Review

"Das Auge im Himmel soll die totale Kontrolle über den Einzelnen erschaffen, ihn aus der Menschenmenge herauspicken können und über jeden seiner Schritte Bescheid wissen. Am Besten noch im Voraus bestimmen können, was die Zielperson dann und dann mit Wem macht; ein Raster errichten, durch dessen engmaschiges Netz Niemand und schon gar kein Krimineller mehr durchschlüpfen kann. Den autoritären Präventionsstaat. Eine Hightech-Überwachungsphantasie, beizeiten vom Staat initiiert und längst zur Realität geworden. Eine vermeintliche Sicherheit für und gegen den Bürger, die letztlich nur Illusion sein kann und auch mit jedweger technologischen Flucht nach vorn immer wieder Zufälle und andere Schwachstellen aufweisen muss. Yau Nai-Hois Regiedebüt Eye in the Sky beschreibt im Einzelfall eine Prozedur von Observation und Paranoia. Als Film über weite Teile so stramm geschrieben und inszeniert wie eine aggressivere Manndeckung, mit wenig Risiko, manchen Errungenschaften und hier und da auch Defiziten und Widersprüchen."

~ Einleitung zu Eye in the Sky (2007)

"Inniges und trotzdem auf seine Weise selbständiges Remake des Hongkong - Thrillers Eye in the Sky (2007), welches als damaliges Regiedebüt und Einzelinszenierung des sonstigen Autoren Yau Nai-hoi, Ideenlieferant und Hausschreiber für Johnnie To, im Grunde recht wenig Aufmerksamkeit und Einfluss erregte. Eine theoretisch erneute Bebilderung desselben Geschehens, das hier schon vermehrt Punkt für Punkt mit nur kleineren Abweichungen und in technisch leicht besser gestellten Präzisierung übernommen wurde, erscheint auf den ersten Blick weniger sinnig und kommt von der Auswahl her auch überraschend im Motiv. Die Verlegung der Überwachungssituation vom beengten und verwinkelten HK zum vergleichsweise weiträumig breiten Seoul, passend gestellte Schauspieler und ein wenig mehr Aufwand in den (wenigen) Actionszenen macht die zweite Verfilmung des Skriptes von Yau und gleichst festen Partner Au Kin-yee trotz offenkundiger Treue zu einem weiterhin zugkräftigen, auch weiterhin nicht zum Nachdenken Anlass gebenden Sujet. Inklusive einer weiteren, da amüsanten Verbeugung gegenüber dem Vorbild samt Cameo von Simon Yam und der auch dort vorhandenen Andeutung eines Sequel."

~ Einleitung zu Cold Eyes (2013)

Nach mehreren Flops und mehreren Jahren Niederschlägen nicht nur seitens der zunehmend empörten bis verstörten Kritiker angesichts der zuletzt Chanschen Produktionen, und schlimmer noch aus dem Aus- und Fort- und Wegbleiben der Zuschauer an den chinesischen Kinokassen die vorübergehende Rückkehr des altgedienten Haudegens Jackie Chan an die Spitze der Hitliste und in die Aufmerksamkeit; angesichts früherer und anderer Erfolge zwar nur der Achtungshit mit einem geringfügen dreistelligen Einspiel (160 Mio. USD) gehalten, aber mit guten Rezensionen und Mund-zu-Mundpropaganda gesegnet. Chan, der hier die Regie, das Drehbuch und seine Inszenierung erneut in die Hände von Larry Yang legt, orientiert sich dabei und dies selten in seiner Laufbahn an den aktuellen und vergangenen Actionthriller, eine Disziplin, zu der vielleicht noch Kirk Wongs Vertreter Crime Story (1993) und mancherlei Momente vom ersten Police Story (1995), dem Nachzügler Police Story 2013 (2013) sowie mittig Shinjuku Incident (2009) gehören, die Gattung selber aber gerade in der Volksrepublik durch die Einheimischen populär und gefragt ist und zeitweilig auch durch die Kollegen von Hong Kong aus bestückt. Dabei wird sich speziell an Yau Nai-hois Regiewerk Eye in the Sky, eine Milkyway Produktion herangepirscht und diese auf ihre exaltierte Art und Weise adaptiert, eine Aufgabe, die sich zuvor schon der südkoreanische Cold Eyes und dies beinahe mit mehr Schwerpunkt und Achtung und Ausdehnung zu eigen gemacht hat, die hiesige Geschichte hat ähnliche Elemente, mancherlei Themen sind gleich, es ist und bleibt eine lose Quelle, mit anderen Stärken und Schwächen, mit eigenem Einfluss:

Macau. Die Polizei ist vergeblich hinter dem Gauner 'The Shadow", dem ehemaligen Intelligence Officer Fu Lang-Seng [ Tony Leung, der hier als tödliche Bestie porträtiert wird ] und dessen Adoptivsöhnen um u.a. Xi Wang, Xi Meng und Hu Feng her, wobei es den Behörden aber trotzdem gelingt, ein Bild des Fliehenden, zuvor gänzlich ein Mysterium darstellenden Mannes zu machen. Um diesem weiter auf die Spur und Schliche zu kommen, wird der sich eigentlich im Ruhestand befindliche Überwachungsexperte Wong Cho-Tak [ Jackie Chan ] zur Hilfe gerufen, der skeptisch gegenüber der modernen Technik ist und eine andere, bodenständige Herangehensweise bevorzugt. Dazu bildet er ein Team von Neulingen aus, darunter der jungen He Qiuguo [ Zhang Zifeng ], der er sich gegenüber auch schuldig fühlt.

Gehalten in einer metallenen, dort zwischen grau und schwarz und dunkelblau schwimmenden Optik, wird sich an der Konfrontation und dem vorherigen Katz-und-Mausspiel zwischen Chan und Leung entlang gestaltet, eine Herausforderung auch der Dramaturgie und der darstellerischen Umsetzung, die der rustikale Chan mittlerweile gewachsen ist und der sonst oft unterforderte Leung sowieso. Produziert von Hairun Pictures und iQiyi Pictures, einem großen Streamingdienst, aber eben mit vorherigen Kinoeinsatz wird sich hier an die modernen Kollegen gewandt, ein zeitgenössisches Abbild des Actionthrillers um allgewaltige und allgegenwärtige Überwachung, gerade im Überwachungsstaat China eigentlich ein Hohn; dazu ein rascher Einstieg bereits eines Verbrechens, welches zum Anlass genommen wird, den Staat selber gutzuheißen und ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Eine allgemein hochtechnisierte Akquise, schnelle Schnitte und stramm nach vorn, überall und nirgends die Kamera und ihre Einsichten, von nah und fern und dicht und dran, dazu der Abgleich mit den Computerbildern, ein "prepare to intercept", viel in der Observation. Der Polizeisstaat ist gefragt, mehr die Masse als der Einzelne, ein Fehler im System und in der Matrix, ein gelungenes Verbrechen, eine Täuschung auf dem Bildschirm. Anders als üblich ist der Film hier dem Fortschritt verpflichtet und dem zeitgenössischen Rhythmus, wird nicht die Tradition und die Vergangenheit und die Verniedlichung gesucht, wobei einige humoristische Momente nicht gänzlich fehlen, angesichts der vielen Raubzüge und ihrer bemühten Vereitlung oder gar Verhinderung aber untergehen. Mit Eleganz und gleichzeitig Gewalt wird dabei vorgegangen, der Film nimmt dies auf und verhält sich ähnlich, er geht erst vom Kriminellentum und später von den Gesetzeshütern aus.

Um Kryptowährung geht es, um die Firewall, um taktische Verbrechen und die Täuschung in der Visualität, um das Einhacken in fremden Computer und deren Manipulation, um Downloads und Uploads und dem permanent operanten Geldbestreben. "Suspects just left" als die Ansage, Flucht und Verfolgung, Warnung und Jagd, eine Agilität im Geschehen bevor der Erklärung, wird geprügelt und gesprintet, ein erster Nah- und Bodenkampf. Ausgetragen wird das flächenmäßige Schachspiel dabei erst von den jüngeren Akteuren, dem Nachwuchs in der edlen Szenerie, eine Schlägerei in der Vorhalle der Bank und weiterführend im Fahrstuhl, vielerlei Stunts und schnelle Aktionen. Dabei setzt man vieles, nicht alles im Handwerk um, gehören auch übertriebene Einlagen und die Formulierung mit Effekten aus dem PC hinzu, wirkt man zuweilen wie ein weiterer Streamingvertreter mit No-Names, vor allem eingangs sind die Ereignisse eher unübersichtlich für den Zuschauer, eine da noch fehlende Orientierung. Aufwand inklusive der ersten Hetzjagd durch Macau, einem bleihaltigen und explosiven Überfall auf das Polizeirevier durch Söldnertruppen, einem blutigen Exzess in einem verlassenen Waisenhaus gegen heranstürmende Hundertschaften, einem halbstündigen Showdown ist durchaus gegeben, viele Geschehnisse auch in der Öffentlichkeit und mit Massen der Gesellschaft als Statisten, ein erweitertes Prozedere, viel Ablenkung, Verstecken und Illusion. Aalglatt dabei die Szenerie, blankgewienert und aufpoliert, mit Songs angereichert und jugendlichem Rhythmus, eine Anpassung an die Sehgewohnheiten einer anderen, einer neuen Klientel, nicht die von Panda Plan (2024) und Co. Scheinbar käme der Film auch ohne Chan (und Leung, vom Originalfilm) aus, ersterer ist sowieso nicht von Anfang an zu entdecken, zudem wirkt er zuweilen aus dem Szenario hinaus erwachsen bzw. von diesem fern, was auch der Film so aufgreift und dies zur Diskussion stellt; wobei die Produktion Chan und seine Mechanismen durchaus mehrfach spiegelt, und honoriert und ihnen abermals als Verkörperung seiner selber und dies auch mit potentiellen Pointen und späteren Einflüssen, plus entsprechenden No Good Shots im Abspann installiert.

Ein Film mit Quervweisen von früher und dem Gang in das Hier und Heute gehalten, dem Sprung hinein fast, erst die Ablehnung, dann die Einladung, erst das Scheitern, dann die Überleitung und der Neuanfang, "you're Checking if I still got it", das Training und der Ernstfall, von der Strategie her ein Pilotfilm, von alt und neu die Überschneidung. Chan wirkt dabei nicht jünger, als er tatsächlich ist, muss er aber auch nicht mehr, er demonstriert hier seine Fähigkeit und sein Können beizeiten, im Spiel selber und in der Aktion, die sich ihm anpasst und seine Taktiken aufgreift. Die Inszenierungsmethoden sind dabei zuweilen hyperaggressiv und offensiv, gleichzeitig dünn und gewalthaltig, mit einer Vielzahl erst uninteressanter Nebenrollen; der ungeübte Zuschauer braucht doch und tatsächlich Chan und Leung als "eyes on the screen" - Orientierung. Anfänglich ein vermeintliches Fass ohne Boden, was trotzdem und dies auch angesichts seiner narrativen Ausdehnung und der ab und an spürbaren Substanz- bzw. Kritiklosigkeit an den Methoden nicht überläuft, bisweilen wäre Weniger oftmals besser gewesen als das ständige Mehr, trotz oder wegen der Eingliederung von Unbekannten und Bekannten und der späteren Fokussierung auf zwei Leuten an der Spitze, "coming out of retirement" als Basis, darauf eine A.I. Belastung, danach die Ereignisse. Das eingefügte Martial Arts dabei in der Mixed-Natur, flink und flott, blitzschnell in den Kombinationen, anfangs in der Vielzahl an Einstellungen auch mit leicht geringem als dem ehedem geplanten und erwarteten Einfluss. Dann wird der Old-School Anteil forciert, abermals die (sehr lange) Pilotfilmstruktur, die originäre Story, eine lokale Spezialität, die Zusage und das Training und die Ausführung. Leichtfüßig und gleichzeitig schwerlastig gehalten, nach vorne gehend und still auf der Stelle bleibend, eine Crime im Geschehen und in der Ausschweifung, mit Rückblenden und Ausschauen und "stay focused" - Bemühen, plus die "I'm old anyway" - Attitüde, die gebrochen wird und rationalisiert und rehabilitiert und realisiert, mit mancherlei Höhepunkten in der dramatischen und choreografischen Gestaltung, ein Jackie Chan - Film in der etwas anderen Inspiration, "no room for neglience", gut 1h Vorbereitung, die im Nachhinein wichtiger als währenddessen und in der schieren Eskalation des Ganzen ist.







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