Das Gewissen klopft
Am Grab seiner soeben verstorbenen Mutter erfährt Ali, das sein Vater die Mutter geschlagen hat, wohl mehr als einmal. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist ohnehin seit langem angespannt, der Patriarch lässt sich nichts sagen und untersagt der Familie sogar bei der Trauerfeier noch die Tränen. Hier haben wir es mit sehr verhärteten und komplizierten Familienverhältnissen zu tun und der Film verharrt lange in einem fast dokumentarisch gefilmten Familiendrama, bis in Ali die Zweifel an einem natürlichen Tod der Mutter wachsen.
Wir haben uns gerade auf einen Richtungswechsel des Films eingestellt, wenn wir Ali bei seinen Nachforschungen beobachten, als wir uns plötzlich in einem völlig unerwarteten Szenario wiederfinden. Es scheint, als hätten wir einige entscheidende Szenen übersprungen. Früher hätte man vermutet, dass wohl eine Filmrolle fehlt, doch im Zeitalter der digitalen Projektion greift diese Erklärung nicht. Regisseur Alireza Khatami nimmt uns gedanklich einfach eine mögliche Entwicklung des Films ab und transportiert uns gleich in die nächstmögliche Konsequenz. Und das ist nicht der einzige inszenatorische Trick, der dieses „Familiendrama“ komplexer macht, als es auf den ersten Blick (und im ersten Akt) scheint, auch wenn der nächste Coup Khatamis, der den weiteren Film maßgeblich bestimmen wird, aus einem bekannten filmischen Meilenstein übernommen wurde.
Nur so viel: Das Drama um Schuld und Sühne nimmt zunehmend metaphorische Züge an und die Aufgabe, die Ali als Professor seinen SchülerInnen stellt, was die Bedeutung von „to kill“ denn mit dem Begriff der „Translation“ zu tun haben möge, dürfen wir als Zuschauende mit nach Hause nehmen, um uns daran die Köpfe zu zerbrechen. Das Ende des Films jedenfalls, ein schönes „Bookend“ mit der Anfangsszene, ist richtig unheimlich – ob Metapher oder nicht.