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Seit einigen Jahren arbeitet sich Guillermo del Toro an den großen Klassikern und Motiven des Genres ab: nach dem Vampir (CRONOS, BLADE II) und der Gothic Ghost Story (CRIMSON PEAK), dem Schrecken vom Amazonas (THE SHAPE OF WATER) und den Carnival-Freaks (NIGHTMARE ALLEY) war es zuletzt die Frankenstein-Variante für Kinder, PINOCCHIO, und nun das Original: GUILLERMO DEL TORO’S FRANKENSTEIN. 

Es mag an der zu großen Ehrfurcht für die Vorlage gelegen haben, doch mit seiner Mary Shelley-Adaption hat del Toro nicht nur einen der aufwändigsten, sondern leider auch einen der langweiligsten und überraschungsärmsten Frankensteinfilme geschaffen. Zweieinhalb Stunden nimmt del Toro sich Zeit, um die Geschichte vom arroganten Schöpfer und seiner bemitleidenswerten Kreatur zu erzählen, wobei er lediglich in ein paar Details bezüglich der Figurenkonstellationen von Shelleys Werk abweicht und sich stattdessen an andere Adaptionen anlehnt. 

So wurde das Creature Design offenbar von den Zeichnungen des Comic-Künstlers Berni Wrightson inspiriert, deren Detailreichtum und Abgründigkeit hier jedoch in keinster Weise eine Entsprechung finden. Es mag daran liegen, dass der ursprüngliche Darsteller der Kreatur, Andrew Garfield (!) so kurzfristig vom Projekt zurücktreten musste, dass nur wenig Zeit blieb, das Makeup an Jacob Elordi anzupassen. 

Das Monster-Makeup ist jedoch einer der absoluten Schwachpunkte des Films: Wo eine Kreatur gezeigt werden soll, die in Kleinarbeit aus den Einzelteilen unterschiedlicher Menschen zusammengeflickt wurde, sieht man nun nur einen attraktiven (!) Muskelmann mit aufgemalten Narben, bei dem bis auf wenige Details alles perfekt zusammenzupassen scheint. 

Das zweite große Problem des Films ist die Motivation seiner Charaktere: Victor Frankensteins Getriebenheit, Leben schöpfen zu müssen, ist zu wenig nachvollziehbar. Sein Sponsor Harlander (Christoph Walz in einer üblichen Christoph Walz-Performance einer Figur, die im Roman nicht existiert) rückt mit dem wahren Grund für die Finanzierung des Projekts erst raus, als es schon viel zu spät ist. Und – am problematischsten – es bleibt unklar, warum sich Elizabeth (Mia Goth) vom ersten Augenblick an zu Frankensteins Kreatur hingezogen fühlt. 

Darüber hinaus sehen wir statt großartiger Bilder viel künstliche Kulisse, der Film ist keine Sekunde lang spannend und nur selten unterbricht die eine oder andere etwas brutale Szene den gemächlichen Erzählfluss. 

Man kann sich diesen FRANKENSTEIN gut an einem grauen Herbstsonntagnachmittag auf Netflix zu Gemüte führen, großes Kino sieht jedoch anders aus. Zum Beispiel so wie in MARY SHELLEY’S FRANKENSTEIN (1994) von Kenneth Branagh – nach wie vor eine der besten modernen Adaptionen des Romans.

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