Motorradfahren ist Balsam für die Seele sagt Charley Boorman und ich glaube diesen Satz würden viele Biker unterstreichen.
Das gilt gerade dann, wenn das Ziel zur Nebensache wird (z.Bsp. auf einer Spritztour) oder wenn der Weg so lang ist (bei einem Roadtrip), dass das Ziel aus den Augen gerät und die Fahrt selbst zum Ereignis wird. Der Bezug und Zentimeternähe zur Straße, der Fahrtwind, die Landschaft, die man viel intensiver wahrnimmt und erlebt und der Hauch der Gefahr die man verspürt und verspüren sollte, die immer allgegenwärtig ist. Ein kleiner Fehler oder Unachtsamkeit kann unangenehme Auswirkungen in Form von Verletzungen oder sogar schlimmeres zur Folge haben.
Charley Boorman und Ewan McGregor haben wieder Bock in ihrer vierten Reise-Dokumentation zusammen mit dem Motorrad die Welt zu erkunden. Diese Mal startet die Reise in Schottland und führt über 17 europäische Länder( inklusive Nordkap, Nordsee, Baltikum und Alpen) und endet in England. Und man lässt es etwas ruhiger angehen anstatt globale Kontinente zu durchqueren was auch, wenn man die vorherigen Reisen kennt, mit teilweise großen Strapazen verbunden war. Wie sagt James Stewart in dem großartigen Film "Winchester 73" : Den wahren Schatz den man auf den gemeinsamen Reisen findet ist die Freundschaft. Und das sich hier zwei Menschen, die eine gemeinsame Leidenschaft teilen, gefunden haben, wird in den Folgen immer spürbar.
In der letzten Staffel "Long Way Up" ist man ganz umweltbewusst mit E-Motorrädern von Südamerika bis nach Los Angeles gefahren. Das aktuelle Problem bei E-Motorräder ist aber noch die begrenzte Reichweite( obwohl das Fahren mit einem E-Motorrad tierisch Spaß macht) und man musste ab ca. 150 km immer an entsprechende Ladestationen Energie tanken.
Dieses Mal wollte man die ständigen Unterbrechungen vermeiden und man hat sich für zwei Vintage Motorräder entschieden.
Ewan fährt mit einer alten Moto Guzzi Maschine von 1974 (Eldorado) während Charley sich für ein altes BMW Modell R75/5 entschieden hat. Das Problem ist natürlich das bei diesen alten Fahrzeugen auch mal das eine oder andere technische Problem auftreten kann, was aber auch Teil des Abenteuers ist.
Man könnte die Atmosphäre und Ästhetik dieser Dokumentation als ruhig und entschleunigt beschreiben. Fernab vom Alltagstrubel findet man Orte der Muße und man findet Raum die Landschafts- und Alltagsmomente zu genießen. Dies wird visuell wieder fantastisch eingefangen vom Stamm-Kameramann Claudio von Planta von dem man auch wieder einige private Einblicke gewährt bekommt.
Besonders die Bilder aus dem skandinavischen Raum, Dänemarks unzählige Inseln oder die norwegischen Fjorden bis zu den Landschaftsaufnahmen vom kalten Nordkap haben mich sehr begeistert und inspiriert auch einmal eine Reise in den nördlichen Gefilden zu unternehmen.
Auch mal spontan kleinere Zwischenstopps einzulegen um lokale Traditionen zu erleben sowie lebensnahe Begegnungen mit den Bewohnern um ein wenig die Landeskultur kennenzulernen oder in Polen sich ein Tattoo zu stechen gehören bei den Reisen auch mal dazu. Man nimmt die zwei Protagonisten auch als sehr geerdet wahr, man flachst herum, man ist auch mal schlecht gelaunt oder die kindliche Neugierde neue Dinge auszuprobieren machen sichtlich Spaß. Von Star-Eitelkeiten fehlt jede Spur. Zwei Typen zum Anfassen.
"Long Way Home" ist eine interessante, zärtliche und nachdenkliche Motorrad-Reisedokumentation mit Fokus auf Freundschaft, Familie, neue Menschen kennenzulernen und interessante Ortschaften zu erkunden. Mit viele Liebe, Humor und Authentizität haben die Produzenten und Regisseure David Alexanian und Russ Malkin mit ihrer Doku allen Bikern oder interessierten Zuschauern ein warmherziges TV-Erlebnis geschenkt.
Im Vergleich zu den anderen Staffeln mit den weltumspannenden Herausforderungen, wo fast jede Folge mit einem Cliffhanger endete, ist die vierte Staffel erheblich ruhiger und entschleunigter inszeniert. Ewan McGregor und Charlie Boorman haben sichtlich Spaß auf ihrem Trip und im Kontext zu den vorherigen Staffeln, es mal ruhiger angehen zu lassen, sei ihnen gegönnt.