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Kosmisches Familienalbum: Die Fantastic Four im Marvel-Rampenlicht

Nach Jahren, in denen Marvels „erste Familie“ nur als Fußnote des Superheldenkinos herumgeisterte – mal schrill, mal unfreiwillig komisch, nie wirklich kanonisch –, betreten Reed, Sue, Johnny und Ben nun endlich unter dem hauseigenen Banner die Bühne. Ein lautes, knalliges „Hier sind wir!“, verpackt in Spandex, Retrocharme und kosmischem Donnerhall. Schon Thunderbolts hatte zu Jahresbeginn einen überraschend soliden Pflock eingeschlagen und signalisiert: Das MCU atmet noch. Doch mit den Fantastic Four setzt Marvel ein Ausrufezeichen. Kein Spektakel, das alles in Grund und Boden stampft. Aber ein Film, der so stilsicher wie selbstbewusst verkündet: „Wir sind zurück. Und diesmal bleiben wir.“

Matt Shakman, der uns bereits mit WandaVision einen kunstvollen Blick hinter die bunten Vorhänge des MCU bot, durfte nun die „First Family of Marvel“ ins Kino bringen. Und ja, es fühlt sich genau so groß an, wie es sich anhören soll. Man erinnere sich an die mühsamen Anläufe früherer Fantastic-Four-Verfilmungen: überlange Expositionsschleifen, pseudowissenschaftliches Technobabble, das selbst Einstein ratlos zurückgelassen hätte. Shakman und seinen Drehbuchautoren gelingt jedoch das Kunststück, die komplette Origin der Fantastic Four in einer kompakten, unterhaltsamen und vor allem stilsicheren Eröffnung darzulegen. Kein unnötiges Herumgeeiere, keine 40 Minuten pseudowissenschaftliches Gebrabbel über kosmische Strahlen. Stattdessen: Zack – Unfall, Mutation, neue Kräfte, fertig ist das Tableau. Kurz, knackig, effektiv.

Das Drehbuch weiß, was es will: nicht die x-te Origin-Story für Zuschauer, die ohnehin längst wissen, was passiert, sondern ein sofortiges Etablieren des Status quo. Dadurch bleibt Platz für das, was diese Figuren wirklich ausmacht – ihre Beziehungen, ihr Streit, ihr Zusammenhalt. Kurz: ihre Familie. Von Anfang an glaubt man Reed, Sue, Johnny und Ben ihre Rollen ab. Man spürt, dass sie zusammengehören, dass sie eine Familie sind.

Retrofeeling mit Charakter

Der vielleicht größte Trumpf des Films ist sein Look. Während das MCU in den letzten Jahren zunehmend an digitaler Austauschbarkeit litt – man denke an sterile CGI-Kulissen und farblose Beliebigkeit –, wagt First Steps die Flucht nach vorn: oder besser gesagt, nach hinten. Retro lautet das Motto. Und das bedeutet nicht bloß ein bisschen Sepia-Filter oder nostalgische Anspielungen. Es ist eine Haltung. Die Kostüme zitieren mutig die ikonischen Blau-Weißen aus den Comics. Die Sets erinnern an klassisches Sci-Fi-Kino, ohne ins Pulpige zu kippen. Alles wirkt handfester, charaktervoller, weniger nach Greenscreen-Algorithmus und mehr nach künstlerischer Entscheidung. Das Ergebnis ist eine Atmosphäre, die sich klar vom Rest des MCU abhebt – ein eigener Kosmos, der sowohl vertraut wirkt als auch erfrischend anders. Es ist dieser Mut zur eigenen Farbe, zur Abgrenzung vom Rest, der dem Film seinen besonderen Charme verleiht

Natürlich braucht es im Superheldenkino eine Bedrohung, die groß genug ist, um ganze Welten erzittern zu lassen. Shakman hat dafür Galactus aus dem Hut gezogen. Und er tut das, was frühere Versuche nicht schafften: Er macht ihn greifbar. Keine amorphe Rauchwolke, sondern ein Titan, der Präsenz hat, dessen Anwesenheit den Film wie ein drohender Donner grollend unterlegt. Einer, dessen Schatten buchstäblich über Städten liegt.

Die Action-Szenen, die daraus entstehen, sind nicht bloße Effektorgien, sondern durchdacht choreografierte Tableaus. Immer wieder verschiebt sich die Dynamik zurück ins Ensemble: Vier Figuren, vier Kräfte, vier Persönlichkeiten, die im Zusammenspiel erst ihre Stärke entfalten. Genau darin liegt die Spannung: Es ist nicht einer gegen alle, sondern vier gegen das Unendliche. Der Silver Surfer, schon immer eine der faszinierendsten Figuren im Marvel-Kosmos, ist hier besonders elegant inszeniert. Schweigend, majestätisch, tragisch – der Surfer ist das poetische Herzstück des Films. Sein Zusammenspiel mit Galactus bringt nicht nur die nötige Gravitas, sondern auch eine Prise bittersüße Melancholie, die dem Ganzen Tiefe verleiht.

Wenn Nostalgie zur Superkraft wird

Shakman führt das Ganze mit einer ruhigen Hand und einem klaren Blick für Bilder, die haften bleiben. Die Kamera nimmt sich Zeit für Gesichter, für Details, für kleine Gesten – und wechselt dann wieder in bombastische Totalen, wenn Galactus’ Schatten über einer ganzen Stadt liegt. Die Bildsprache ist dabei weniger auf MTV-Ästhetik und schnelle Schnitte getrimmt, sondern eher klassisch, fast schon cineastisch-altmodisch – und genau das macht es so angenehm frisch. Dass Michael Giacchino ein Meister der Leitmotive ist, weiß man spätestens seit Up und The Batman. Hier liefert er abermals ein Werk, das über bloße Hintergrundbeschallung hinausgeht. Das Hauptthema der Fantastic Four ist heroisch und doch melancholisch, eine Art musikalische Reminiszenz an vergangene Zeiten. Es trägt denselben Retrogeist wie die Bilder, erhebt das Geschehen und verleiht ihm emotionale Schwere.

Bei der Besetzung hat Marvel mal wieder das sprichwörtliche goldene Händchen bewiesen. Das Quartett überzeugt auf ganzer Linie. Pedro Pascal als smarter, leicht nerdiger Reed Richards, Vanessa Kirby als resolute, warmherzige Sue Storm, Jospeh Quinn als vorlauter Johnny Storm mit seinem Funken jugendlicher Arroganz und und schließlich Ebon Moss-Bachrach als Ben Grimm alias The Thing, tragisch und charmant zugleich. Doch es ist nicht allein die individuelle Stärke, die zählt, sondern das Ensemble. Die Chemie zwischen den Vieren ist spürbar. Das Zusammenspiel wirkt organisch, nicht gezwungen. Man kauft ihnen die Rollen sofort ab. Besonders hervorzuheben ist die Beziehung zwischen Sue und Reed, die nie in plattes Soap-Drama abgleitet, sondern fein dosiert, glaubwürdig und manchmal mit einem ironischen Augenzwinkern serviert wird.

Fazit

The Fantastic Four: First Steps ist nicht der absolute „Gamechanger“, den manche vielleicht erwartet haben. Aber er ist genau das, was das MCU jetzt gebraucht hat: ein frischer Wind, ein klares Statement und ein Film, der sich traut, anders zu sein. Nach dem gelungenen Thunderbolts ist dies der zweite starke MCU-Beitrag in diesem Jahr – und einer der zeigt, dass Marvel verstanden hat, dass das Publikum mehr will als digitale Routine. Stattdessen: Mut zur eigenen Handschrift, ein Rückgriff auf die Wurzeln, verbunden mit kosmischem Pathos. Kein hektisches Umherirren mehr, kein verzweifeltes Hinterherjagen nach dem alten Glanz, sondern eine klare Vision: Back to basics, aber mit Stil. First Steps ist ein Anfang, der Lust auf mehr macht. Das MCU ist damit nicht gerettet, aber neu justiert. Die Kompassnadel zeigt wieder nach Norden. Und wenn Avengers: Doomsday und Secret Wars tatsächlich an diese Qualität anknüpfen, dann könnte man bald wieder davon sprechen, dass Superheldenkino mehr ist als nur ein weiteres Kapitel im ewigen Franchise-Zyklus.



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