II“ laufen, Horrorfan Megan hat ein Poster von Lucio Fulcis „Woodoo – Schreckensinsel der Zombies“ an der Wand, aber Setting und Style atmen klassische Slasher-Vibes. Die Inszenierung ist bewusst retro, verzichtet auf den Neon-Look anderer Eighties-Hommages, wirkt also nicht wie ein Musikvideo jener Ära, sondern eher wie ein Slasherfilm der Zeit, wie man ihn damals im Kino oder in der Videothek vorfand. Das Abschlussball-Setting ist ein Vorteil für den Film, denn der Klangteppich besteht mal wieder aus einem Best of von Songs der Ära, darunter „Rebel Yell“ von Billy Idol, „Self Control“ von Laura Branigan, „Hungry Like the Wolf“ von Duran Duran und „Never Gonna Give You Up“ von Rick Astley, aber das wäre ja genau die Musik, die während einer damaligen Prom Night gespielt worden wäre, wodurch dies weniger aufdringlich wirkt als in der vorigen Trilogie.
Leigh Janiak, Regisseurin und Co-Autorin der Vorgänger, ist hier nur noch als Produzentin an Bord, stattdessen übernahmen Matt Palmer als Regisseur und Co-Autor sowie Donald McLeary als Co-Autor. Dieses Mal übernahm man nicht nur das Setting des verfluchten Örtchens Shadyside aus den Vorlagen von R.L. Stine, sondern basierte den Film auf dem gleichnamigen „Fear Street“-Buch – allerdings nicht als Young-Adult-Murder-Mystery im Sinne der Vorlage. Stattdessen wird hier das Creative Killing des Slasherfilms groß geschrieben, die Opfer werden enthauptet, via Stromschlag gegrillt oder um ihre Gedärme erleichtert. Das hat teilweise schwarzen Humor, etwa wenn der Killer einem Opfer die Hände mit einem Papierschneider abtrennt, dieses fliehen möchte, aber in Ermangelung der entsprechenden Gliedmaßen keinen Türknauf mehr drehen kann. Das ist ziemlich blutig und flott gemacht, wenn auch nur hin und wieder spannend, da der Opferreigen etwas vorhersehbar ist: Wenn eine Prom-Queen-Kandidatin alleine nach Hause läuft oder mit ihrem Boyfriend in den Keller geht, dann ist relativ klar, wer dort auf sie wartet. Erst gegen Ende gibt es den einen oder anderen Überraschungs-Kill, wenn sich der Opferkreis erweitert – zumindest eine Todesszene kommt reichlich unerwartet.
Man muss auch kein Genie sein, um zu ahnen, wer wohl als finale Prom-Queen-Kandidatinnen übrig bleibt, aber immerhin ist der Weg dahin mit ordentlich Mordverdächtigen gesät. Vielleicht will eine Kandidatin die Konkurrenz nachhaltig beseitigen. Vielleicht sind es auf übereifrige Unterstützer – Tiffany hat beispielsweise ihre ehrgeizigen Eltern Nancy (Katherine Waterston) und Dan (Chris Klein) sowie ein devotes Speichellecker-Pärchen in ihrer Ringecke. Die streng religiöse stellvertretende Schulleiterin Dolores Brekenridge (Lili Taylor) und ihr ebenso religiöser, von den Bullys gehänselter Klemmi-Sohn empfinden große Teile des Prom-Treibens als strafenswerte Sünde. Tomboy Megan ist möglicherweise lesbisch, möglicherweise eifersüchtig, dass sich Lori für Tyler Torres (David Iacono) interessiert, möglicherweise auf ihre eigene Weise beschützerisch. Und einen Hausmeister gibt es auch – immer ein verdächtiger Beruf im Slasherfilm. Zumal die älteren Figuren ja auch den Tod von Loris Vater mitbekommen haben, vielleicht sogar eine Rolle darin spielten. Und aus der Vorgänger-Filmen kennt man ja noch den Shadyside-Fluch, der gänzlich unbedarfte Menschen zu Killern machen kann.
Im Gegensatz zu den Vorgängern ist „Fear Street: Prom Queen“ dann auch ein kompakter 90-Minüter, der zu großen Teilen während des Abschlussballs spielt und so räumlich und zeitlich verdichtet daherkommt, wie viele der Vorbilder aus den 1980ern. Die Charaktere sind teilweise Klischees, teilweise werden sie mit mehr Leben und Facetten gefüllt, was auch auf eine Nebenfigur wie Melissa zutreffen kann. Manche Figur erweist sich als freundlicher als erwartet, andere sind dagegen deutlich niederträchtiger – so ist nicht jedes Wolfpack-Mitglied mit seinem Platz in der Hackordnung zufrieden. Derweil wird das Personal flott, bisweilen auch etwas vorhersehbar definiert, ehe es zum ersten Showdown kommt – wobei der Film dann schon angeteasert hat, dass dies nicht das Ende sein kann. Der zweite Showdown hat dann tatsächlich noch die eine oder andere Überraschung sowie ein paar fiese Momente parat, sodass „Fear Street: Prom Queen“ das Slashergenre vielleicht nicht besonders clever reflektiert, aber immerhin mit einigem Pep am Leben erhält.
Dazu trägt auch die Besetzung bei, mit drei starken Jung-Aktricen in Hauptrollen: India Fowler als nettes Mädchen „from the wrong side of the tracks“, Fina Strazza als Oberzicke und Suzanna Son als sarkastisch-alternative beste Freundin machen einen sehr guten Job, sodass diese Figuren mehr als nur wandelnde Klischees sind. Katherine Waterston als zickige Mutter, Chris Klein als Lehrer-Daddy und Lili Taylor als gestrenge Vice Principal sind als bekannte Namen im Cast vertreten und leisten sehr guten Support, der Rest lässt auch keinen Grund zur Klage, wobei manche kaum mehr als Stereotypen sind – aber irgendwie passt das ja auch zum Retro-Konzept.
„Fear Street: Prom Queen“ hat weniger Ambitionen als seine Vorgänger, kann dafür aber auch weniger an seinen Ambitionen scheitern. So bleibt eine vielleicht nicht originelle, aber kompetente Eighties-Pastiche, ein Retro-Funslasher mit vorhersehbarer Opferreihenfolge, deftigen Kills und Figuren, die zwar Archetypen sind, aber teilweise mit Leben gefüllt werden. „Fear Street: Prom Queen“ ist vielleicht nur eine Sollerfüllung im Slasherfilm, aber eine relativ spaßige.